Die Tiroler steigen auf die Barrikaden:
„Wir waren vor der Autobahn da“
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Im nächsten Jahr wird es auf der Brennerautobahn Totalblockaden geben. Damit will Karl Mühlsteiger, der Bürgermeister von Gries am Brenner (T), gegen die Verkehrslawine ankämpfen, die das Wipptal überrollt. Es geht auch um die Gesundheit seiner Bürger.
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Wenn im Wipptal der Verkehr steht, mag das für Autofahrer ein Ärgernis sein. Für die Bewohner der angrenzenden Dörfer ist es eine Katastrophe. „Wir sind den Verkehr seit Jahrzehnten gewohnt“, sagt Karl Mühlsteiger, der Bürgermeister von Gries am Brenner. „Aber inzwischen ersticken wir daran.“
Das Tiroler Wipptal reicht von Schönberg im Stubaital bis Gries am Brenner, nahe der italienischen Grenze. Elf Gemeinden reihen sich in dieser Nord-Süd-Verbindung aneinander, 16.000 Menschen leben hier, die unter dem Transitverkehr leiden. Hinter der Grenze schließt das Südtiroler Wipptal mit Orten wie Brenner, Gossensaß und Sterzing an.
Im Jahr 2023 rollten mehr als 14 Millionen Fahrzeuge über den Brennerpass – so viele wie noch nie.
Während der Lkw-Verkehr leicht zurückging, legten die Pkw um fast eine halbe Million zu. Trotzdem wurde heuer eine von Mühlsteiger geplante Protestversammlung, die sich auch gegen den Neubau der Luegbrücke richten sollte, von der Bezirkshauptmannschaft Innsbruck-Land untersagt.
Doch der Bürgermeister ließ nicht locker, zog vor Gericht und bekam Recht. Jetzt plant er für das kommende Jahr Totalblockaden der Brennerautobahn. „Wir wollen im Frühling und Spätsommer demonstrieren – dann friert wenigstens keiner“, sagt er. Gesperrt werden soll die A13 von Innsbruck-Süd bis zur italienischen Grenze. Und das für mehrere Stunden.
Mühlsteiger und seine Mitstreiter fordern modernen Lärmschutz entlang der gesamten A13. „Andere Bundesländer haben das längst, wir nicht“, sagt er und verweist etwa auf Zederhaus im Salzburger Lungau. Dort verschwand die Tauernautobahn nach 40 Jahren endlich in einem Tunnel und die Luftwerte verbesserten sich spürbar. Auch beim Geld sieht der Bürgermeister Schieflagen. „Die Mautstelle Schönberg an der Brennerautobahn nimmt mehr als 100 Millionen Euro im Jahr ein. Das Geld fließt nach Wien, der Lärm bleibt bei uns.“ Völlig unverständlich ist für ihn auch die geplante Verbreiterung der A13 um elf Meter.
„Italien wird auf seiner Seite bis Bozen in den nächs-
ten Jahren nichts erweitern. Eine dritte Spur bei uns wäre nur der nächste Flaschenhals – und Gries erstickt endgültig.“ Dazu kommt die Forderung der Tiroler Wirtschaftskammer-Präsidentin Barbara Thaler, das Wochenend-Fahrverbot im Bereich der A13 aufzuweichen. „Sie muss sich vor Augen halten, was das für die Bevölkerung bedeutet. Wir hätten dann noch mehr Fahrtbewegungen, genau zu der Zeit, wo wir für ein paar Stunden Ruhe tanken können.“
Was Mühlsteiger besonders empört, ist die Gleichgültigkeit der Behörden. „Wir haben keine Messstelle für Ultrafeinstaub. Das Land meint, wir sollen uns selbst ein Messgerät kaufen. Das kostet 450.000 Euro und ist für eine 1.400-Einwohner-Gemeinde unleistbar.“
Der Ultrafeinstaub besteht aus winzigen Partikeln in der Luft, die kleiner als 0,1 Mikrometer sind. Das ist tausend Mal dünner als ein menschliches Haar. Die Folgen sind nicht nur Atemwegs- und Herzkreislauf-, sondern auch neurologische Erkrankungen wie Alzheimer, Demenz und Depressionen. Auch Probleme mit der Fruchtbarkeit und in der Schwangerschaft werden auf Ultrafeinstaub zurückgeführt.
