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Ausgabe Nr. 25/2024 vom 18.06.2024, Fotos: Zeppelzauer
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Yalcin Cenik ist Inhaber eines „Handy“-Geschäftes.
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Im Keplerpark wickeln die „Jugendbanden“ ihre Drogengeschäfte ab.
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Die Beamten nehmen Verdächtige mit auf die Wache.
Brennpunkt Wien 10
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„Favoriten ist gefallen“, sagt ein Polizist, der dort alltäglich mit Drogen, Messerattacken,
Jugendbanden und Ausländer-Kriminalität konfrontiert ist. Auch viele Bewohner fühlen sich in dem einstigen Arbeiterbezirk Wiens nicht mehr sicher und fordern Lösungen von der Politik.
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Mütter schieben Kinderwagen, ältere Ehepaare tragen ihre Einkäufe nach Hause, bärtige Männer sitzen auf den Bänken in der Sonne und junge Frauen in den Schanigärten der Cafés. Es ist laut und bunt in der Gegend rund um den Reumannplatz und den Keplerplatz, mitten im Herzen des 10. Wiener Gemeindebezirkes. Und es wirkt alles friedlich, zumindest auf den ersten Blick.

Doch wer genauer hinschaut, sieht auch die andere, die dunkle Seite von Favoriten. In den vergangenen Monaten machte der mit rund 220.000 Einwohnern – nach der Donaustadt (22. Bezirk) – bevölkerungsreichste Bezirk der Bundeshauptstadt immer wieder negative Schlagzeilen. Schlägereien, Vergewaltigungen,

Messer-Überfälle und der Handel mit Suchtmitteln stehen hier beinahe auf der Tagesordnung.

„Früher war es super in Favoriten“, erinnert sich Yalcin Cenik. Das habe sich aber in den vergangenen ein, zwei Jahren verändert. Heute sitzen schon am Nachmittag zahlreiche „Besoffene auf den Bänken und viele von denen sind auf Drogen“.

„Die Leute haben Angst“, sagt ein Favoritner Geschäftsmann

Die sind hier auch nicht schwer zu bekommen. Bei den U-Bahnstationen Reumannplatz und Keplerplatz lungern junge Männer in Gruppen herum, die meisten davon mit Migrationshintergrund, spielen laut Musik auf ihren Smartphones ab und verkaufen die gewünschten Suchtmittel.

„Die Leute haben Angst“, weiß Cenik. Der 43jährige Türke lebt seit Beginn der 1990er Jahre in Wien und betreibt am Keplerplatz das Smartphone-Verkaufs- und Reparatur-Geschäft „Yalcin Handy“, das sein Vater im Jahr 1999 gegründet hat.

Die Unsicherheit der Bewohner des Bezirkes spürt der Geschäftsmann auch beim Umsatz. „Die Kunden wollen gar nicht mehr herkommen, das ist ein Problem“, erzählt Cenik. Auch er selbst gehe ungern am Abend durch den vor seinem Geschäft liegenden Park. „Hier werden bis zum Gehtnichtmehr Drogen verkauft. Wenn ich zu meinem Fitnessstudio gehe, fragen sie mich jedes Mal, ob ich etwas kaufen will. Ich gehe dann einfach weiter. Das sage ich auch meinen Kindern, nur keine Konfrontation mit denen.“

Die, das seien hauptsächlich Syrer und auch Afghanen, sagt Cenik. Und die meist jugendlichen Drogenhändler, die in den Parkanlagen in Innerfavoriten – der Zone zwischen Hauptbahnhof und Reumannplatz, entlang der Favoritenstraße – ihre Ware an den Mann bringen wollen, haben vor nichts und niemandem Respekt.

Sie lassen sich auch nicht von einem Videobus der Polizei stören. „Die wissen genau, dass sie gefilmt werden, das ist denen egal“, sagt ein junger Polizist, der anonym bleiben möchte. „Favoriten ist gefallen“, ist er überzeugt. Dass „der junge Kollege damit vollkommen Recht hat“, bestätigt ein zweiter Polizist, der seit vielen Jahren in dem Bezirk im Einsatz ist und „mittlerweile nur noch mit Messer und Pfefferspray in den Dienst geht“.

