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Ausgabe Nr. 26/2024 vom 25.06.2024, Fotos: Daniel Cole / AP / picturedesk.com, Thomas Padilla / AP / picturedesk.com
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Frankreichs neuer Wunderwuzzi: Jordan Bardella
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Marine Le Pen und ihr Schützling Jordan Bardella.
Frankreichs neuer Wunderwuzzi
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Er ist jung, fesch und rechts. Jordan Bardella, 28, will Premier Frankreichs werden.
Kritiker sehen im Le-Pen-Vertrauten wie einst bei Sebastian Kurz mehr Schein als Sein.
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Es war ein Schock für Emmanuel Macron. Seine Liste holte bei der EU-Wahl nicht einmal halb so viele Stimmen wie der „Rassemblement National“ (deutsch: Nationaler Zusammenschluss).

Die rechtspopulistische Partei von Marine Le Pen, 55, bekam mehr als 30 Prozent der abgegebenen Stimmen. „Ich kann nicht so tun, als wäre nichts geschehen“, erklärte Macron, 46, noch am Wahlabend und rief Parlaments-Neuwahlen aus.

Welche Taktik dahintersteckt, ist ein Rätsel. Noch nie war die Zustimmung für Le Pens Partei größer. Ein Grund dafür ist der 28jährige Jordan Bardella. Er könnte nach den zwei Wahldurchgängen am 30. Juni und 7. Juli ihr erster Premierminister werden.

Schon mit 17 Jahren hat Bardella bei den Rechtspopulisten angedockt. Dort machte er nach der Matura Karriere – ohne Berufsausbildung, sein Geographie-Studium hat er abgebrochen. In den innersten Kreis um Marine Le Pen gelangte er aber auch, weil er eine Beziehung zu ihrer Nichte gehabt haben soll. Schon mit 23 Jahren saß er im EU-Parlament. Seit zwei Jahren ist er der offizielle Chef der „Rassemblement National“.

Das Sagen hat weiterhin Marine Le Pen. Die 55jährige erkannte früh das Wunderwuzzi-Potenzial des jungen Mannes. Der meist lächelnde Feschak, der für viele den „idealen Schwiegersohn“ verkörpert, spricht neue Wählerschichten an, die Jungen und sogar manche Einwanderer.

Bardella kommt aus einem berüchtigten Vorort im Nordosten von Paris. In diesem Zuwandererviertel, wo Armut und Arbeitslosigkeit vorherrschen, wuchs der Jung-Politiker mit seiner alleinerziehenden, in Italien geborenen Mutter auf.

Er verkauft sich als Aufsteiger aus tristen Verhältnissen

Seine Kindheit und Jugend sind das größte politische Kapital des 28jährigen. Etwa wenn er von seiner Mutter erzählt, die als Kindergartenhelferin arbeitete und der am Ende des Monats nur noch 20 Euro zum Leben übrigblieben. Oder von seinen Teenager-Jahren in der Hochhaus-Siedlung, umgeben von Drogen-Dealern. Doch er habe es geschafft, „sich vollständig zu integrieren“.

Was der Wunderknabe der Rechtspopulisten nicht dazu sagt, ist, dass sein Vater, der die Familie früh verlassen hat, mittelständischer Unternehmer ist. Bei ihm hat er viele Wochenenden verbracht, er finanzierte auch die katholische Privatschule, an der Bardella die Matura ablegte.

Seit Jahren will Marine Le Pen mit ihrer Partei in die Mitte der Wählerschaft. Die Aufkündigung der Zusammenarbeit mit der AfD (Alternative für Deutschland) im EU-Parlament ist Teil dieser Strategie.

1,7 Millionen Menschen folgen ihm auf TikTok

Jordan Bardella hat dafür die notwendige Strahlkraft. Er ist laut Umfragen der beliebteste Politiker Frankreichs. Auf der Internet-Plattform TikTok folgen ihm 1,7 Millionen Menschen. Seine Generation „von patriotischen Aktivisten“ werde regieren, ist Bardella überzeugt.

Die Zuwanderung ist Le Pens und sein Hauptthema. Er macht für viele der Probleme in Frankreich die Einwanderungswellen verantwortlich, „aus Ländern, die nicht dieselbe Kultur, Sprache, dieselben Sitten, Traditionen oder dasselbe Frauenbild haben“. Geht es nach ihm, werden künftig französische Familien etwa bei der Sozialhilfe bevorzugt. Sein politisches Rezept ist „Härte und Entschiedenheit“.

