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Ausgabe Nr. 24/2024 vom 11.06.2024, Foto: Danny Clinch
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Gianna Nannini
„Ich ecke immer wieder an“
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Kaum zu glauben, die italienische Rockikone Gianna Nannini feiert dieser Tage ihren 70. Geburtstag.
Nebenher hat sie mit „Sei nell‘anima“ (dt.: Du bist in meinem Herzen) ein neues Album und gibt Konzerte. Der WOCHE-Reporter Steffen Rüth hat mit ihr gesprochen.
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Frau Nannini, Sie werden am 14. Juni
70 Jahre alt …

Werde ich das? Sind Sie sicher? (lacht).

So steht es geschrieben. Planen Sie eine große Feier?
Nein, nein, nicht an diesem Tag. Meinen eigentlichen Geburtstag zelebriere ich am 3. Juli. Das ist der Tag meiner Wiedergeburt. Vielleicht mache ich die Feier in Köln (D).

Warum in Köln?
Weil Köln die Stadt ist, in der es geschah. In der ich wiedergeboren wurde. Das war 1983.

Geht es auch in Ihrem neuen Lied, dem
rockigen „1983“, um dieses Ereignis?

Ja, das ist korrekt. Dieses Jahr war wichtig für mich. Es kam zu einem dramatischen Wendepunkt in meinem Leben. Seither sage ich: 1983 ist mein eigentliches Geburtsjahr.

Möchten Sie mehr darüber erzählen, was seinerzeit
vorgefallen ist?

Nein, im Moment nicht. Ich steckte in der Krise und durchlebte eine schwierige Zeit. Ich hatte mich selbst verloren, war total verrückt. Ich war nicht rational, sondern benahm mich wie eine Idiotin. Das Album, das ich anschließend in Köln zusammen mit dem Produzenten Conny Plank aufnahm, und das 1984 erschien, trägt den Titel „Puzzle“. Weil ich in tausend Stücke zersprungen war und mich wieder neu zusammensetzen musste.

Wenn 1983 Ihr wahres Geburtsjahr ist, dann werden Sie nun also 41. Kommt das Ihrem gefühlten Alter näher als 70?
Ach, das Alter. Ich sage, das Alter ist eine Option. Wir können uns unser Alter selbst aussuchen. Du hast keine Wahl, was das Sterben angeht, das steht dir irgendwann bevor. Aber beim Alter kannst du wählen.

Als Sie Ihre Tochter zur Welt brachten, waren Sie 56 Jahre alt. Teilweise wurden Sie damals recht hart kritisiert, warum Sie denn in diesem Alter noch Mutter werden wollten …
Altersdiskriminierung ist eine Tatsache, und sie ist ein großes Problem. Es hat mit Hass zu tun. Älteren Menschen werden bestimmte Dinge nicht zugestanden, man gönnt sie ihnen nicht, man akzeptiert diese Menschen schlussendlich nicht so, wie sie sind. Das ist böse, und ich trete dagegen an. Ich kämpfe dafür, dass Menschen jeden Alters den gleichen Respekt bekommen.

Sie haben schon einige Schlachten geschlagen, sind eine Ikone des Feminismus und setzen sich für die Rechte der Schwulen, Lesben und Transgender-Menschen ein …
Ich kämpfe immer schon, um die Menschen zum Nachdenken zu bringen. Auf der Hülle meines Albums „America“ aus dem Jahr 1979 trug die Freiheitsstatue von New York einen Vibrator statt der Fackel. Ich ecke immer wieder einmal an, und das stört mich nicht. Das gehört dazu. Besser, ich demonstriere den Menschen, was Freiheit und Respekt bedeuten, als dass es die katholische Kirche tut.

Ist Provokation für Sie wichtig?
Provokation kann ein Mittel zum Zweck sein. Aber sie ist kein Selbstzweck, ich provoziere nicht nur, um zu provozieren. Ein starkes Beispiel, was provokante Aktionen bewirken können, ist Greenpeace für mich. Diese Aktivisten haben mit ihren Protesten viel Aufmerksamkeit für den Umweltschutz gewonnen. Manchmal ist es nötig, laut zu sein, um gehört zu werden und auf Dinge zu zeigen, die nicht richtig sind.

