Jetzt anmelden
Ausgabe Nr. 28/2024 vom 09.07.2024, Fotos: AdobeStock, LEONE / Ullstein Bild / picturedesk.com, CHARLES TASNADI / AP / picturedesk.com, VLADIMIR SMIRNOV / AFP / picturedesk.com
Artikel-Bild
Essen ist Macht
Artikel-Bild
Adolf Hitler und Eva Braun: privates Kuchenessen.
Artikel-Bild
Kubas Machthaber Fidel Castro konnte bis zu 20 Kugeln Eis vertilgen.
Artikel-Bild
Der nordkoreanische Diktator Kim Jong-un mag angeblich Emmentaler.
Essen ist Macht
Jetzt neu: Hier klicken
und Artikel an Freunde verschenken.
Hitler liebte gefüllte Tauben, Stalin die Walnuss-Sauce seiner Heimat. Ein Blick auf die Teller der Diktatoren zeigt – während sie prassten, hungerte oft das Volk.
Auf Play drücken
um Artikel vorlesen
zu lassen.
Das letzte Essen, das Constanze Manziarly für den „Führer“ kochte, waren Spiegeleier und Erdäpfelpüree. Adolf Hitler war da aber schon stundenlang tot. Um seinen Selbstmord möglichst lang zu verschleiern, ließen die Nazi-Größen im Berliner „Führerbunker“ am Abend des 30. April 1945 alles wie zuvor weiterlaufen. Über Hitlers Bunker starben währenddessen weiter sinnlos Menschen für den „Endsieg“.

Hitler: Schonkost, aber auch Kuchen und Schlagobers

Die junge Frau aus Innsbruck war Hitlers Diätköchin. Sie bereitete für den magenleidenden Massenmörder aber nicht nur Schonkost zu. „Ich backe täglich viel, stundenlang, aber abends ist immer alles weg“, schrieb sie in einem Brief, der erhalten blieb. Auch ein früherer Kellner in Hitlers „Berghof“ erzählte einmal, der Diktator habe häufig „riesige Mengen Süßes“ verschlungen, „enorme Torten“ mit viel Schlagobers.

Die Versorgungslage der Bevölkerung wurde hingegen immer schlechter. Im Frühjahr 1945 bekamen Erwachsene nicht einmal zwei Kilo Brot pro Woche zugeteilt, dazu 250 Gramm Fleisch und 125 Gramm Fett, wenn überhaupt.

Schon 1933 hatte Hitler dem Volk den Eintopf-Sonntag verordnet. Jeweils am ersten Sonntag sollten von Oktober bis März in Gasthäusern und zuhause nur einfache Eintopf-Gerichte auf den Tisch kommen. Was im Unterschied zur üblichen Sonntags-Mahlzeit gespart wurde, war als Spende für das Winterhilfswerk gedacht. Kaum jemand wagte es, sich dem zu widersetzen.

Hitler war laut Berichten wohl nur Teilzeit-Vegetarier. Er lobte Leberknödel und liebte durchaus auch Ausgefalleneres. „Bei mehreren Gelegenheiten“ in den 30er Jahren sei er dabei beobachtet worden, „wie er sich über zarte junge Tauben hermachte, die mit Zunge, Leber und Pistazien gefüllt waren“, schreiben die Autorinnen Victoria Clark und Melissa Scott in ihrem Buch „Zu Tisch bei Diktatoren: Die Lieblingsspeisen der Tyrannen“ (Wilhelm Heyne Verlag). Sie wollten zeigen, „wie schmal der Grat ist, der den Menschen vom Ungeheuer trennt“.

Das angebliche Lieblingsgericht Hitlers, Eiernockerl mit grünem Salat, gilt heute hingegen als Code für Ewiggestrige. Wenn die Nockerl am 20. April, dem Geburtstag des Diktators angeboten werden, noch dazu um 8,80 Euro, können Anzeigen folgen. „88“ ist ein rechtsextremer Code für „Heil Hitler“, für zwei Mal den achten Buchstaben im Alphabet (H).

In mehr als 50 Ländern weltweit herrschen derzeit Dikatoren, autoritäre Regime sind im Vormarsch. Durch die Küche könne „man das wahre Gesicht der Diktatoren sehen, ihre ganze Scheinheiligkeit“, sagte der polnische Journalist Witold Szabłowski in einem NZZ-Interview. Er hat die Leibköche von fünf Despoten aufgespürt – vom kubanischen Machthaber Fidel Castro bis zum ugandischen Diktator Idi Amin.

In seinem 2021 erschienenen Buch „Wie man einen Diktator satt bekommt“ (Katapult Verlag) erzählen die Köche von ihrem Verhältnis zu den Diktatoren und deren Ernährungsgewohnheiten.

