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Ausgabe Nr. 24/2024 vom 11.06.2024, Fotos: picturedesk.com, Zeppelzauer, FF Kritzendorf/zvg
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Katastrophale Sturzflut
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Überschwemmt – die Rollfährensiedlung in Klosterneuburg (NÖ).
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FF Kritzendorf baut Hochwasserschutz.
Unwetter-Chaos
im ganzen Land
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Die Starkregen-Ereignisse der vergangenen Tage haben für Hochwasser und schwere Überschwemmungen gesorgt. Auch Ernteschäden werden durch das Extremwetter befürchtet.
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Flüsse und Bäche sind seit jeher Lebensadern für die Menschen. Sie dienen als Transportwege, sind wichtig für die Energiegewinnung und die Landwirtschaft. Doch die Nähe zum Wasser birgt auch Gefahren, wie die Hochwasser-Ereignisse von Anfang Juni zeigen.
Besonders schlimm hat es dabei unsere süddeutschen Nachbarn getroffen, wo das Hochwasser insgesamt sechs Menschenleben forderte. In den Bundesländern Baden-Württemberg und Bayern spitzte sich die Hochwasserlage nach heftigem Starkregen derart zu, dass manche Städte den Katastrophenfall ausrufen mussten. In Passau erreichte der Pegelstand der Donau sogar die Zehn-Meter-Marke, Teile der Altstadt standen unter Wasser. Die deutschen Meteorologen sprachen von Jahrhundert-Niederschlägen. „Wir lassen in der Not niemanden allein“, versprach Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU), die Flutopfer mit mehr als 100 Millionen Euro zu unterstützen.

Überflutete Autobahnen, Verwüstungen durch Muren

Anhaltender Starkregen führte auch in unserem Land zu Überflutungen. In Hörbranz (V) etwa stand eine Teil-Evakuierung im Raum, die Feuerwehren waren mit 140 Mann im Einsatz. Die Rheintalautobahn stand unter Wasser und der Bodensee-Pegel stieg innerhalb eines Tages um 25 Zentimeter an. In Tirol kam es zu Murenabgängen. Und auch am vergangenen Wochenende führten weitere schwere Unwetter zu erheblichen Schäden.

In der Steiermark etwa bleibt die Pyhrnautobahn (A9) nach fünf Murenabgängen mit bis zu zwei Meter hohen Schlammlawinen noch länger gesperrt. In der Gemeinde Deutschfeistritz (Stmk.) sorgte extremer Regen dafür, dass der Übelbach (ein Nebenfluss der Mur) binnen kurzer Zeit auf die Breite eines Flusses anschwoll, Autos mit sich riss und für arge Verwüstungen sorgte. Insgesamt 5.000 Feuerwehrkräfte waren am vergangenen Wochenende in der Steiermark im Einsatz.

Auch im Burgenland traten einige Gewässer über die Ufer. Dabei war der Bezirk Oberwart derart betroffen, dass sogar der Assistenzeinsatz des Bundesheeres angefordert wurde. Und die unbeständige Wetterlage lässt derzeit kein Aufatmen im ganzen Land zu, drohen doch erneut starke Regenfälle.

Etwas glimpflicher sind zwei andere Bundesländer davongekommen. In der oberösterreichischen Hauptstadt Linz etwa trat die Donau über die Ufer und erreichte einen Höchststand von 7,25 Meter. „Im Stadtgebiet gab es zeitweise Straßensperren wegen kleinräumiger Überflutungen“, berichtet der Linzer Bürgermeister Klaus Luger (SPÖ). Vorsorglich sei der Hochwasserschutz auf bis zu acht Meter aufgebaut worden. Dass die Stadt diesmal mit „einem blauen Auge“ davonkam, sei laut Luger den Hochwasserschutzbauten der vergangenen 20 Jahre zu verdanken.