Verloren sei Favoriten noch nicht, behauptet hingegen der Landesparteiobmann der Wiener ÖVP, Stadtrat Karl Mahrer, „die Lage wird aber von Tag zu Tag ernster. Wir sehen am Beispiel Malmö (Schweden), Berlin (D) oder Paris (F), was passiert, wenn weiter weggeschaut wird.“ Durch Aktionen wie die Waffenverbotszone erhielten die Menschen wieder Hoffnung, aber um dem Problem endgültig Herr zu werden, brauche es endlich ein Einschreiten der Wiener Stadtregierung, findet der ÖVP-Politiker.

Seit 31. März besteht die Waffenverbotszone Innerfavoriten

Seit rund zweieinhalb Monaten besteht jene „Waffenverbotszone Innerfavoriten“ und habe zu einem merklichen Rückgang der Straftaten geführt. „Ein Beleg für die wirkungsvollen polizeilichen Maßnahmen“, heißt es dazu von der Landespolizeidirektion (LPD) Wien. Daneben gebe es auch ständige und mobile Videoüberwachung im Bereich Reumannplatz und Keplerplatz sowie zivile und uniformierte Schwerpunkt-Aktionen und weitere Maßnahmen.

Trotzdem bleibt bei vielen eine unbestimmte Angst. „Ich fühle mich nicht wohl“, sagt etwa eine junge Frau, die gerade aus der U1-Station herausgeht. Untertags sei es noch einigermaßen friedlich, aber am Abend, wenn die Jugendgruppen die Plätze dominieren, meide sie die Gegend.

Brennpunkte wie der Keplerpatz oder Reumannplatz seien ein Resultat einer völlig verfehlten Integrationspolitik und eines konsequenten Verkennens des Problems durch die SPÖ Wien, kritisiert Mahrer. „Dass solche Plätze, an denen sich Parallelgesellschaften bilden können, auch ein Nährboden für Gewalt- und Drogenkriminalität sind, ist in weiterer Folge nicht überraschend“, meint Stadtrat Karl Mahrer.

Laut neuesten Zahlen der Statistik Austria haben 43,75 Prozent (96.000) der Menschen, die in Favoriten leben, keine österreichische Staatsbürgerschaft. „Ethnische Gruppen schotten sich hier ab und leben ohne die Notwendigkeit, sich kulturell und sozial in die Wiener Mehrheitsgesellschaft zu integrieren“, warnt Mahrer. Die täglichen Polizeieinsätze zeigen auch nur bedingt Wirkung. Gruppen junger Afghanen und Syrer lassen sich nicht abschrecken, verkaufen weiter ihre Drogen.

Nur zögerlich will sich Eva Oswald, die Senior-Chefin des gleichnamigen Elektro-Fachgeschäftes am Viktor-Adler-Platz zum Thema „Problembezirk“ äußern. „Ich bin da eher hilflos, ändern kann ich es eh nicht.“ Seit 110 Jahren besteht der Familienbetrieb hier schon. Sie selbst habe das Geschäft beinahe 50 Jahre geführt.

Heute hilft die 78jährige zeitweise aus, wenn Not am Mann ist. Was sie schon beobachtet habe, dass „viele ältere Kunden ab 16 Uhr nicht mehr kommen. Ich glaube aber, das hängt mit dem Fernsehprogramm zusammen.“ Oswald könne ohnhin nur für sich persönlich sprechen und Ärger in dem Sinn gab es noch keinen. „Schauen Sie, Angst habe ich keine. Ich geh‘ um die Ecke, mache die Augen und die Ohren zu und bin in meiner Garage.“

Wegschauen ist für die Polizisten in Innerfavoriten keine Option. Aber nicht alle sind dem Druck gewachsen. „Heuer hatten wir bereits 150 freiwillige Austritte in Wien. Und nicht nur bei den jungen“, weiß der Polizist. rz










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