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Ausgabe Nr. 27/2024 vom 02.07.2024, Fotos: Eiben, Hans Georg / Lookphotos / picturedesk.com, zvg
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Das Tal der Eismacher
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Immer was los ist im Eissalon am Schwedenplatz.
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Das erste Eisgeschäft der Familie Molin Pradel in Wien.
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Fausto Arnoldo und seine Frau Sonja.
Das Tal der Eismacher
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Das Eis im Stanitzel schmilzt dieser Tage schnell dahin. Rund 300 Eissalons laden hierzulande ein. Ihren Ursprung haben etliche im Zoldo-Tal in Südtirol.
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Malerische Berggipfel, unberührte Natur und kleine, oft uralte Dörfer. Das südtirolerische Val di Zoldo (I) ist eine Reise wert. Und es hat eine besondere Geschichte. Es gilt als Tal der Eismacher. Von hier aus machten sich Gelatieri auf, um in Wien ihr Glück zu suchen. Sie verhalfen „Gefrorenem“ zum Durchbruch.

Einer dieser Eispioniere war Arcangelo Molin Pradel. Seine Nachfahren sind die Besitzer des Eissalons am Schwedenplatz in der Wiener Innenstadt. „Arcangelo Molin
Pradel wanderte im 19. Jahrhundert als Holzfäller nach Transsilvanien aus.

Vom Eiswagerl zum Eissalon

Die Vertragsfirma ging in Konkurs, und er konnte sich nur die Rückreise bis Wien leisten. Hier traf Molin Pradel Freunde aus Friaul, die ihm Arbeit als Marmorschleifer und Salamiverkäufer im Prater verschaffen konnten. Er verdiente damit so viel, um die Rückreise nach Italien anzutreten, allerdings mit der fixen Idee, in Wien bald eine Speiseeis-Erzeugung zu gründen“, erzählt Deborah Molin Pradel, die das Geschäft heute mit ihrem Mann Silvio leitet.

„Als Arcangelo Molin Pradel wieder in Wien war, diesmal mit einigen Italienern aus dem Zoldo-Tal, gründete er die erste Eiserzeugung der Familie Molin Pradel. Der Verkauf fand von einem Eiswagerl aus statt. Später rief er seine Söhne Giovanni und Eugenio nach Wien und gründete in der Dresdnerstraße in Brigittenau das erste Geschäft.“

Der erste Eissalon der Familie wurde in der Alserbachstraße in Wien Alsergrund eröffnet. Die Brüder trennten sich später und gründeten jeder einen eigenen Eissalon.

Seit 1932 wird am Schwedenplatz Eis verkauft. Es gilt die Qual der Wahl. Mehr als 100 Eissorten stehen zur Auswahl und kommen auf Wunsch in das Stanitzel. Eine Kugel kostet
€ 2,20.

„Besonders beliebt ist heuer das Walderdbeereis.“ Auch andere Fruchteissorten sind im Sommer begehrt. „Für unser Eis verwenden wir viele Zutaten aus Italien wie Erdbeeren, Nüsse und Pistazien. Milch, Kaffee und Schlagobers kommen aber aus Österreich.“ Produziert wird nach traditionellen Techniken in der Wiener Seestadt.

Im Winter geht‘s ins Zoldo-Tal

Über den Winter fährt die Familie heim ins Zoldo-Tal. So wie viele andere Eismacher-Familien. Vorwiegend haben sie in Deutschland und in unserem Land ihren beruflichen Sitz. Früher pendelten noch mehr Gelatieri zwischen dem Val di Zoldo und ihrer beruflichen Heimat. Doch viele haben die Bindung zu ihrer Südtiroler Heimat verloren, andere wiederum haben unserem Land oder Deutschland den Rücken gekehrt und sich im Zoldo-Tal niedergelassen. In den 44 Dörfern des Tales gibt es das, was zum Leben wichtig ist. Kleine Lebensmittelgeschäfte, Gastronomie, Kirchen und natürlich ein paar Eisdielen. In deren Schanigärten treffen sich die Einheimischen.

