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Ausgabe Nr. 47/2025 vom 19.11.2025, Fotos: AdobeStock, Gruppe Sofortmaßnahmen, zvg
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Der Drang nach ewiger Schönheit wird immer stärker.
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Bei Razzien wurden illegale
„Schönheits-Kliniken“ ausgehoben.
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Dr. Veith Moser.
Miese Geschäfte
mit der Schönheit
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Der Drang nach ewiger Schönheit wird immer stärker. Doch erschlaffender Haut neuen Glanz zu verleihen, ist teuer, deshalb blühen Schönheitssalons im Verborgenen. Mehrere wurden in Wien bereits von Polizisten ausgehoben. Fragwürdige Ärzte lockten mit Billigangeboten und waren für die Kunden ein Gesundheitsrisiko.
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Es beginnt mit einem Versprechen und endet oft in der Verzweiflung. „99 Euro für vollere Lippen“, „schmerzfrei“, „nur heute“ – so werden Kunden geködert. Als „Ordination“ dient ein Hinterzimmer, ein Nagelstudio oder eine angemietete Wohnung.

Seit dem Sommer kontrolliert die „Gruppe Sondermaßnahmen“ der Wiener Polizei gemeinsam mit dem Arbeitsmarktservice verstärkt Schönheitssalons und hat kürzlich im Bezirk Favoriten bereits die siebente illegale „Beauty-Klinik“ auffliegen lassen.

Eine Mitarbeiterin war gerade mit Eingriffen beschäftigt, für die sie ohne ärztliche Ausbildung nicht befugt war. Zudem wurden abgelaufene Präparate entdeckt sowie ein Lasergerät zum Entfernen von Tätowierungen, das ebenfalls Fachpersonal vorbehalten ist.

Welche Folgen ein derartiger Missbrauch haben kann, zeigt der Fall eines 35jährigen plastischen Chirurgen aus Georgien, der bei einer illegalen Kinnstraffung in einer angemieteten Wiener Wohnung eine Patientin so schwer verletzt hat, dass sie notoperiert werden musste. In den „Schattenkliniken“ gibt es keinen Notfallkoffer, stattdessen Ringlicht und Rabattcode.

Die Geschehnisse der vergangenen Wochen haben auch den plastischen Chirurgen Veith Moser, 47, alarmiert. Als Wiederherstellungschirurg arbeitet er seit Jahren rekonstruktiv, sei es nach Unfällen oder bei Missbildungen, und gilt auf dem Gebiet der Hände als Koryphäe.

Zudem betreibt er in Wien eine Ordination und erstellt Gutachten für Gerichte. Gerade hatte er einen Fall auf dem Tisch, bei dem 124 Menschen in einer illegalen Einrichtung in Wien behandelt wurden und es teilweise zu massiven Komplikationen kam.

Die Zuspitzung der Situation in den vergangenen Monaten brachte ihn schließlich dazu, die Praktiken der illegalen Anbieter in seinem Buch „Gefährliche Schönheit“ zu schildern – als Warnung und als Information, was erlaubt ist und was nicht. „Alles, was tiefer als 0,5 Millimeter in die Haut geht, ist Medizin, also Ärztesache“, stellt er klar. Hyaluron und Botox gehen tiefer.

Das Nervengift hat eine erstaunliche Karriere hinter sich. Ursprünglich wurde der Wirkstoff zur Behandlung von Spasmen, Migräne oder Schielen eingesetzt. Erst Anfang der 2000er Jahre schwappte die Botox-Welle aus den USA nach Europa und machte aus einem medizinischen Präparat ein Lifestyle-Versprechen.