Auf Kuba beispielsweise ließ sich Fidel Castro, der das Land fast fünf Jahrzehnte lang prägte, Lamm in Honig-Kokos-Sauce servieren. Vor allem aber liebte er Milchprodukte und Eiscreme. Bis zu 20 Kugeln Eis konnte der kommunistische Alleinherrscher vertilgen.

Das Volk hingegen darbte, vor allem, als nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion kein Geld mehr auf die Karibikinsel floss. Bei zehntausenden Kubanern führte die Mangel­ernährung zu Augenleiden.

Eine im Ganzen gebackene Ziege für Idi Amins Gäste

„Essen ist Macht. Das habe ich gelernt, während ich für die Präsidenten gekocht habe“, bringt es jedenfalls der ehemalige Koch des ugandischen Diktators Idi Amin im Buch auf den Punkt. „Wenn du Essen hast, hast du Geld, hast du Frauen, hast du die Bewunderung der Leute. Du kannst alles haben was du willst.“

Bis zu 400.000 Menschen sind der Gewaltherrschaft Idi Amins von 1971 bis 1979 zum Opfer gefallen. Die Leichen der Opfer ließ er auch den Krokodilen zum Fraß vorwerfen, wenn seine Schergen die Massengräber nicht schnell genug aushoben.

Das Lieblingsgericht des ehemaligen Boxers war gebratenes Ziegenfleisch, seine Gäste bewirtete er unter anderem mit einer im Ganzen gebackenen Ziege. Sie wurde mit klein geschnittenem Ziegenfleisch, Reis, Erd­äpfeln, Karotten, Petersilie, Erbsen und Gewürzen gefüllt. Stehend, mit dem wieder angeklebten Ziegenbart wurde sie serviert.

Wie er für den „Schlächter von Afrika“ arbeiten konnte, beantwortete Idi Amins früherer Koch ehrlich – er sei vollkommen abhängig von ihm gewesen, „und das wusste er ganz genau. Auf die gleiche Weise machte er sich seine Leibwächter, Minister und Freunde untertan.“

Dass Herrscher mit üppigen Festbanketten gern ihre Macht demonstrieren, ist kein Geheimnis. Bei der Konferenz von Jalta, bei der Amerikaner, Briten und Russen im Februar 1945 die Machtverteilung in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg ausschnapsten, ließ Josef Stalin nicht nur Truthahn-Braten oder Wildpasteten auftischen. Im Badeort auf der Krim gab es angeblich auch kübelweise Kaviar.

Aber der Kommunist, der von 1922 bis zu seinem Tod 1953 die Sowjetunion regierte, veranstaltete auch sonst stundenlange Gelage, bei denen reichlich Alkohol floss. Sein Nachfolger Nikita Chruschtschow erklärte einmal laut den Autorinnen Victoria Clark und Melissa Scott, er glaube nicht, „dass es jemals einen Herrscher mit vergleichbarer Verantwortung gab, der mehr Zeit damit verschwendete, üppige Abendessen und Trinkgelage zu veranstalten, als Stalin.“

Der Mann, der Millionen Menschen auf dem Gewissen hatte und dessen Politik Hungersnöte verursachte, mochte den Autorinnen zufolge vor allem die Küche seiner Kindheit in Georgien, etwa „Satsivi“. Der Name des Gerichtes bedeute „Abgekühltes“, das Hendl in Walnuss-Sauce wird kalt oder lauwarm als Vorspeise serviert.

Im Alter von 74 Jahren starb Stalin. Er hatte mit Parteigenossen bis vier Uhr in der Früh gegessen und getrunken. Danach erlitt er einen Schlaganfall.

Auch der nordkoreanische Machthaber Kim Jong-un verspeist angeblich am liebsten ein Nahrungsmittel, das ihn an seine Jugend erinnert. Er soll eine Vorliebe für Emmentaler Käse haben, den er in seiner Kindheit im Schweizer Kanton Bern kennengelernt habe. Mehr als ein Jahrzehnt hat er laut Berichten dort gelebt.

Bei Kim Jong-uns Empfang für Wladimir Putin Ende Juni war der Käse mit den Löchern aber nicht in Sicht. Stattdessen kredenzte Kim unter anderem Entenleber mit Trüffel­aspik, Hummersalat und als Nachtisch Schokoladenkekse mit Heidelbeer-Eis. Gleichzeitig leiden in dem totalitären Atomwaffen-Staat viele Menschen an Hunger.

Sein Gast Putin soll jedenfalls Eisliebhaber sein. Und außerdem Haferbrei sowie Wachteleier mögen, wie eine US-Zeitung einmal schrieb.
Weitere Inhalte dieser Ausgabe:
Ihre Meinung
Ihre Meinung ist uns wichtig.

Schreiben Sie Ihren Kommentar zu diesem Artikel, den wir dann prüfen und veröffentlichen werden.
Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu verfassen.
Werbung