Deborah Molin Pradel vom Eissalon am Schwedenplatz liebt das Tal. „Wir schätzen die gute Luft und die schönen Berge ringsum.“ Das wissen auch Touristen zu schätzen. Im Sommer kommen sie zum Klettern und Wandern, im Winter zum Schifahren. Das Zoldo-Tal ist Teil der Provinz Belluno in der Region Venetien. Die Dolomiten, in die das Tal eingebettet ist, sind Teil des Welterbes der Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO).

Beeindruckend sind etwa die Berggipfel des Monte Pelmo (3.168 Meter) und Monte Civetta (3.220 Meter). Die Berge sind beliebte Ziele für Tourengeher. Für Mountainbike-Fahrer gibt es in der Region eigene Wege.

Wintersportler kommen ebenfalls auf ihre Kosten. Val di Zoldo ist Teil des Schigebietes Civetta, das größte Schigebiet in der Region Venetien. Ganze 72 Kilometer an Pisten aller Schwierigkeitsgrade ziehen Sportler wie auch Familien an.

„Alle, die von dort stammen, sind verliebt in das Tal“

Tiziano Gavaz war 26 Jahre lang Schilehrer in der Region. Heute leitet er zwei Eissalons in Wien Favoriten (Keplerplatz und Favoritenstraße). „Mein Großvater kam schon 1920 nach Wien und übernahm hier ein Eisgeschäft“, erzählt Gavaz.

Ins Zoldo-Tal fährt er gerne im Winter. „Alle, die von dort stammen, sind verliebt in das Tal. Interessant ist das Kulturelle, das sich dort entwickelt hat. Jedes zweite Auto hat ein deutsches Kennzeichen. Mehr als 90 Prozent der Menschen in dem Tal haben schon mit Eis zu tun gehabt.“

Durch die Eismacherei komme viel Geld aus dem Ausland. „Das Zoldo-Tal scheint daher reich gegenüber den anderen Tälern.“

Aus Val di Zoldo stammt auch die Familie Arnoldo. „Die langjährige Tradition unserer Eismacher-Familie Arnoldo geht bis ins 19. Jahrhundert zurück.

Damals kam ein junger Italiener mit dem Namen Vincenzo aus den Dolomiten nach Wien, um sein Eis direkt aus dem Eiswagen zu verkaufen. Bereits 1907 eröffnete das erste Straßenkaffee in Wien-Währing. Seit 1988 besteht das Eisgeschäft in der Hernalser Hauptstraße, das in vierter Generation betrieben wird“, sagt Fausto Arnoldo stolz.

Mit dem Zoldo-Tal ist er tief verbunden. „Ich bin dort geboren und aufgewachsen. Im Winter besuche ich oft meine Schwester und meine Familie. Es ist immer noch eine große Verbindung da. Gut für die Bewohner ist, dass es zwar Tourismus gibt, aber eben nicht zu viel“, sagt der Eisprofi. rb

Die Wiener Gelatieri

Der Sizilianer Francesco Procopio soll 1675 in Paris (F) erstmalig Gefrorenes“ in seiner heutigen, festen Form hergestellt haben. In Wien wurde es erst nach der Zweiten Türkenbelagerung bekannt (Ende des 17. Jahrhunderts), blieb aber anfangs als Spezialität dem Adel vorbehalten.

Mitte des 18. Jahrhunderts konnte man Frucht- und Schokoladeeis auch bereits in der Wiener Innenstadt konsumieren, jedoch war es recht teuer.

Schwung in die Verbreitung von Eiscreme brachten die Gelatieri. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts emigrierten viele Eismacher aus dem verarmten norditalienischen Val di Zoldo nach Wien. Mit Eiswagen (Carretti) fuhren sie durch die Stadt. Sehr zum Ärger der Wiener Zuckerbäcker. Die Eisverkäufer standen vor deren Geschäften und schnappten ihnen Kunden weg.

Auf Druck der Konditoren wurde das Wandergewerbe verboten. Folglich mussten die Eisverkäufer selbst Lokale mieten. So entstanden die ersten Eissalons. Der Streit war aber noch nicht vorbei. Die Konditoren weigerten sich, ihnen Eisstanitzel zu liefern. Also mussten sie diese selbst erzeugen. Ihrem Erfolg tat dies keinen Abbruch. Ab etwa 1880 verbreiteten sich die Gelatieri in ganz Mitteleuropa.
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