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Ausgabe Nr. 47/2025 vom 19.11.2025, Fotos: Roland Holitzky
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Franz Huber bei der Produktion der Schafwolle.
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Lebensgefährtin Martina Lüftenegger bei der Endverarbeitung.
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Feiner Zwirn vom Schaf
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In einer alten Werkstatt im Salzburger Lungau verwandelt Franz Huber gemeinsam mit seiner Familie Steinschafwolle in maßgeschneiderte Strickjacken. Den Rohstoff liefern Bauern.
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Wer die schwere Holztür zu Franz Hubers Werkstatt in Mariapfarr (S) öffnet, taucht ein in eine Welt, die nach Schafwolle, Holz und gelebter Geschichte duftet. Es riecht warm und erdig, ein wenig nach Lanolin. Drinnen rattern Maschinen, die seit bald hundert Jahren ihren Dienst tun – sie schnurren, surren, quietschen leise, als wollten sie von einer Zeit erzählen, in der Handwerk noch Herzblut war. „Ich bin da hineingewachsen“, sagt Franz Huber, 50, mit einem zufriedenen Lächeln. „Schon mit zwei Jahren bin ich zwischen den Webstühlen herumgekrabbelt, der Vater hat damals schon gearbeitet, und ich war immer mittendrin.“

Sein Vater Willi hat den Betrieb im Jahr 1949 in Bruckdorf im Lungau gegründet, und als er 2013 im hohen Alter von 95 verstarb, übernahm der Sohn das Ruder. Doch eigentlich war der Übergang fließend. Bereits 1994 stieg er ein, nachdem er seine Ausbildung zum Weber bei Loden-Steiner im steirischen Mandling abgeschlossen hatte, wo er von 1990 bis 1993 gelernt hat, wie Tradition mit Qualität verwoben wird. Auf diese Weise bekam das Familienunternehmen neuen Schwung. Im Jahr 1996 wurde nicht nur die Werkstatt erweitert, sondern auch neue Maschinen wurden angeschafft, darunter eine Anlage zur Wollaufbereitung. Die Wolle stammt ausschließlich von kleinen Bauern aus dem Lungau, der Steiermark und Tirol – und fast immer vom robusten, widerstandsfähigen Steinschaf. Rund 4.000 Kilo Rohwolle landen pro Jahr bei Huber – ungewaschen, naturbelassen und in großen Ballen gepresst. Zuerst wird die Rohwolle sortiert, dann zur einzigen Wollwäscherei Tirols gebracht. Dort wird sie gründlich gereinigt, bevor sie, duftend nach frischer Bergluft, zurück in die Werkstatt kommt.

Hier beginnt ihr zweites Leben. Vom Schaf bis zur Strickjacke ist es ein Weg in vielen kleinen Schritten. Mutter Rosa, 70, hilft noch immer mit, Lebensgefährtin Martina Lüftenegger, 38, steht seit zwanzig Jahren ebenfalls an der Seite von Franz, und Tochter Viktoria, 9, huscht zwischen Strickmaschinen und Wollballen hindurch, als wäre das alles das Normalste der Welt.

So wie es einst ihr Papa getan hat. „Wir wohnen hier, wir arbeiten hier, das ist kein Beruf, das ist unser Leben“, sagt Franz Huber und verweist auf einen riesigen Speicherkasten, in dem die Wolle gelockert und durchmischt wird. Ein Wirbel aus weichen Fasern entsteht, der durch den sogenannten Zyklon entsteht und mit einem Gebläse weitertransportiert wird. „Das ist wie beim Kuchenbacken“, meint Huber. „Nur wenn die Mischung stimmt, wird auch später die Farbe gleichmäßig.“ Dann zähmt die alte Krempelmaschine das luftige Chaos. Sie zieht die Fasern auseinander, legt sie übereinander, bis ein feines, flauschiges Vlies entsteht und damit erahnen lässt, wie der künftige Stoff aussehen wird.

Aus diesem Vlies wird ein Vorgarn, das mehrfach gedreht und gestrafft wird. In der Spinnmaschine, die klingt wie ein übergroßes Uhrwerk, bekommt der Faden seine Festigkeit. Aus einem Kilo Wolle entstehen etwa vier Kilometer Garn.

Doch damit ist es nicht getan. Zwei dieser feinen Fäden werden miteinander verzwirnt, um mehr Stärke und besseren Griff zu erhalten. Das Ergebnis ist ein robuster Strickfaden, rund drei Millimeter dick und bereit für die nächste Etappe.

Jetzt kommt Leben in die alten Maschinen. Franz Hubers Strickgeräte stammen zum Teil noch aus der Zeit seiner Großeltern. Es sind mechanische Unikate, die manuell betrieben werden. „Da muss ich noch selber kurbeln“, sagt er nicht ohne Stolz. Aus dem Garn entstehen langsam, aber stetig die typischen Lungauer Strickjacken, zwei Vorderteile, zwei Ärmel, sauber zusammengenäht und mit Knöpfen versehen. Jede Jacke ist ein Einzelstück, auf Maß gestrickt – je nach Kundenwunsch in Rücken- oder Armlänge angepasst.

Sechs bis acht Wochen dauert es vom ersten Wollflocken bis zur fertigen Jacke, die zwischen 100 und 200 Euro kostet, je nach Modell. „Unsere Kunden kommen oft jedes Jahr wieder“, erzählt Martina Lüftenegger und streicht über eine naturgraue Jacke. „Und mit der Zeit wird die Wolle weicher, das ist das Schöne an reiner Qualität.“

Gefärbt wird direkt im Haus. Bis zu 30 Farben sind möglich, doch der Trend geht zurück zur Natur. Es dominieren sanfte Grautöne, Braun und Weiß – manchmal hellmeliert. Neben Jacken gibt es Hauben, Fäustlinge, Socken, Filzpatschen und Sitzunterlagen, alles aus reiner Schafwolle, alles aus einer Hand.

Die Maschinen schnurren weiter, Tag für Tag. Die älteste
Strickmaschine stammt aus der Zeit um 1920. „Wenn du die anfasst, spürst du die Geschichte“, sagt der 50jährige Wollmeister, der im Advent seine Produkte selbst feilbietet. Er hat einen Marktstand in St. Michael im Lungau, am 5. und 6. Dezember. „Da kommen die Besucher, schauen, fragen, riechen – und sagen: ‚So was Echtes gibt‘s ja kaum mehr.‘ Das ist das schönste Kompliment.“
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