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Ausgabe Nr. 48/2025 vom 26.11.2025, Fotos: AdobeStock, APA-Images, Vogt Gergely
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Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán.
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Der Jurist Bence Bauer hat Einblick in die ungarische Politik.
Im Kampf gegen
die Geburten-Krise
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In unserem Land werden immer weniger Kinder geboren. Die langfristigen Folgen daraus betreffen Wirtschaft und Gesellschaft gleichermaßen. Das Beispiel Ungarn zeigt, wie mit familienfreundlicher Politik und Steueranreizen erfolgreich gegengesteuert werden kann.
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Überall auf der Welt nehmen die Geburtenzahlen ab. Der globale Schnitt liegt heute bei 2,3 Kindern und ist damit nur noch halb so hoch wie vor 100 Jahren. In Südkorea bekommen Frauen überhaupt nur noch 0,7 Kinder.

Auch in unserem Land hat die Fertilitätsrate – damit wird die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau angegeben – mittlerweile einen historischen Tiefstand erreicht. Mehr als ein Fünftel der Frauen, die zwischen 1970 und 1985 geboren wurden, bleiben kinderlos – ob gewollt oder ungewollt. Im Jahr 2024 etwa wurden landesweit nur noch 1,31 Kinder pro Frau geboren. Im Jahr 2022 lag diese Zahl noch bei 1,4.

Und die neuesten Zahlen der Statistik Austria zeigen einen weiteren Abwärtstrend. Demnach sind in den ersten drei Quartalen des heurigen Jahres 1,8 Prozent weniger Kinder (57.298) auf die Welt gekommen als im Vergleichszeitraum des Vorjahres (58.328). „Diese Entwicklung ist besorgniserregend. Wir beobachten seit 2021 einen regelrechten Absturz der Geburtenzahlen“, weiß etwa der Gynäkologe DDr. Christian Fiala.

Erst vor Kurzem warnte die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) davor, dass die meisten Länder wegen der rapide sinkenden Geburtenraten mit einem „beispiellosen Einbruch“ des Wirtschaftswachstumes konfrontiert sein würden. Um die Bevölkerung auf lange Sicht stabil zu halten, wären zumindest 2,1 Kinder pro Frau nötig. Bei einem Bevölkerungsrückgang kommt beispielsweise das Pensionssystem unter Druck und auch der Fachkräftemangel verschärft sich.

Mögliche Ursachen für die niedrige Geburtenrate im Land sind zum einen die hohen Lebenshaltungskosten, darunter auch die Mieten – leistbare Wohnungen mit drei oder mehr Zimmern sind kaum zu finden. Dazu kommt der Spagat zwischen Kind und Beruf. Vor allem im ländlichen Bereich fehlt oft ein flächendeckendes Betreuungsangebot, das eine Vollzeitstelle für Mütter zulässt. Die Kosten für die Kinderbetreuung sind ein zusätzlicher Faktor und variieren stark, abhängig von der Betreuungsart, dem Bundesland und dem Familieneinkommen. In Vorarlberg etwa sind laut Tariftabelle des Landes für ein zweijähriges Kind mit 45 Stunden Betreuung pro Woche monatlich € 467,– fällig. Zusätzlich zum Betreuungstarif werden rund € 120,– für den monatlichen Essensbeitrag berechnet.

In Wien ist der städtische Kindergarten für ein Kind in diesem Alter beitragsfrei, solange mindestens ein Elternteil den Hauptwohnsitz dort hat. Kosten entstehen für die Verpflegung (€ 85,–) und besondere pädagogische Angebote. Aufgrund der klammen Finanzlage der Stadt Wien stand das 2009 eingeführte Gratis-Kindergarten-Angebot kurzzeitig auf der Kippe. Für 2026 sind die beitragsfreien Betreuungsplätze aber vorerst gesichert.

Dabei zeigt sich immer mehr, dass der Ausbau guter Kinderbetreuungseinrichtungen den größten Nutzen für Eltern und die Gesellschaft bringt. Eine Maßnahme, auf die etwa unser Nachbarland Ungarn setzt. Dort ist die Ganztagsbetreuung – von 7 Uhr in der Früh bis 17 Uhr – flächendeckend im ganzen Land für einen meist symbolischen Betrag von 30 bis 40 Euro verfügbar.

Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán setzt alle verfügbaren Mittel ein, um der demografischen Krise entgegenzuwirken und Hindernisse für die Gründung einer Familie und die Geburt von Kindern abzubauen. Ganz nach dem Motto, mehr Kinder braucht das Land, denn „ohne ungarische Kinder gibt es keine ungarische Zukunft“, ist Orbán überzeugt.