„Botox ist im Grunde ein wässriger Wirkstoff, der bei richtiger Dosierung unbedenklich ist und sich im Körper nach einigen Monaten abbaut“, erklärt Dr. Moser. „Aber die Dosis macht das Gift.“ Unsachgemäß angewendet kann es zu Gesichtslähmungen kommen, die bis zu einem halben Jahr anhalten können, eine hängende Augenpartie inklusive. Noch komplexer ist die Anwendung von Hyaluron. Wenn die Gel-Substanz fälschlicherweise in ein Blutgefäß gerät, funktioniert die Durchblutung nicht mehr. Das kann Nekrosen, also absterbendes Gewebe an Lippen, Nase und Wangen nach sich ziehen. In seltenen Fällen kam es sogar zu Erblindungen, weil sich das Gel über Gefäße seinen Weg zum Auge bahnte.

Unser Land hat zwar seit 2013 eines der strengsten Ästhetik-Gesetze Europas, doch das juckt in den Hinterzimmern niemanden. Verantwortlich dafür sind soziale Medien wie Facebook und Instagram, die vieles vereinfacht haben. Jeder kann dort seine Dienste anbieten und ungemein schnell mit potenziellen Kunden in Kontakt treten.

Im Fall der „Schattenkliniken“ sind es oft junge, makellose Frauen, die quer durch Europa jetten, um Botox- und Hyaluron-Behandlungen „to go“ anzubieten.

Also geht es schnell einmal in der Mittagspause oder abends zur Prosecco-Botox-Party. Aber auch Ärzte aus aller Herren Länder, ohne Zulassung für unser Land, reisen mit Nervengift im Koffer von Stadt zu Stadt.

Dokumentiert wird nichts, die Kundinnen bezahlen immer bar. Sollte etwas schiefgehen, gibt es zwar Opfer, aber keine Täter. Denn seit Beginn der Kontrollen der Schönheitssalons sind die illegalen Akteure erfinderisch und damit schwer greifbar geworden. Heute dient als Behandlungsraum ein Hotel am Ring, morgen die Wohnung im 2. Bezirk, übermorgen die Abstellkammer beim Friseur.
Nach getaner Arbeit sitzen „Herr und Frau Doktor“ ganz schnell wieder im Flieger nach Bukarest, Mailand oder Dubai. Für Moser ist klar, warum die „Schattenkliniken“ trotzdem boomen. „Auf den ersten Blick rechnet es sich“, sagt er. In einer rechtmäßigen Ordination hat Qualität ihren Preis, nicht zuletzt, weil auch ein Arzt Miete, Strom, Personal und Versicherung bezahlen muss. Dazu kommen geprüfte Produkte, Hygiene und Nachsorge, all das fehlt bei den illegalen Anbietern.

„Eine seriöse Botox-Behandlung für das ganze Gesicht ist unter 500 Euro realistisch nicht machbar“, betont Moser. „Man sollte aber auch hellhörig werden, wenn einzelne Zonen – etwa die Krähenfüße – für unter 250 Euro angeboten werden.

Ein Preis von 99 Euro klingt verlockend, doch niemand weiß, was das Produkt enthält, wie es gelagert wurde und vor allem, wer es verabreicht.“

Das immer größer werdende Verlangen nach Schönheitskorrekturen habe mit unserer Zeit zu tun, meint Dr. Moser. „Es wurde nachgewiesen, dass schöne Menschen viel erfolgreicher sind. Studien zeigen, dass wir uns im Schnitt 30 Mal am Tag im Spiegel betrachten.“ Rund 85 Prozent der Botox-Kundschaft sind Frauen.

„Das hat evolutionäre Gründe“, so Moser, der in seiner Ordination gemeinsam mit seiner Geschäftspartnerin rund 700 ästhetische Eingriffe im Jahr durchführt und der in Amerika erlebt hat, was hinter diesem Schönheitswahn steckt.

„Viele Prominente, die auf Fotos perfekt aussehen, sind in Wirklichkeit völlig überbehandelt. Das sieht man spätestens, sobald sie vor einem stehen. Eine Kamera filtert das weg.“ Deshalb rät Dr. Veith Moser, überlegt zu handeln.

„Ihr Gesicht hat Zeit. Gute Entscheidungen überleben die Nacht. Und wenn alle Stricke reißen – rufen Sie mich an.“
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