Der vergessene Patient
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Wer heute ins Spital geht, wird vermessen, verwaltet und codiert, aber nicht immer geheilt. Genug ist genug, meint Günther Loewit.
Der Landarzt rechnet mit einem System ab, das Milliarden Euro verschlingt und Menschenleben kostet.
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Sie macht sich Vorwürfe. Fast täglich fragt sich die Wienerin Silvia Jelincic, 47, wie sie das viele Leid ihres krebskranken Vaters hätte verhindern können. Begonnen hat es mit einer angeblich unkomplizierten Wirbelsäulenoperation. Nachdem eine Metastase einen Wirbelkörper durchbrochen hatte, musste dieser stabilisiert werden, um das Gehen weiterhin zu ermöglichen.
Der Eingriff erfolgt meist durch Einspritzen von medizinischem Knochenzement in den geschädigten Wirbel. Doch die Behandlung verlief nicht wie geplant. Letztendlich wurde Jelincics 82jähriger Vater, der früher selbst Arzt war, drei Mal an der selben Stelle operiert.
„Nach dem ersten Eingriff hat sich eine Schraube gelockert, danach die Wunde entzündet, niemandem fiel das rechtzeitig auf. Vor der dritten Operation habe ich meinem Vater noch Mut zugesprochen. Das werde schon wieder, habe ich ihm gesagt. Doch er wusste es besser. ,Nein‘, sagte er, ,das wird nicht mehr. Die können das hier nicht.‘ Er behielt leider recht. Nach der dritten Operation schlitterte unser Vater ins Delirium“, erzählt die zweifache Mutter. „Davon hat er sich nicht mehr erholt.“ Vor Kurzem ist er gestorben.
Der Fall zeigt das Versagen des Gesundheitssystems in vollem Ausmaß. „Die Ärzte waren völlig empathiebefreit“, ärgert sich Jelincic. „Sie taten meist so, als wären sie zu beschäftigt, waren arrogant und unwissend. Wir sind noch immer schockiert, wie es in den Spitälern zugeht.“
Ihre Familientragödie verarbeitete die Journalistin nun in dem Buch „Der vergessene Patient“ (Verlag edition a). Die Basis dafür stammt vom Landarzt und Bestseller-
autor Günther Loewit, der mit dem maroden Gesundheitssystem hart ins Gericht geht.
Demnach bleibt der einzelne Patient auf der Strecke, weil die Pharmaindustrie ihre Milliarden-Gewinne vermehrt, die Politik den bürokratischen Wahnsinn verschlimmert und Ärzte ihre Ideale vergessen. „So wie Jelincics Vater fallen Menschen vermeidbaren Fehlern eines Systems zum Opfer, das überlastet und beinahe pervertiert ist“, kritisiert der 67jährige Allgemeinmediziner aus Marchegg in Niederösterreich.
Statt Heilung gilt Effizienz und Profitinteresse. „Darunter leidet die Gesundheit, denn jeder Patient ist ein eigenes Gesundheitssystem“, sagt der Landarzt. Exemplarisch ist für ihn der Fall einer jungen Patientin. Im fünften Monat schwanger, litt sie monatelang an Übelkeit. Ihre Gynäkologin schob dies auf Schwangerschaftsbeschwerden. Was untypisch war: Die Frau spuckte Blut. Die Ursache war bald gefunden. Zu Beginn der Schwangerschaft verschrieb die Gynäkologin täglich 150 Milligramm Aspirin, um das Risiko von Schwangerschafts-Bluthochdruck zu minimieren. „Doch die Frau hatte nie hohen Blutdruck“, erklärt Loewit. „Die moderne Medizin behandelt immer öfter mögliche Krankheiten statt den tatsächlichen Patienten.“ Nach Absetzen des Aspirins endete das blutige Erbrechen sofort.
Viele Ärzte gehen „auf Nummer sicher“ und verordnen zu viel, statt dem Körper Zeit zum Heilen zu geben. Voreilige und teure Vorsorgeuntersuchungen wie MRT und CT kosten die Krankenassen enorme Summen. Pro Kopf kostet ein MRT die Krankenkassen etwa 150 bis 170 Euro, eine CT-Untersuchung 100 bis 110 Euro. Zwischen den Jahren 2016 und 2023 stieg die Häufigkeit der CT-Untersuchungen um 80,1 Prozent und beim MRT um 68,7 Prozent an, verbunden mit Kosten im zweistelligen Millionenbereich. Nach Stand der Wissenschaft bringen viele solcher Untersuchungen, etwa bei unspezifischen Rückenschmerzen, klinisch keinen Mehrwert.
