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Ausgabe Nr. 25/2024 vom 18.06.2024, Foto: Thomas&Thomas
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„Wir sollten vergnügt ins Alter rutschen“
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Marianne Koch kennt kein Alter. Die ehemalige Hollywood-Schauspielerin aus München (D) hat mit mehr als 40 Jahren ihr Medizinstudium beendet, bis 68 eine eigene Praxis geführt und schreibt mit 92 Jahren noch Bücher.

Ihre Überzeugung: „Mit Verstand altern“ ist möglich und macht aus dem vermeintlichen Lebensende
einen weiteren Lebensabschnitt.
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Frau Dr. Koch, Sie haben so eine junge Stimme, obwohl Sie 92 Jahre alt sind. Wie kommt das?
Ja, das ist richtig, ich habe gute Gene von meiner Mutter und meiner Großmutter geerbt.

Womit wir bei den Genen wären, die Sie auch in Ihrem neuen Buch „Mit Verstand altern“ besprechen. Welche Rolle spielen die Gene beim Altern?
Es ist auf alle Fälle gut, Eltern zu haben, die gesund alt werden. Natürlich heißt das nicht, dass wir nicht selber viel zum guten Altern beitragen können. Etwa, indem wir vergnügt und gesund in diesen Teil des Lebens hineinrutschen.

Warum war es Ihnen ein Anliegen, zu diesem Thema ein Buch zu schreiben?
Eigentlich wollte ich ein Buch über die Nerven schreiben, vor allem über unsere unglaublichen 100 Milliarden Gehirnnerven, die so wundervolle Dinge vollbringen. Eine Muskelzelle zieht sich nach einem elektrischen Impuls immer auf die gleiche Art und Weise zusammen und Hautzellen sind eine Barriere gegenüber der Umwelt und wachsen schön langsam nach. Aber was die Gehirnzellen alles drauf haben und was sie bewirken können, ist unglaublich. Da geht es um Gefühle und Gedächtnis und das ist einfach erstaunlich. Es wurde einmal versucht, das Gehirn digital nachzustellen, was total misslungen ist, weil sich die Gehirnzellen ebenso wie die Beziehungen der Zellen zueinander ständig verändern.

Wahrscheinlich je nachdem, wie ein Mensch lebt?
Ja, je konsequenter wir uns mit neuen Dingen beschäftigen, desto größer ist sozusagen der Trainingseffekt für die Gehirnzellen. Dazu kommen Umstände wie Ernährung und – ganz wichtig – körperliche Bewegung. Ebenso entscheidend sind soziale Verbindungen, was bedeutet, nicht einsam zu sein. Ich unterscheide Einsamkeit immer vom Alleinesein. Es gibt viele Menschen, die gut alleine zurechtkommen, aber die Möglichkeit haben, immer wieder mit Freunden und ihrer Familie Kontakt aufzunehmen.

Sie moderieren mit 92 Jahren noch immer die Sendung „Gesundheitsgespräch“ im Bayerischen Rundfunk. Mit welchen Anliegen melden sich Ihre Anrufer?
Ich habe die Sendung 20 Jahre jede Woche gemacht, mittlerweile vielleicht zwei Mal im Monat. Das Alter ist immer wieder ein Thema. Da wir immer nur ein Thema pro Sendung behandeln, geht es auch um Nierenerkrankungen, Asthma oder Kniegelenks-Entzündungen. Was die Menschen generell beschäftigt, ist vor allem, wie sie lange gesund und geistig fit bleiben.

Kaum eine Woche vergeht, in der die Medien nicht über ältere Menschen berichten, die Großes vollbringen: 90jährige, die Marathon laufen oder ein Studium abschließen. Alter ist also nicht mehr das Ende, sondern ein neuer Lebensabschnitt geworden, oder?
Ganz bestimmt. Abgesehen von den amerikanischen Präsidentschafts-Anwärtern, die beide jenseits der 75 sind, wird älteren Menschen heute viel mehr zugetraut.

Bei Joe Biden fällt auf, dass er oft nach Worten ringt. Sie beschreiben in Ihrem Buch, dass Sie Zettel auf Gegenstände kleben, um Worte immer präsent zu haben. Funktioniert das?
Es funktioniert ausgezeichnet, aber ich bin ein Mensch, der sich viel leichter an Geschriebenes erinnert als an akustische Dinge. Mein Gedächtnis ist auf visuelle, optische Dinge ausgerichtet.

Sie haben zwei Klassen übersprungen, um Ihre Matura zu machen. Danach haben Sie Medizin studiert, das Studium für eine Hollywood-Karriere unterbrochen, um dann mit 43 Jahren Ihr medizinisches Staatsexamen „Summa cum laude“ (mit höchstem Lob) abzuschließen …
Dass ich zwei Klassen überspringen konnte, hatte ich den Irrungen und Wirrungen der Nachkriegszeit zu verdanken, weil die Münchener Schulen ja alle noch ausgelagert waren. Als es dann wieder losging, war es leicht, eine Klasse höher einzusteigen. Aber gut, mit 17 Jahren die Matura zu machen, war schon okay. Nachdem ich dann 20 Jahre beim Film war, konnte ich zum Glück mein Studium wieder aufnehmen, weil ich vorher schon einige Prüfungen bestanden hatte. Im Staatsexamen hatte ich dann nur Einser. In unserer Gruppe waren wir zu viert, zwei Frauen und zwei Männer, die einen Einser im Staatsexamen hatten. Das Doktorat habe ich dann „Magna cum laude“ abgeschlossen (vergleichbar mit einem Sehr gut).

Sie haben bis zu Ihrem 68. Lebensjahr ordiniert, ehe Sie unter die Autorinnen gegangen sind …
Ich musste meine Praxis verkaufen, weil ich damals mit 68 Jahren keine Kassenpatienten mehr behandeln durfte. Deshalb habe ich mir ein anderes Betätigungsfeld gesucht. Ich wollte keine reine private Praxis, weil ich meinen lieben Patientinnen und Patienten sagen hätte müssen, dass ich sie nicht mehr behandeln darf. Das wäre für mich undenkbar gewesen. Mein erstes Buch war „Mein Gesundheitsbuch“, in dem ich alles aufgeschrieben habe, was ich in der Praxis an Krankheiten und psychosozialen Problemen erlebt habe. Da wurde mir klar, dass das gut funktioniert.

Zur Person

Marianne Koch wurde am 19. August 1931 in München (D) geboren. Als sie während ihres Medizin-Studiums in einem Filmstudio arbeitete, wurde sie im Jahr 1950 für den Film entdeckt und spielte ohne Schauspielausbildung ihre erste Rolle in „Der Mann, der zweimal leben wollte“. Bis 1970 spielte sie in rund 70 Filmen mit und traf auf Filmpartner wie Gregory Peck oder Clint Eastwood.

Koch gehörte auch zur Stammbesetzung der Fernseh-Show „Was bin ich?“ mit Robert Lembke und moderierte den „Club 2“. Heute arbeitet sie als Medizinjournalistin.

Ihr neues Buch: „Mit Verstand altern – Wie es gelingt, geistig fit und lebendig zu bleiben“ (dtv, € 20,60).
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