Die Zonen auf der nördlichen Donauseite seien außerdem sogenannte Retentionsflächen (Überflutungsflächen). „Dort herrscht ein Bauverbot und die müssen wir überfluten lassen, sonst würde unsere Nachbargemeinde Steyregg, salopp gesagt, absaufen“, meint Luger.
Auch in Niederösterreich brachte die Donau-Flutwelle großflächige Überschwemmungen. Die sind die Hausbesitzer in der Strombadsiedlung Kritzendorf seit jeher gewohnt.„Wir leben damit. Wer hierherzieht, muss wissen, wo er da wohnt“, sagt etwa Michael Stockinger. Seit 17 Jahren lebt er in der Strombadsiedlung und hat auch das verheerende Hochwasser von 2013 erlebt. Die Fischerhose, die der 58jährige trägt, gehöre hier quasi zum Standard, versichert er schmunzelnd. Auch, dass er diesmal eher entspannt gewesen sei, obwohl er „die Pegelstände in Bayern und am Inn immer im Auge behält“.

Die Bewohner der Rollfährensiedlung etwas weiter stromabwärts, gegenüber von Korneuburg (NÖ), hat es schlimmer erwischt. Ihnen stand das Wasser buchstäblich bis zum Hals, wie die 35jährige Jayanta Trescher erzählt. Die Erwachsenenvertreterin musste in den vergangenen Tagen mit dem Kajak das Haus verlassen und die unter Wasser stehende Straße entlangpaddeln, um zu ihrer Arbeit zu kommen. Schon ihr Vater hatte hier ein Gartenhaus und musste beim Hochwasser 2013 von der Feuerwehr evakuiert werden. „Aber wer hier lebt, bereitet sich vor, wenn das Wasser kommt, etwa mit Vorräten und ausreichend Trinkwasser.“ Bis zu zwei Mal im Jahr werden die Häuser hier von Hochwasser heimgesucht, aber „dann fahre ich einfach mit dem Boot durch die Siedlung“, sieht Trescher die Lage pragmatisch.

Renaturierungsmaßnahmen mindern Hochwasserscheitel

Die niederösterreichischen Florianijünger waren in den vergangenen Tagen trotzdem gefordert. Mehr als 400 Feuerwehren waren im Einsatz.
„Alleine rund 50 Mann der Ortsfeuerwehr Kritzendorf und 100 bei der Stadtfeuerwehr Klosterneuburg“, bestätigt Franz Resperger, der Pressesprecher des NÖ Landesfeuerwehrkommandos und selbst bei den Überflutungen im Einsatz. „Wir harren der Dinge, die passieren“, meint er. „Die Bewohner der Strombadsiedlung hören das nicht gerne, aber die Bereiche in Klosterneuburg und Kritzendorf sind von Rechts wegen Hochwasserabflussgebiete.“

Die seien dazu da, überflutet zu werden. „Das wurde seinerzeit gemacht, um Wien vor katastrophalem Hochwasser zu schützen“, so Resperger.
„Die größte hochwassermindernde Wirkung haben Maßnahmen, die einen Rückhalt des Wassers ermöglichen. Dazu zählen die Anbindung der Fließgewässer an angrenzende Überflutungsflächen wie Auwald oder Feuchtflächen“, sagt dazu der Universitätsprofessor Hubert Holzmann vom Institut für Hydrologie und Wasserwirtschaft von der Universität für Bodenkultur (BOKU) in Wien. Eine gänzliche Verhinderung von Hochwässern sei aber kaum möglich, „da in Zukunft auch infolge des Klimawandels mit großen Hochwässern zu rechnen ist. Eine Verminderung der Hochwasserscheitel kann durch Renaturierungsmaßnahmen jedoch ermöglicht werden.“

Hagel und Überschwemmungen sorgen für Ernteverluste

Unter den Hochwasser- und Starkregen-Ereignissen besonders zu leiden hat auch die heimische Landwirtschaft, wie die Ackerbau- und Spezialkulturen-Bäuerin und Landesobmann-Stellvertreterin im Unabhängigen Bauernbund, Gudrun Roitner aus Wilhering (OÖ) bestätigt. „Wertvoller Humus wird vor allem in Hanglagen und nach dem Hacken durch den Starkregen abgeschwemmt. Im Grünland verzögert sich der Schnittzeitpunkt.“ Damit nehme die Verholzung der Gräser zu, die dadurch nicht mehr so eiweißreich sind.

