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Ausgabe Nr. 26/2024 vom 25.06.2024, Fotos: Cynthia Vice Acosta/Kauck
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Ein flauschiger Helfer vertreibt die Angst
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Allein der Gedanke an den Zahnarztbesuch treibt vielen Menschen kalten Schweiß auf die Stirn. Dr. Jennifer Herbert kann in ihrer Ordination bei Angstpatienten oft auf narkotisierendes Lachgas verzichten. Bei der 57jährigen Zahnärztin vertreibt ein gutmütiger, trainierter Vierbeiner die Furcht ihrer Besucher. Liegt „Ollie“ am Schoß, entspannen sich die Angsthasen.
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Donna Hedin fürchtete sich so vor Zahnarztbesuchen, dass sie in der Nacht vor einem Termin kein Auge zudrücken konnte. „Mein ganzes Leben lang habe ich schon beim Gedanken daran gezittert“, erzählt die 57jährige Hausfrau aus Minneapolis im US-Staat Minnesota.

So auch wieder im Februar dieses Jahres. Aber die Schmerzen im Unterkiefer waren stärker als ihre Angst. Widerstrebend rief sie bei ihrer Zahnärztin an und bat um eine Behandlung. „Ich stellte mir schon vor, wie ich mich wieder auf ihrem Sessel in die Armlehnen festkrallen würde. Aber dann kam alles ganz anders.“

Manchmal schläft „Ollie“ am Schoß ein

Die Zahnärztin Dr. Jennifer Herbert kannte Hedins Beklemmung seit Jahren. Nun hatte die 51jährige eine Neuigkeit für sie.

„Vielleicht brauchen Sie diesmal kein Lachgas zur Beruhigung“, überraschte sie die Patientin am Telefon. „Wir haben jetzt ‚Ollie‘.“ Donna Hedin war verwundert. Von diesem Schmerzmittel hatte sie noch nie gehört. Dr. Herbert erklärte, „Ollie“ sei ein gutmütiger Goldendoodle (eine Kreuzung aus Golden Retriever und Pudel), der nervöse Patienten mit seiner Anwesenheit besänftige.

Viele Besucher bestätigten, dass der Hund ihre Furcht beseitigt hat. „Möchten Sie es auch mit ihm versuchen?“, bot Dr. Herbert der Frau an. So kam es, dass ein netter Vierbeiner Donna Hedin zu einer Behandlung ohne Panikattacke verhalf. In der Zahnarzt-Praxis im Zentrum von Minneapolis wurde die Patientin von der Hygienikerin April Kline empfangen. Die 47jährige stellte ihr „Ollie“ vor, ein flauschiges, goldblondes Bündel mit freundlich wedelndem Schwanz. Kaum hatte Hedin Platz genommen, sprang der Hund auf ihren Schoss und legte seinen Kopf an ihre Schulter.

Zuerst erschrocken, aber allmählich beruhigt, kraulte sie ihn hinter den Ohren. „Er blieb bei mir, bis alles vorbei war“, staunt Hedin noch heute. „Ich glaube, er schlief sogar ein. Er ist wunderbar und beseitigte mein Unbehagen. Ich war völlig entspannt.“

April Kline hatte „Ollie“ als Welpen während der Covid-Epidemie als Spielgefährten für ihre Kinder adoptiert. „Weil Dr. Herberts Praxis wegen der Ansteckungsgefahr geschlossen war, blieb mir viel Zeit zuhause. Ich nutzte sie, um ihm das Befolgen einfacher Kommandos beizubringen.“ Als die Ärztin ihre Sprechstunden wieder aufgenommen hatte, kamen eines Tages Klines Mann und

ihre beiden Töchter zu einer Routinebehandlung. Sie brachten „Ollie“ mit. „Er beobachtete aufmerksam, wie sich mein Mann auf die Behandlung vorbereitete“, berichtet April Kline. „Dann sprang er plötzlich auf den Sessel und machte es sich auf Roger bequem. Die schrillen Geräusche des Bohrers schienen ihn nicht zu stören. Das brachte mich auf eine Idee: Vielleicht kann ‚Ollie‘ in der Praxis ängstlichen Patienten die Furcht nehmen?“

Sogar angstfreie Patienten wollen „Ollie“

Kline sprach mit ihrer Chefin darüber und Dr. Herbert war sofort einverstanden. „Es ist bekannt, dass Haustiere bei der Genesung von Kranken helfen können“, sagt sie. „Warum also nicht auch bei der Betreuung zitternder Zahn-Patienten?“ Allerdings legt sie Wert darauf, dass die Anwesenheit des großen Tieres niemanden belästigt. Deshalb wurde beschlossen, „Ollie“ nur an bestimmten Tagen einzusetzen – bei Patienten, die ihn auch wollen.

„Zahnarzt ist kein einfacher Beruf“, sagt Dr. Herbert. „Ich leide oft mit meinen Patienten. Deshalb bin ich dankbar für ‚Ollies‘ Unterstützung.“ Sogar angstfreie Besucher freuen sich über den zutraulichen Vierbeiner. „Ich mag es, sein dickes Fell zu spüren, wenn mich Dr. Herbert behandelt“, sagt die Sekretärin Anne King lachend, die regelmäßig zur Kontrolle kommt. „Er ist wie eine schützende Decke“, schwärmt die 37jährige.

Bis jetzt arbeitet „Ollie“ ein Mal pro Woche. Dabei betreut er jedes Mal bis zu acht Patienten. Wenn er Dienst tut, darf er sich zwischen seinen Einsätzen in einem Hundebett in Klines Büro ausruhen. Zu den Patienten, die froh sind über sein Erscheinen am Zahnarztsessel, gehört die Witwe Alice Meryl. „Als Kind hatte ich ein schlimmes Erlebnis beim Dentisten“, berichtet die 67jährige.

„Seitdem machte ich mir jedes Mal fast in die Hosen, wenn ich einen Termin hatte. Es ist unvorstellbar, wie glücklich ich war, als ich von ‚Ollie‘ hörte und er mich an Dr. Herberts Tür schwanzwedelnd empfing.“
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