Ebenso stiegen die Ausgaben für Medikamente. Seit dem Jahr 2000 verdoppelte sich der Medikamentenumsatz auf 6,6 Milliarden Euro im Jahr 2024, bei unveränderter Gesundheit der Bevölkerung.
Die überalternde Gesellschaft erwies sich als Goldgrube. Den Gewinn machte die Pharmaindustrie. Für sie sind gute Ärzte jene, die das beste und teuerste Medikament verschreiben. „Dabei weiß die Wissenschaft bei mehr als fünf Medikamenten, die zeitgleich eingenommen werden, gar nicht mehr, was deren Wechselwirkungen im Körper auslösen“, erklärt Loewit.
Eine große Hürde bei der Behandlung der Patienten stellt aber die Bürokratie dar, die viele Ressourcen bindet.
Die Einführung der bundeseinheitlichen ambulanten Diagnosecodierung nach ICD-10, das ist eine medizinischen Klassifikationsliste der Weltgesundheitsorganisation (WHO), mit 1. Jänner, machte es noch schlimmer. Private Praxen, Kassenpraxen sowie Spitalsambulanzen sind seither verpflichtet, für jeden Patientenbesuch die Diagnose nach den codierten Vorgaben der Sozialversicherung zu schicken.
Ob Erkrankung oder Verdachtsdiagnose, selbst Symptome wie Schnupfen und Halskratzen müssen so als „akute Infektion der oberen Atemwege, nicht näher bezeichnet“, entsprechend codiert, vermerkt werden.
„Mediziner verschwenden bereits die Hälfte ihrer Zeit mit administrativen Tätigkeiten“, klagt Loewit.
Sie entfernen sich von der Lebenswirklichkeit ihrer Patienten. Pfleger, Sanitäter, aber auch Scharlatane übernehmen dagegen Tätigkeiten der Ärzte, weil sie das tun, was diese verlernt haben. Sie hören den Patienten zu und legen bei Bedarf Hand an.
Spitäler sind das Paradebeispiel. In überfüllten Notaufnahmen kümmern sich meist Pfleger um die Aufnahme von Personendaten. Der Arzt überfliegt diese nur. Wichtige Informationen gehen verloren. Mehr Geld für Personal und Spitäler lautet daher die oft verlangte Lösung.
„Allerdings ist das heimische Gesundheitssystem eines der teuersten der Welt und, gemessen am Erfolg, eines der ineffizientesten“, sagt Loewit. Während immer wieder von einer angespannten Budgetsituation die Rede ist, erreichten 2024 unsere Gesundheitsausgaben mit 57 Milliarden Euro (11,8 Prozent des Bruttoinlandsproduktes) einen neuen Höchststand. Zwischen zehn und zwanzig Prozent sind nach Schätzungen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) verschwendet, weil sie keinen Nutzen bringen.
Es braucht eine bessere Filterung in den Notaufnahmen der Spitäler und strukturelle Effizienz. „Besteht kein Notfall oder wurde ein Patient nicht von einem praktischen Arzt geschickt, sollte er nicht aufgenommen werden“, erklärt der niederösterreichische Mediziner.
Wege zur Rettung des Gesundheitssystems gibt es viele. Laut Prognosen fehlen bis zum Jahr 2030 fast 80.000 Pflegekräfte in unserem Land. Doch der Beruf wird weiter kaputtgespart, dabei könnten eine bessere Wertschätzungen und mehr Befugnisse für Krankenpfleger bereits viel bewegen. Ein positives Beispiel dafür ist Norwegen, wo Pfleger selbstständig arbeiten, ohne für jeden Schritt eine ärztliche Genehmigung zu benötigen. Dr. Loewit ist überzeugt: „Allein eine solche Veränderung des Pflegeberufes würde unser Gesundheitssystem stark verbessern.“
Genauso braucht es Hausverstand sowohl im System, als auch beim Patienten. Nicht jeder Fall von Sodbrennen ist ein Herzinfarkt und nicht jedes Nasenbluten ist einen Besuch in der Notaufnahme wert. „Maßnahmen können aber nur mit einem veränderten Bewusstsein angehender Ärzte Früchte tragen“, sagt der 67jährige. Denn Ärzte
verloren die Faszination am Heilen.