Was dem Bürgermeister also vorerst bleibt, sind eigene Beobachtungen. „Wir sehen, dass im Tal auffallend viele Menschen an Krebs erkranken“, sagt er. „Auch Ärzte teilen diese Beobachtung, wollen sich aber nicht äußern.“ Einen wissenschaftlichen Nachweis dafür gibt es bislang nicht. Mühlsteiger fordert daher eine medizinische Untersuchung über mögliche Zusammenhänge zwischen Verkehr, Feinstaub und Erkrankungen im Wipptal. Vom Land Tirol fühlt er sich dabei im Stich gelassen. „Da stoßen wir auf taube Ohren“, sagt der Bürgermeister. „Das Thema ist tabu, keiner will es anfassen.“
Das Amt der Tiroler Landesregierung meint auf Nachfrage der WOCHE, eine Studie sei nicht notwendig. „Die Zusammenhänge zwischen Straßenverkehr und Herz-Kreislauferkrankungen beziehungsweise Lungenerkrankungen sind durch zahlreiche internationale Studien hinlänglich gut belegt, weshalb auch die künftig einzuhaltenden Luftschadstoffgrenzen erst kürzlich per EU-Richtlinie erneut gesenkt wurden, um die Gesundheit der Bevölkerung zu schützen.“
Doch die mehr als 14 Millionen Fahrzeuge im Jahr führen auch im Alltag zu Herausforderungen. „Normalerweise brauchte man für die Strecke Innsbruck – Gries 25 bis 30 Minuten. Heute dauert es oft zwei Stunden“, erzählt Mühlsteiger. An Ferienwochenenden legen die Bewohner Vorräte an, weil sie wissen, dass sie das Haus kaum verlassen können. Besonders tragisch in Erinnerung ist dem Bürgermeister, der auch bei der Feuerwehr ist, der Fall eines Mannes, der einen Herzinfarkt erlitten hat. „Die Rettung stand im Stau, der Hubschrauber konnte wegen Nebels nicht landen. Er ist gestorben. Solche Erlebnisse vergisst man nicht.“
Immerhin kämpft der Grieser Bürgermeister zumindest nicht mehr allein. „Wir haben den Schulterschluss mit allen Bürgermeistern von Brenner bis Trient geschafft. Auch in Bayern sind wir vernetzt.“ Dort hat er sich auch angesehen, warum es bei den Zulaufstrecken zum Brennerbasistunnel so schleppend vorangeht. Mit dem Ende der Ampelregierung in Deutschland hofft Mühlsteiger nun auf Fortschritte.
„Nur wenn der Güterverkehr endlich auf die Schiene kommt, kann das Wipptal aufatmen.“ Für die geplanten Demos 2026 rechnet er mit 500 bis 1.000 Teilnehmern. Und wie im Jahr 2000 bei der bislang letzten Blockade der A13 sollen die Menschen wieder mit dem Fahrrad über die Autobahn fahren dürfen – der Antrag läuft bereits. „Das war damals der Höhepunkt für uns Jugendliche“, erinnert sich Mühlsteiger.
„Vielleicht schaffen wir diesmal ein Signal, das man
bis Wien hört. Denn eines ist klar: Wir waren vor der
Autobahn da.“ reiter
Das Tiroler Wipptal reicht von Schönberg im Stubaital bis Gries am Brenner, nahe der italienischen Grenze. Elf Gemeinden reihen sich in dieser Nord-Süd-Verbindung aneinander, 16.000 Menschen leben hier, die unter dem Transitverkehr leiden. Hinter der Grenze schließt das Südtiroler Wipptal mit Orten wie Brenner, Gossensaß und Sterzing an.
Im Jahr 2023 rollten mehr als 14 Millionen Fahrzeuge über den Brennerpass – so viele wie noch nie.
Während der Lkw-Verkehr leicht zurückging, legten die Pkw um fast eine halbe Million zu. Trotzdem wurde heuer eine von Mühlsteiger geplante Protestversammlung, die sich auch gegen den Neubau der Luegbrücke richten sollte, von der Bezirkshauptmannschaft Innsbruck-Land untersagt.
Doch der Bürgermeister ließ nicht locker, zog vor Gericht und bekam Recht. Jetzt plant er für das kommende Jahr Totalblockaden der Brennerautobahn. „Wir wollen im Frühling und Spätsommer demonstrieren – dann friert wenigstens keiner“, sagt er. Gesperrt werden soll die A13 von Innsbruck-Süd bis zur italienischen Grenze. Und das für mehrere Stunden.
Mühlsteiger und seine Mitstreiter fordern modernen Lärmschutz entlang der gesamten A13. „Andere Bundesländer haben das längst, wir nicht“, sagt er und verweist etwa auf Zederhaus im Salzburger Lungau. Dort verschwand die Tauernautobahn nach 40 Jahren endlich in einem Tunnel und die Luftwerte verbesserten sich spürbar. Auch beim Geld sieht der Bürgermeister Schieflagen. „Die Mautstelle Schönberg an der Brennerautobahn nimmt mehr als 100 Millionen Euro im Jahr ein. Das Geld fließt nach Wien, der Lärm bleibt bei uns.“ Völlig unverständlich ist für ihn auch die geplante Verbreiterung der A13 um elf Meter.