Sie singen auf Ihrem Album voller Inbrunst und Kraft.
Wie halten Sie Ihre Stimme so frisch?

Nur durch Sport. Ich mache Pilates, und ich habe meine Liebe für den Triathlon entdeckt.

Triathlon ist ein ziemlich harter Sport. Wann haben Sie diese Kombination aus Schwimmen, Radfahren und Laufen für sich entdeckt?
Das war im Jahr 2019. Ich lernte einen Menschen kennen, der Erfahrungen mit dem „Ironman“ gemacht hatte. Einer Extremform des Triathlons. Das fand ich imponierend. Ich wollte das auch ausprobieren. Ich fing also regelmäßig an zu trainieren, anfangs vor allem zu schwimmen, und ich merkte, wie gesund ich mich bald schon fühlte. Triathlon ist eine große Herausforderung, ich habe jetzt schon an zwei Wettbewerben teilgenommen, im vergangenen Jahr an einem Triathlon-Sprint in Barcelona (Spanien). Dieses Training gibt mir viel Kraft. Ich finde, meine Stimme klingt so gut wie vielleicht noch nie in meinem Leben.

Ihre Musik ist handgemacht, Sie spielen mit einer richtigen Band zusammen. Was halten Sie von moderner Technologie, etwa von der Künstlichen Intelligenz?
Ich mag den Gedanken, dass wir alle durch das Internet verbunden sind. Was ich ablehne, ist, manipuliert und in meiner Freiheit eingeschränkt zu werden. Die Kunst ist für mich ein Ort, um mich frei auszudrücken. Im Moment kann niemand sagen, ob die Künstliche Intelligenz gefährlich ist, ob sie uns kontrolliert und zu willenlosen Robotern macht. Deshalb sollten wir schon darauf achten, was wir da tun.

Ihre Tochter Penelope ist jetzt 13 Jahre alt.
Sprechen Sie mit ihr über Ihre Arbeit?

Ja, natürlich. Sie ist äußerst interessiert und unglaublich neugierig. Meine Tochter liebt meine Musik, sie kennt meine Lieder auswendig. Aber lieber hört sie englische und amerikanische Sängerinnen und Sänger, ich sage nur: Taylor Swift.

Ist Ihre Tochter eine ähnliche Rebellin, wie Sie eine waren?
Sie ist eine wunderschöne Rebellin. Ziemlich unabhängig und eigensinnig. Wenn sie „nein“ sagt, lässt sie sich nicht umstimmen. Sie singt gut, aber ich weiß nicht, ob sie ein Leben führen will wie ihre Mutter. Sie ist auch eine wunderbare Malerin und Tänzerin.

„Un’estate italiana“ war 1990 Ihre große Fußball-WM-Hymne. Freuen Sie sich auf die Europa-
meisterschaft, die dieser Tage beginnt?

Natürlich. Ich bin mir sicher, dass wir viele schöne Spiele sehen werden. Und ich freue mich für jedes Land, das gewinnt.

Sie sind jetzt aber ziemlich diplomatisch …
Also gut. Am glücklichsten werde ich natürlich sein, wenn Italien Europameister wird (lacht). Vielleicht ja im Finale gegen Deutschland.

Zur Person:
Gianna Nannini kam am 14. Juni 1954 in Siena (I) zur Welt. Sie wurde in eine traditionsreiche Konditorenfamilie hineingeboren. Das Familienunternehmen wird heute von ihrem Bruder Alessandro Nannini geleitet, der in den 1980er Jahren im Motorsport erfolgreich war.
Gianna Nannini studierte nach der Matura Musik in Mailand, danach wechselte sie zu Literaturwissenschaften und Philosophie und schloss mit Auszeichnung ab.
Berühmt wurde sie unter anderem mit Liedern wie „I maschi“, „Fotoromanza“, „America“ und „Bello e impossibile“. Nach Jahren in London (England), wo ihre Tochter zur Welt kam, lebt sie heute mit Frau und Kind in Mailand.
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