Es fehle der finanzielle Spielraum, um Menschen aufzunehmen, sagte Marine Le Pen zuletzt in einem Interview. „Wenn man pro Jahr 500.000 Menschen legal ins Land lässt, braucht man 4.000 zusätzliche Krankenhausbetten.“ Doch diese würden nicht etwa zur Verfügung gestellt, „sondern gestrichen, und die Krankenhäuser brechen unter der Last zusammen“.

Einen EU-Austritt wollen die Rechtspopulisten in Frankreich nicht mehr. Aber Bardella will eine „doppelte Grenze“, um die EU und um sein Land. Der Schengen-Raum ohne Grenzkontrollen soll nur noch für EU-Bürger gelten.

Dabei ist Frankreich heute bei Weitem nicht das größte Einwanderungsland in der EU. Rund 15 Prozent der Einwohner zwischen 15 und 74 Jahren sind im Ausland geboren. 12,8 Prozent gelten als „zweite Generation“. In Deutschland, Schweden, aber auch bei uns ist die Zahl höher. Hierzulande sind fast 24 Prozent dieser Altersgruppe im Ausland geboren, gut ein Zehntel hat zumindest einen Elternteil, der aus einem anderen Land stammt.

Kritiker sehen beim Jungpolitiker Bardella mehr Schein als Sein. Das eint ihn mit einem anderen „Jung-Star“. Gegner warfen auch Ex-ÖVP-Kanzler Sebastian Kurz vor, die eigene Darstellung oft wichtiger zu nehmen als ein Projekt.

„Er ist ein Chamäleon. Er passt sich perfekt seiner Umgebung an“, erklärt der Autor einer Bardella-Biographie über den französischen Jung-Politiker. Er sei ein chronischer Opportunist, ohne Ideologie.

Hunderttausende gehen gegen Le Pen auf die Straße

Der befürchtete Ruck nach rechts hat in vielen Teilen Frankreichs Hunderttausende auf die Straßen gebracht. „Man muss nicht Rassemblement National wählen, um Frankreich zu lieben“ stand auf Transparenten von Demonstranten.

Dass die Rechtspopulisten den nächsten Regierungschef stellen, ist durchhaus noch nicht fix. Zum einen haben sich die sonst dauernd zerstrittenen Linken zu einem Bündnis zusammengefunden. Unter dem Namen „Neue Volksfront“ wollen Sozialisten, die Linkspartei, Grüne und Kommunisten den Rechtspopulisten Einhalt gebieten.

Seine Jugend schreckt die Franzosen nicht ab

Zum anderen werden die Abgeordneten in den mehr als 500 Wahlkreisen in zwei Durchgängen direkt gewählt. Wer in seinem Wahlkreis die meisten Stimmen hat, zieht ins Parlament ein.

Bardella will aber nicht nur gewinnen, sondern mehr – die absolute Mehrheit. „Wer könnte glauben, dass wir in der Lage wären, das tägliche Leben der Franzosen in einer Kohabitation (gesetzliche Zusammenarbeit) mit einer relativen Mehrheit zu verändern?“

Das Parlament ist in Frankreich deutlich schwächer als bei uns. Der Präsident bestimmt beispielsweise bei der Außen- und Sicherheitspolitik weitgehend allein. Das ist für die zweitgrößte Wirtschaftsmacht in der EU nicht unwesentlich, die nicht nur über Atomwaffen verfügt und ständiges Mitglied im UNO-Sicherheitsrat ist, sondern neben Deutschland auch wichtigstes EU-Mitglied.

Oft kommen der Präsident und der Premier aus derselben Partei. Ist das nicht der Fall, müssen sich die beiden in der Kohabitation zusammenraufen. Emmanuel Macron darf bei der nächsten Präsidenten-Wahl 2027 nicht noch einmal antreten. Spätestens dann hofft Marine Le Pen, das Rennen um das mächtigste Amt im Staat nach mehreren erfolglosen Anläufen endlich zu gewinnen. Jordan Bardella wird dann an ihrer Seite stehen, egal, ob als Premierminister oder „nur“ als Stimmenköder.

Dessen Jugend ist für die französischen Wähler jedenfalls kein Hinderungsgrund. Der aktuelle Premier ist 35 Jahre, Präsident Emmanel Macron war 39, als er das Amt übernahm.

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