„Italien wird auf seiner Seite bis Bozen in den nächs-
ten Jahren nichts erweitern. Eine dritte Spur bei uns wäre nur der nächste Flaschenhals – und Gries erstickt endgültig.“ Dazu kommt die Forderung der Tiroler Wirtschaftskammer-Präsidentin Barbara Thaler, das Wochenend-Fahrverbot im Bereich der A13 aufzuweichen. „Sie muss sich vor Augen halten, was das für die Bevölkerung bedeutet. Wir hätten dann noch mehr Fahrtbewegungen, genau zu der Zeit, wo wir für ein paar Stunden Ruhe tanken können.“
Was Mühlsteiger besonders empört, ist die Gleichgültigkeit der Behörden. „Wir haben keine Messstelle für Ultrafeinstaub. Das Land meint, wir sollen uns selbst ein Messgerät kaufen. Das kostet 450.000 Euro und ist für eine 1.400-Einwohner-Gemeinde unleistbar.“
Der Ultrafeinstaub besteht aus winzigen Partikeln in der Luft, die kleiner als 0,1 Mikrometer sind. Das ist tausend Mal dünner als ein menschliches Haar. Die Folgen sind nicht nur Atemwegs- und Herzkreislauf-, sondern auch neurologische Erkrankungen wie Alzheimer, Demenz und Depressionen. Auch Probleme mit der Fruchtbarkeit und in der Schwangerschaft werden auf Ultrafeinstaub zurückgeführt.
Was dem Bürgermeister also vorerst bleibt, sind eigene Beobachtungen. „Wir sehen, dass im Tal auffallend viele Menschen an Krebs erkranken“, sagt er. „Auch Ärzte teilen diese Beobachtung, wollen sich aber nicht äußern.“ Einen wissenschaftlichen Nachweis dafür gibt es bislang nicht. Mühlsteiger fordert daher eine medizinische Untersuchung über mögliche Zusammenhänge zwischen Verkehr, Feinstaub und Erkrankungen im Wipptal. Vom Land Tirol fühlt er sich dabei im Stich gelassen. „Da stoßen wir auf taube Ohren“, sagt der Bürgermeister. „Das Thema ist tabu, keiner will es anfassen.“
Das Amt der Tiroler Landesregierung meint auf Nachfrage der WOCHE, eine Studie sei nicht notwendig. „Die Zusammenhänge zwischen Straßenverkehr und Herz-Kreislauferkrankungen beziehungsweise Lungenerkrankungen sind durch zahlreiche internationale Studien hinlänglich gut belegt, weshalb auch die künftig einzuhaltenden Luftschadstoffgrenzen erst kürzlich per EU-Richtlinie erneut gesenkt wurden, um die Gesundheit der Bevölkerung zu schützen.“
Doch die mehr als 14 Millionen Fahrzeuge im Jahr führen auch im Alltag zu Herausforderungen. „Normalerweise brauchte man für die Strecke Innsbruck – Gries 25 bis 30 Minuten. Heute dauert es oft zwei Stunden“, erzählt Mühlsteiger. An Ferienwochenenden legen die Bewohner Vorräte an, weil sie wissen, dass sie das Haus kaum verlassen können. Besonders tragisch in Erinnerung ist dem Bürgermeister, der auch bei der Feuerwehr ist, der Fall eines Mannes, der einen Herzinfarkt erlitten hat. „Die Rettung stand im Stau, der Hubschrauber konnte wegen Nebels nicht landen. Er ist gestorben. Solche Erlebnisse vergisst man nicht.“
Immerhin kämpft der Grieser Bürgermeister zumindest nicht mehr allein. „Wir haben den Schulterschluss mit allen Bürgermeistern von Brenner bis Trient geschafft. Auch in Bayern sind wir vernetzt.“ Dort hat er sich auch angesehen, warum es bei den Zulaufstrecken zum Brennerbasistunnel so schleppend vorangeht. Mit dem Ende der Ampelregierung in Deutschland hofft Mühlsteiger nun auf Fortschritte.
„Nur wenn der Güterverkehr endlich auf die Schiene kommt, kann das Wipptal aufatmen.“ Für die geplanten Demos 2026 rechnet er mit 500 bis 1.000 Teilnehmern. Und wie im Jahr 2000 bei der bislang letzten Blockade der A13 sollen die Menschen wieder mit dem Fahrrad über die Autobahn fahren dürfen – der Antrag läuft bereits. „Das war damals der Höhepunkt für uns Jugendliche“, erinnert sich Mühlsteiger.
„Vielleicht schaffen wir diesmal ein Signal, das man
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