Heute motivieren Geld und Status zum Medizinstudium. Für Dr. Loewit sind das die falschen Voraussetzungen.
„Es muss wieder eine Ehre sein, Arzt sein zu dürfen. Engagierte Ärzte erfreuen sich an den Herausforderungen ihrer Arbeit.“ Gafgo
Der Eingriff erfolgt meist durch Einspritzen von medizinischem Knochenzement in den geschädigten Wirbel. Doch die Behandlung verlief nicht wie geplant. Letztendlich wurde Jelincics 82jähriger Vater, der früher selbst Arzt war, drei Mal an der selben Stelle operiert.
„Nach dem ersten Eingriff hat sich eine Schraube gelockert, danach die Wunde entzündet, niemandem fiel das rechtzeitig auf. Vor der dritten Operation habe ich meinem Vater noch Mut zugesprochen. Das werde schon wieder, habe ich ihm gesagt. Doch er wusste es besser. ,Nein‘, sagte er, ,das wird nicht mehr. Die können das hier nicht.‘ Er behielt leider recht. Nach der dritten Operation schlitterte unser Vater ins Delirium“, erzählt die zweifache Mutter. „Davon hat er sich nicht mehr erholt.“ Vor Kurzem ist er gestorben.
Der Fall zeigt das Versagen des Gesundheitssystems in vollem Ausmaß. „Die Ärzte waren völlig empathiebefreit“, ärgert sich Jelincic. „Sie taten meist so, als wären sie zu beschäftigt, waren arrogant und unwissend. Wir sind noch immer schockiert, wie es in den Spitälern zugeht.“
Ihre Familientragödie verarbeitete die Journalistin nun in dem Buch „Der vergessene Patient“ (Verlag edition a). Die Basis dafür stammt vom Landarzt und Bestseller-
autor Günther Loewit, der mit dem maroden Gesundheitssystem hart ins Gericht geht.
Demnach bleibt der einzelne Patient auf der Strecke, weil die Pharmaindustrie ihre Milliarden-Gewinne vermehrt, die Politik den bürokratischen Wahnsinn verschlimmert und Ärzte ihre Ideale vergessen. „So wie Jelincics Vater fallen Menschen vermeidbaren Fehlern eines Systems zum Opfer, das überlastet und beinahe pervertiert ist“, kritisiert der 67jährige Allgemeinmediziner aus Marchegg in Niederösterreich.
Statt Heilung gilt Effizienz und Profitinteresse. „Darunter leidet die Gesundheit, denn jeder Patient ist ein eigenes Gesundheitssystem“, sagt der Landarzt. Exemplarisch ist für ihn der Fall einer jungen Patientin. Im fünften Monat schwanger, litt sie monatelang an Übelkeit. Ihre Gynäkologin schob dies auf Schwangerschaftsbeschwerden. Was untypisch war: Die Frau spuckte Blut. Die Ursache war bald gefunden. Zu Beginn der Schwangerschaft verschrieb die Gynäkologin täglich 150 Milligramm Aspirin, um das Risiko von Schwangerschafts-Bluthochdruck zu minimieren. „Doch die Frau hatte nie hohen Blutdruck“, erklärt Loewit. „Die moderne Medizin behandelt immer öfter mögliche Krankheiten statt den tatsächlichen Patienten.“ Nach Absetzen des Aspirins endete das blutige Erbrechen sofort.
Viele Ärzte gehen „auf Nummer sicher“ und verordnen zu viel, statt dem Körper Zeit zum Heilen zu geben. Voreilige und teure Vorsorgeuntersuchungen wie MRT und CT kosten die Krankenassen enorme Summen. Pro Kopf kostet ein MRT die Krankenkassen etwa 150 bis 170 Euro, eine CT-Untersuchung 100 bis 110 Euro. Zwischen den Jahren 2016 und 2023 stieg die Häufigkeit der CT-Untersuchungen um 80,1 Prozent und beim MRT um 68,7 Prozent an, verbunden mit Kosten im zweistelligen Millionenbereich. Nach Stand der Wissenschaft bringen viele solcher Untersuchungen, etwa bei unspezifischen Rückenschmerzen, klinisch keinen Mehrwert.
Ebenso stiegen die Ausgaben für Medikamente. Seit dem Jahr 2000 verdoppelte sich der Medikamentenumsatz auf 6,6 Milliarden Euro im Jahr 2024, bei unveränderter Gesundheit der Bevölkerung.
