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Ausgabe Nr. 24/2024 vom 11.06.2024, Fotos: AdobeStock, picturedesk.com
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Jeder fünfte Schüler braucht Nachhilfe.
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Mathematiker Taschner: Mehr Eigenständigkeit für Lehrer.
Der "Fleck" muss weg
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Mehr als jeder fünfte Schüler braucht Nachhilfe-Stunden, so viele wie noch nie. Schuld daran ist auch unser veraltetes Halbtags-Schulsystem.
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Dass Elisabeth es bis zur Matura geschafft hat, verdankt sie vor allem einer Frau – ihrer Nachhilfelehrerin. „Mathematik war ein Buch mit sieben Siegeln für mich“, erzählt sie. „Im Unterricht war nachzufragen sinnlos, weil der Lehrer mit dem Stoff weiterkommen wollte und musste. Er hat nicht die Zeit gehabt, mir alles noch einmal genau zu erklären.“ Ihre Eltern konnten nicht helfen, „weil sie mit den Mathe-Beispielen auch heillos überfordert waren“.

Im Bekanntenkreis fand sich dann eine Lehrerin, die nebenbei Nachhilfe gab und den Zahlen-Knoten löste. Ein Jahr lang übte die Schülerin nicht nur aber vor allem vor Schularbeiten ein bis zwei Stunden pro Woche mit ihr. „Bei ihren Erklärungen habe ich die Rechenwege plötzlich
verstanden. Aber meine Eltern hat die Nachhilfe viel Geld
gekostet.“ Mehr als jeder fünfte Schüler hierzulande bekommt private Nachhilfe, so viel wie nie zuvor. Fast 170 Millionen Euro gaben die Eltern im heurigen Schuljahr dafür aus, 46 Millionen mehr als im Vorjahr. Das zeigt der Arbeiterkammer-„Nachhilfebarometer“. Dafür wurden 1.150 Eltern befragt.

Drei Viertel der Nachhilfe im Angstfach Mathematik

„Das Nachhilfefach Nummer eins ist nach wie vor mit Abstand Mathematik“, bestätigen die Studienautoren. Knapp drei Viertel aller Nachhilfeschüler brauchen Unterstützung bei der Rechenkunst. Jeweils ein Drittel des Zusatz-Unterrichtes ist zudem in Deutsch und Fremdsprachen nötig. Der Mathematiker Rudolf Taschner hat sich jahrzehntelang bemüht, den Menschen die Angst vor dem Fach zu nehmen. Der Universitätsprofessor und Bildungssprecher der ÖVP ist überzeugt, „Die Lehrpläne sollten allgemein entrümpelt werden. Sie lassen den Lehrerinnen und Lehrern zu wenig Spielraum, um das, was ihnen am Herzen liegt, einbringen zu können.

Das würde natürlich auch bei den Kindern viel besser ankommen.“ Nicht nur in Mathematik, in allen Fächern „sollte bei den Lehrplänen nur das Wesentliche, die Basis, das wirklich Notwendige übrigbleiben. Der Rest sollte Sache der Lehrer sein.“ Diese Eigenverantwortung den Lehrern zu geben, „das wäre eine große Aufgabe für die nächste Legislaturperiode“.
So weit ist es noch lange nicht. Gerade jetzt müssen nicht wenige Schüler versuchen, einen drohenden Fünfer im Jahreszeugnis mit Prüfungen abzuwenden. Denn in den kommenden Tagen steht der Notenschluss bevor.
Wem das nicht gelingt, muss sich in den Ferien auf die Wiederholungsprüfung vorbereiten.
Die Nachhilfe-Industrie floriert.

Eine Stunde Einzelunterricht kostet im Schnitt gut 40 Euro. Das läppert sich. Und zwar nicht nur in den höheren Schulstufen, sondern sogar schon in der Volksschule. Jedes zehnte Kind zwischen sechs und zehn Jahren bekommt Zusatzunterricht außerhalb der Klasse. Dazu kommt der Förderunterricht in der Schule und das Engagement der Eltern, die mit den Kindern zuhause üben und lernen.
Den Grund für die Nachhilfe-Misere verorten nicht nur linke Schulexperten in unserem Halbtags-Schulsystem. Am Vormittag wird gelernt, am Nachmittag betreut.

