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Ausgabe Nr. 48/2025 vom 26.11.2025, Fotos: Franz Neumayr, zvg
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www.salzburgeradventsingen.at
Eintrittskarten ab € 17,–, Tel.: 0662 84 3182
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Edwin Hochmuth als „Der blinde Hirte“
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Die Hirtenkinder
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Die Jungfrau Maria
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Hans Köhl
Wo Salzburg Stille findet
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Das Adventsingen ist als langjährige Tradition fest in der Vorweihnachtszeit verankert. Heuer soll ein blinder Hirte den Besuchern das Wunder von Jesu Geburt näherbringen.
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Draußen drängen sich Touristen und Einheimische durch die engen Gassen der Weihnachtsmärkte. Laut, hektisch und mit von der Kälte geröteten Backen. Drinnen, im Großen Festspielhaus der Stadt, ist alles ganz still. In Kürze beginnt jene Aufführung, die viele herbeisehnen, das Salzburger Adventsingen. Seit dem Jahr 1946 wird hier, wo sonst im Sommer bei Schlechtwetter der „Jedermann“ den Tod herausfordert, das Mysterium von Jesu Geburt gefeiert. Und zwar mit einer Inbrunst, die Jahr für Jahr Menschen aus aller Welt anzieht.

Hans Köhl, 69, Gesamt- und Produktionsleiter, schlendert durch die Gänge, als sei es sein zweites Zuhause. „Für mich ist das ganze Jahr Weihnachten“, sagt der gebürtige Steirer und lacht über die Absurdität, im Hochsommer bei 30 Grad ein neues Stück über Winter, Wunder und Wiederkehr zu schreiben.

Doch die lange Vorlaufzeit ist für eine ausgiebige Recherche, das Verfassen eines Konzeptes und das Schreiben des Drehbuches unabdingbar. „Zwei Jahre vorher muss ich eigentlich schon wissen, was als Nächstes kommt.“ Köhl stand als Teil des Vokalensembles selbst zwölf Jahre lang auf der Bühne, vor 26 Jahren hat er die Intendanz von Tobi Reiser übernommen. Ein Generationenwechsel, den er selbst als „Feuer weitergeben“ beschreibt. Und Feuer brennt hier reichlich, denn insgesamt 180 Menschen stehen voller Leidenschaft und Hingabe hinter dem Stück, Sänger, Musiker, Darsteller und Hirtenkinder.

Die Kinder sind immer ein besonderer Publikumsmagnet. Das Auswahlverfahren ist streng, die Nachfrage groß. „Waren es früher vor allem mehr Burschen, sind die Mädchen heute in der Überzahl.“ Trompeten, Querflöten, Geigen, Hackbretter und Harmonikas wollen geübt und Proben koordiniert werden. „Die Terminkalender der Kinder sind heutzutage voller als die der Erwachsenen“, sagt Köhl schmunzelnd.

Die Jüngsten sind erst sechs Jahre alt, der älteste Teilnehmer bereits älter als 80. Manche sind seit Jahrzehnten dabei, wie Markus Helminger, der Betreuer der Hirtenkinder, der selbst in den 1960ern als Bub auf der Bühne stand. „So eine Gemeinschaft haben wir noch nie erlebt“, sagen viele, die neu hinzustoßen. Es ist kein Theaterensemble, es ist eine Familie.

Heuer wird das Stück „Der blinde Hirte“ aufgeführt, das nach 2017 neu adaptiert und in der Hauptrolle mit Edwin Hochmuth besetzt wurde. Der blinde Hirte sieht dabei mehr als alle anderen, denn er erfährt die Welt über geschärfte Sinne. So wird ein neu gedachter Bogen rund um das Geschehen bei Maria und Josef gespannt. Hochmuth wandert dabei als blinder Hirte Jakob durch ein Bühnenbild, das an Judäa erinnert und zugleich dem Dachsteinmassiv nachempfunden ist. Es stammt vom Bühnenbildner Andreas Ivancsics, bekannt von den Seefestspielen Mörbisch (B). Ivancsics betont: „Beim Adventsingen ist alles Handwerk. Vom 75 Meter langen Bühnenbild bis zum Kostüm.“ Brigitte Schiebler, verantwortlich für das Kostümbild, bestätigt dies. „Nachdem die Darsteller im Gebirge unterwegs sind, wurden heuer vorrangig Leinen- und Lodenstoffe verarbeitet. Wir haben ein großes Lager und es ist mir wichtig, dass wir nachhaltig arbeiten. Daher werden
bestehende Kostüme überarbeitet, aufgetrennt, umgenäht und neu geschneidert.“

Köhl hat dabei einen ganz persönlichen Zugang zu der Geschichte. „Ich war selbst mehrmals mit einem blinden Freund in den Bergen“, erzählt er. „Der sagte plötzlich: ‚Hör die Zirbe da rechts.‘ Er sah nichts, aber er nahm wahr, was mir entging.“ Diese Idee prägt das gesamte Stück.

Das Adventsingen ist keine klassische Weihnachtsgeschichte. „Volksmusik hat bei uns ein sehr großes Gewicht, aber wir wollen auch künstlerische Botschaften rüberbringen, nicht nur christliche“, sagt Köhl. „Wir wollen die Menschen von heute erreichen.“

Die Texte und Themen haben sich verändert, ihre Tiefe jedoch nicht. Sie handeln von Hoffnung, Herkunft und dem Staunen über das Leben.

Und in Salzburg funktioniert dieses Format wie nirgendwo anders. Mit 2.200 Menschen pro Aufführung ist der Saal ausgelastet, knapp zwei Stunden wird an drei Advent-Wochenenden gespielt (jeweils Freitag bis Sonntag, 28. November bis 14. Dezember). Die meisten Samstage sind bereits lange im Voraus ausverkauft, freitags und sonntags gibt es noch Plätze.

„Für viele gehört das Adventsingen einfach zu Weihnachten“, weiß Köhl. Einige der Besucher reisen dafür sogar von weit her an. „Wir begrüßen immer wieder internationale Gäste aus Australien, Neuseeland oder Amerika. Und selbst Besucher aus Italien, die kein Wort Deutsch verstehen, sagen am Ende nur: bellissimo.“

Für Hans Köhl ist der Kern der Adventzeit „das Runterkommen. Sich auf das Wesentliche konzentrieren. Unser Leben ist so kostbar und so fragil. Wir sollten uns mehr Zeit für das Wichtige nehmen.“ Und vielleicht ist es genau das, was das Salzburger Adventsingen seinen Besuchern schenkt, zwei Stunden Ruhe und Besinnung.

Am Ende jeder Aufführung, wenn die letzten Töne verklungen sind, entsteht jene Stille, die für Köhl den schönsten Lohn enthält. „Das ist der Moment, bevor der Applaus einsetzt. Diese Energie, diese Dankbarkeit. Da weiß ich, wir haben die Menschen erreicht.“
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