„Salat im Freiland beginnt von unten zu faulen, im Weinbau nehmen Pilzkrankheiten zu, Kirschen und Paradeiser platzen auf, Zwiebel schießen in die Höhe und Erdäpfel setzen weniger Knollen an“, berichtet der niederösterreichische Gemüsebauer Alexander Drmola. Die Ware sei dann schlechter lagerfähig oder gar nicht mehr zum Verkauf geeignet. Am vergangenen Wochenende sorgten rund fünf Zentimeter große Hagelkörner in der Steiermark und Niederösterreich zusätzlich für 2,7 Millionen Euro Schaden an landwirtschaftlichen Kulturen.

Mitverantwortlich für die teils katastrophalen Wetterereignisse ist der Jetstream, ein Starkwind im globalen Windsystem in etwa zehn Kilometer Höhe. „Der hat sich in den vergangenen Jahren auf beiden Erdhalbkugeln polwärts verschoben. Das hat zahlreiche Auswirkungen, einige davon sind noch in Erforschung“, erklärt Thomas Wostal von GeoSphere Austria, der Bundesanstalt für Geologie, Geophysik, Klimatologie und Meteorologie. Relativ eindeutig sei die damit verbundene Verlagerung des Subtropenhochs auf der Nordhalbkugel im Sommer nach Norden und somit in den Bereich unseres Landes.
„Das bewirkt hier, vereinfacht gesagt, heißere, sonnigere und trockenere Sommerhalbjahre“, weiß Wostal. Trotzdem komme es auch zu einer Zunahme von Starkregenereignissen, denn je wärmer Luft ist, desto mehr Feuchte kann sie aufnehmen und bei Gewittern und Schauern wieder herunterlassen.

Der abgeschwächte Jetstream kann auch bewirken, dass manche Regengebiete nicht mehr so schnell weiterziehen und deshalb über regional begrenzten Flächen deutlich mehr Niederschlag fällt. Und der würde sich dann selbst „recyceln“. „Es stellt sich quasi eine Selbsterhaltung des niederschlagsreichen Wetters ein“, erklärt der GeoSphere-Klimatologe Alexander Orlik. Auch für das kommende Sommerwetter hätte der Umstand, wie sich die Bodenfeuchte in Mitteleuropa verteile, eine entscheidende Bedeutung. „Denn wenn die Böden trocken sind, gibt es nichts, wo sie die Feuchtigkeit herausziehen können“, sagt Orlik.

Eine verlässliche Prognose für die kommenden Monate sei aber relativ schwierig. „Was vielleicht eher gegen einen extrem heißen Sommer spricht, sind der vergangene, äußerst warme Februar und März und auch der relativ warme April. Und rein statistisch gesehen ist es eher unwahrscheinlich, dass wir noch einmal so extreme Monate in einem Jahr bekommen.“ Das sei ähnlich wie beim Würfeln, wo nach lauter Sechsern auch einmal ein Dreier oder Vierer komme. Das bedeute aber nicht, dass es nicht warm werden kann, aber eben nicht so extrem heiß wie etwa im Sommer 2022, vermutet Orlik.

Wetterbedingte Schäden in der Landwirtschaft:
Frost, Hagel, Sturm, Überschwemmungen und Dürre verursachten im Jahr 2023 einen Gesamtschaden von rund 250 Millionen Euro. Knapp 70 Prozent davon, das sind 170 Millionen Euro, entfielen auf Dürreschäden.
Die sehr niederschlagsintensiven Wochen im Osten und Süden des Landes führten im April und Juli des Vorjahres zu schweren Überschwemmungen. Ein schweres
Hagelunwetter im heurigen Mai verursachte einen Schaden von 1,3 Millionen Euro im Burgenland.
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