„Nachlernpflicht für die Eltern am Nachmittag“

Auch der frühere ÖVP-Politiker, Autor und Bildungsfachmann Andreas Salcher schlägt mit seiner Kritik in diese Kerbe. „Wer Müttern zuhört, wie sie über Schule reden, ,Wir haben einen Dreier in Englisch bekommen‘ oder ,Wir haben die Nachprüfung in Mathematik bestanden‘, fühlt sich bestätigt, dass unsere Schulen den Charakter von Fernlerninstituten mit Anwesenheitspflicht für die Schüler am Vormittag und Nachlernpflicht für die Eltern am Nachmittag haben“, sagt er.
Rund ein Drittel der Pflichtschüler besucht in unserem Land eine ganztägige Schulform. Von den gut 2.400 „Vollzeit-Standorten“ sind allerdings lediglich an die 220 „echte“ Ganztagesschulen. Dort werden Unterricht, Üben und Freizeit „verschränkt“, das heißt, sie wechseln sich über den ganzen Tag hinweg ab.

In den meisten Bundesländern müssen zwei Drittel der Eltern und zwei Drittel der Lehrer einer Umstellung der Schulform auf den Ganztages-Betrieb zustimmen. Das stellt in vielen Fällen eine unüberwindbare Hürde dar.
Dabei seien die „Vorteile der echten verschränkten Ganztages-Schule eindeutig“, erklärt Andreas Salcher. „Die Zeiteinteilung zwischen Lernbüros, Lehrvortrag, echtem Projektunterricht, Sport und Exkursionen, selbstbestimmtem Lernen sowie Erholungs-, Essens- und Reflexionszeiten wird vom Lehrkräfteteam in Absprache mit der Schulleitung autonom festgelegt.“

Dadurch werde ein Eingehen auf jede Schülerin und jeden Schüler überhaupt erst möglich. „Die Hausaufgaben fallen zum Großteil weg. Für Schüler, Lehrkräfte und – ganz wichtig die Eltern – endet die Schule im Normalfall zwischen 15 und 16 Uhr.“ Derzeit haben Schüler und Eltern oft später Feierabend. Nach der Arbeit und am Wochenende wird weiter gepaukt. Vier von fünf Eltern helfen den Kindern bei den Schulaufgaben. Ein Drittel lernt und übt sogar täglich mit ihnen. „Bildung muss in der Schule stattfinden“, ärgert sich die Arbeiterkammer-Präsidentin Renate Anderl. Die Schulen müssten so organisiert und ausgestattet werden, dass das Üben und Lernen in der Schule ausreichen. „Der Schulerfolg darf nicht länger an die Eltern und ihre Küchentische ausgelagert werden.“

Irgendwann stoßen die meisten Eltern jedoch an ihre Grenzen. Zwar werden je nach Bundesland auch Gratis-Lernhilfen angeboten, aber meist setzen die Familien auf bezahlte Nachhilfe durch Lehrer, Studenten oder andere Schüler. Rund 750 Euro kostet der Zusatzunterricht pro Nachhilfeschüler jährlich.

„Private Nachhilfe-Institute boomen“, weiß der Bildungsexperte Andreas Salcher. „Der Staat bietet zusätzlich kostenlose Nachhilfe an, statt für Schulen zu sorgen, in denen die Schüler während der Schulzeit entsprechend gefördert werden und Nachhilfe nur mehr in Ausnahmefällen wie zum Beispiel Krankheit notwendig ist.“
Dabei gibt es Staaten, in denen private Nachhilfe nahezu unbekannt ist. „In Ländern mit flächendeckenden Ganztages-Schulen wie Finnland, Estland, Neuseeland oder Kanada findet Lernen prinzipiell während der Schulzeit statt, daher ist deutlich weniger Nachhilfe notwendig“, erklärt Salcher.

Schulbildung wird bei uns nach wie vor „vererbt“

„Deshalb ist in diesen Ländern die Kluft zwischen den Bildungsschichten auch geringer als bei uns.“ Weil gerade die sogenannten bildungsfernen Schichten mit ihren Kindern am Nachmittag gar nicht lernen können oder sich auch Nachhilfe nicht leisten können. Hierzulande wird die Schulbildung nach wie vor weitgehend „vererbt“.

Nur zehn Prozent der Kinder von Eltern, die höchstens einen Pflichtschulabschluss haben, schließen ein Studium ab. Denn für höhere Bildung sind nur zu einem geringeren Teil die Gene verantwortlich, noch viel wichtiger ist laut Wissenschaftlern die Förderung in den jungen Jahren.

So viele brauchen bezahlte Nachhilfe

Anteil der Nachhilfe-Schüler gesamt
2010 15 %
2015 13 %
2020 17 %
2024 22 %

Anteil der Kinder mit Nachhilfe nach Schultyp
Volksschule 11 %
Mittelschule, AHS-Unterstufe 27 %
AHS-Oberstufe,
Berufsbildende mittlere
und höhere Schulen 32 %








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