„Der ungarische Ansatz wird international viel diskutiert. Der Blick auf Ungarn zeigt jedoch, wie aktiv staatliche Familienpolitik gestaltet werden kann“, sagt Bence Bauer, der Direktor des Deutsch-Ungarischen Institutes für Europäische Zusammenarbeit am Mathias Corvinus Collegium in Budapest.

In Ungarn sei der demographische Tiefpunkt mit 1,2 Geburten im Jahr 2010 erreicht worden. Die dortige Familienpolitik führte zu einer Steigerung auf 1,59, „die in den vergangenen Jahren wieder auf 1,46 sank. Parallel zu diesem Geburtenanstieg stieg auch die Beschäftigungsquote bei den Frauen, was eigentlich widersprüchlich sein müsste, doch in Ungarn erstaunlicherweise gut miteinander im Einklang steht“, erklärt Bauer.

Laut dem Experten unterscheiden sich die Maßnahmen der ungarischen Familienpolitik insofern von den westeuropäischen Modellen, weil sie auf steuerlichen Maßnahmen beruhen und nicht als Sozialpolitik mit einem Kindergeld für alle nach dem Gießkannenprinzip verstanden werden, sondern als integraler Teil der Gesellschaftspolitik. „Die Grundthese lautet, dass die Gründung einer Familie nicht zu sozialen oder wirtschaftlichen Nachteilen führen darf.“

So soll es eine lebenslange Einkommensteuerbefreiung für Mütter mit zwei Kindern ab 2026 geben. Für Mütter mit drei Kindern gilt das schon seit heuer im Oktober. Und Frauen mit vier oder mehr Kindern zahlen bereits seit 2020 keine Einkommensteuer mehr.

Außerdem wurde das Elterngeld bis zum Kindesalter von 168 Tagen um 30 Prozent erhöht. Geht die Mutter ab dem Kindesalter von drei Monaten wieder arbeiten, kann sie dieses erhöhte Elterngeld zusätzlich zum vollen Gehalt beziehen.

„Bis zum Alter von zwei Jahren ist dieses Elterngeld auf etwa 1.100 Euro maximiert, kann aber parallel zum Arbeitsentgelt bezogen werden. Arbeitgeber, die eine zurückkehrende Mutter beschäftigen, sind drei Jahre lang von den Sozialversicherungsabgaben befreit.“

Eines der beliebtesten familienpolitischen Instrumente in Ungarn ist das 2019 eingeführte Babydarlehen. „Demnach können Familien einen zinsgünstigen Kredit zur freien Verwendung in Höhe von rund € 25.000,– erhalten, der bei der Geburt von drei Kindern nicht zurückgezahlt werden muss“, erklärt Bauer. „Bis Juli 2024 haben bereits 250.000 Ehepaare das Babydarlehen mit einer Gesamtdarlehenssumme von mehr als sechs Milliarden Euro aufgenommen.“

Seit dem Jahr 2010 wurden mindestens 180.000 Kinder geboren, die ohne die Familienfördermaßnahmen nicht zur Welt gekommen wären, ist sich der Experte sicher. Die finanziellen Anreize sind „die Antwort der Ungarn auf den Geburtenrückgang, nicht die Migration“, weiß auch Viktor Orbán, der wegen seiner restriktiven Einwanderungspolitik aber immer wieder in der Kritik der EU steht.

Dass die Bevölkerung in unserem Land trotz sinkender Geburtenrate wächst, liegt hingegen zunehmend an der Migration. Von den 9,17 Millionen Einwohnern haben mehr als 1,8 Millionen eine nicht-österreichische Nationalität. Das trifft auch auf 18.433 von insgesamt 77.238 Kindern, die 2024 in unserem Land geboren wurden, zu. Fälle wie der einer in Wien lebenden syrischen Großfamilie mit elf Kindern, die mehr als € 9.000,– (davon € 6.000,– Sozialhilfe und € 3.000,– Familienbeihilfe) pro Monat als Unterstützung erhält, sorgen für Kritik am System.

Überlegungen, etwa die Familienbeihilfe ab dem vierten Kind – derzeit gibt es 38.800 Familien mit vier und mehr Kindern im Land (37.200 im Jahr 2014) – zu streichen, „seien aber familienfeindlich, ungerecht und kurzsichtig. Diese Maßnahme würde insbesondere all jene treffen, die am meisten zur Zukunft unseres Landes beitragen, nämlich österreichische Familien mit mehreren Kindern“, sieht das der FPÖ-Chef Herbert Kickl kritisch.

Der größte Anteil des Geldes, das ausländische Großfamilien vom Staat geschenkt bekommen, stamme insbesondere aus der Mindestsicherung. Die Auszahlung von Sozialleistungen gehöre an die österreichische Staatsbürgerschaft gekoppelt. „Damit schützen wir unsere Sozialsysteme“, betont Kickl. rz
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