Die überalternde Gesellschaft erwies sich als Goldgrube. Den Gewinn machte die Pharmaindustrie. Für sie sind gute Ärzte jene, die das beste und teuerste Medikament verschreiben. „Dabei weiß die Wissenschaft bei mehr als fünf Medikamenten, die zeitgleich eingenommen werden, gar nicht mehr, was deren Wechselwirkungen im Körper auslösen“, erklärt Loewit.
Eine große Hürde bei der Behandlung der Patienten stellt aber die Bürokratie dar, die viele Ressourcen bindet.
Die Einführung der bundeseinheitlichen ambulanten Diagnosecodierung nach ICD-10, das ist eine medizinischen Klassifikationsliste der Weltgesundheitsorganisation (WHO), mit 1. Jänner, machte es noch schlimmer. Private Praxen, Kassenpraxen sowie Spitalsambulanzen sind seither verpflichtet, für jeden Patientenbesuch die Diagnose nach den codierten Vorgaben der Sozialversicherung zu schicken.
Ob Erkrankung oder Verdachtsdiagnose, selbst Symptome wie Schnupfen und Halskratzen müssen so als „akute Infektion der oberen Atemwege, nicht näher bezeichnet“, entsprechend codiert, vermerkt werden.
„Mediziner verschwenden bereits die Hälfte ihrer Zeit mit administrativen Tätigkeiten“, klagt Loewit.
Sie entfernen sich von der Lebenswirklichkeit ihrer Patienten. Pfleger, Sanitäter, aber auch Scharlatane übernehmen dagegen Tätigkeiten der Ärzte, weil sie das tun, was diese verlernt haben. Sie hören den Patienten zu und legen bei Bedarf Hand an.
Spitäler sind das Paradebeispiel. In überfüllten Notaufnahmen kümmern sich meist Pfleger um die Aufnahme von Personendaten. Der Arzt überfliegt diese nur. Wichtige Informationen gehen verloren. Mehr Geld für Personal und Spitäler lautet daher die oft verlangte Lösung.
„Allerdings ist das heimische Gesundheitssystem eines der teuersten der Welt und, gemessen am Erfolg, eines der ineffizientesten“, sagt Loewit. Während immer wieder von einer angespannten Budgetsituation die Rede ist, erreichten 2024 unsere Gesundheitsausgaben mit 57 Milliarden Euro (11,8 Prozent des Bruttoinlandsproduktes) einen neuen Höchststand. Zwischen zehn und zwanzig Prozent sind nach Schätzungen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) verschwendet, weil sie keinen Nutzen bringen.
Es braucht eine bessere Filterung in den Notaufnahmen der Spitäler und strukturelle Effizienz. „Besteht kein Notfall oder wurde ein Patient nicht von einem praktischen Arzt geschickt, sollte er nicht aufgenommen werden“, erklärt der niederösterreichische Mediziner.
Wege zur Rettung des Gesundheitssystems gibt es viele. Laut Prognosen fehlen bis zum Jahr 2030 fast 80.000 Pflegekräfte in unserem Land. Doch der Beruf wird weiter kaputtgespart, dabei könnten eine bessere Wertschätzungen und mehr Befugnisse für Krankenpfleger bereits viel bewegen. Ein positives Beispiel dafür ist Norwegen, wo Pfleger selbstständig arbeiten, ohne für jeden Schritt eine ärztliche Genehmigung zu benötigen. Dr. Loewit ist überzeugt: „Allein eine solche Veränderung des Pflegeberufes würde unser Gesundheitssystem stark verbessern.“
Genauso braucht es Hausverstand sowohl im System, als auch beim Patienten. Nicht jeder Fall von Sodbrennen ist ein Herzinfarkt und nicht jedes Nasenbluten ist einen Besuch in der Notaufnahme wert. „Maßnahmen können aber nur mit einem veränderten Bewusstsein angehender Ärzte Früchte tragen“, sagt der 67jährige. Denn Ärzte
verloren die Faszination am Heilen.
Heute motivieren Geld und Status zum Medizinstudium. Für Dr. Loewit sind das die falschen Voraussetzungen.
„Es muss wieder eine Ehre sein, Arzt sein zu dürfen. Engagierte Ärzte erfreuen sich an den Herausforderungen ihrer Arbeit.“ Gafgo
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