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Ausgabe Nr. 23/2024 vom 04.06.2024, Fotos: ÖAW-ÖAI/H. Parow-Souchon, Zeppelzauer (4), ÖAW-ÖAI/H. Parow-Souchon
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Der Archäologe und Leiter
der ÖAI-Außenstelle Krems
Dr. Thomas Einwögerer (re.) nimmt die steinzeitlichen Fundstücke genauer
unter die Lupe.
Ein Weinkeller voller Mammut-Knochen
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Eigentlich wollte der Weinbauer Andreas Pernerstorfer aus Gobelsburg (NÖ) nur seinen
Keller umbauen. Bei den Grabungsarbeiten machte er aber eine Entdeckung, die heimische Archäologen jubeln lässt und auch international für Schlagzeilen sorgte.
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Der beschauliche 800-Einwohnerort Gobelsburg im Bezirk Krems (NÖ), sanft eingebettet in die Hügellandschaft des Weinviertels, war bisher vor allem für seine Weine und das gleichnamige Schloss bekannt. Das änderte sich vor Kurzem, als der ansässige Weinbauer Andreas Pernerstorfer bei Umbauarbeiten in seinem Keller auf 40.000 Jahre alte Mammut-Knochen stieß. „Er dachte zuerst, das sei altes Holz“, berichtet der Archäologe Dr. Thomas Einwögerer, 56. „Gott sei Dank hat er es gleich dem Bundesdenkmalamt gemeldet und die haben dann unsere Forschungsgruppe zu Rate gezogen.“

Und die Forscher des Archäologischen Institutes (ÖAI) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) staunten nicht schlecht, als sie den steinzeitlichen Schatz im Weinkeller zu Gesicht bekamen. Immerhin ist er der bedeutendste Fund dieser Art seit mehr als 100 Jahren. „Wir haben schon aufgrund der Größe der Knochen vermutet, dass es sich um ein Mammut handelt. Das bestätigte sich, nachdem wir dann auch Backenzähne und Beckenstücke gefunden hatten“, sagt Einwögerer. Auch, dass es nicht nur die Überreste eines, sondern mindestens von drei verschiedenen Wollhaarmammuts sind.

Archäologie ist die reinste Knochenarbeit
Diese mächtigen Tiere lebten vor 800.000 Jahren bis zur letzten Eiszeit vor etwa 11.500 Jahren. „Sie waren mit einer Schulterhöhe von rund vier bis fünf Metern deutlich größer als der afrikanische Elefant heute“, weiß Einwögerer, der seit 2017 die Forschungsgruppe „Quartärarchäologie“ an der ÖAI-Außenstelle Krems an der Donau (NÖ) leitet. Dort befinden sich derzeit die Mammutknochen, die später ins Naturhistorische Museum oder in die niederösterreichischen Landessammlungen kommen.

Fundstellen von altsteinzeitlichen Lagern, wo Menschen gelebt haben, gebe es häufiger, aber „so eine dichte Knochenlage, so eine Anhäufung an Mammutknochen, das ist äußerst selten. Die meisten Fundstellen sind historisch, da wurde vor mehr als 100 Jahren etwas ausgegraben, aber leider oft nicht ordentlich dokumentiert“, bedauert der Wissenschaftler.

Im Nachbarkeller des Gobelsburger Winzers waren bereits vor etwa 150 Jahren Mammutknochen und Steinwerkzeuge entdeckt worden, weiß Einwögerer. „Die waren etwa 40.000 Jahre alt, darum halten wir uns vorerst an diese Schätzung.“ Weitere Aufschlüsse erwarten sich die Forscher aus den Untersuchungen der gefundenen Holzkohle. „Da wird eine sogenannte 14-C-Datierung gemacht (Radiokarbonuntersuchung zur radiometrischen Datierung kohlenstoffhaltiger, insbesondere organischer Materialien, deren zeitlicher Anwendungsbereich zwischen 300 und etwa 60.000 Jahren liegt). Bei Knochen sei eine Datierung schwieriger, „dafür muss das Knochenkollagen schon gut erhalten sein“, sagt er.

Der Schwerpunkt der Fundstellen in unserem Land liege entlang der Donau – zwischen Krems und Wien –, weiß der Archäologe. „Das sind Gegenden, wo wir viel Löss (ein lockerer Bodentyp, der große Mengen Wasser speichern kann) haben. Löss hat diese Fundstellen äußerst rasch und gut konserviert.“ Je höher die Überdeckung, umso besser ist es. „Die Mammut-Knochen im Weinkeller lagen 17 Meter tief unter der Geländeoberfläche in einem feuchten Boden. Das hatte den Vorteil, dass das Sediment relativ weich war und sich leicht weggraben ließ“, erklärt Einwögerer. Mit dem Nachteil, dass äußerst vorsichtig gearbeitet werden musste, um die „nassen“ Knochen nicht zu zerstören. „Unter den Archäologen werden wir ja immer ein bisschen belächelt im Paläolithikum (Altsteinzeit), als jene, die mit den Löffeln graben. Wir haben tatsächlich eine Palette vom kleinen Teelöfferl bis zum großen Schöpflöffel“, erzählt Einwögerer schmunzelnd. Am Knochen selbst werde nur mit weichen Holzwerkzeugen gearbeitet. „Bevorzugt mit Eisstäbchen, deshalb scherzen wir oft, dass wir Eis essen müssen, für die Wissenschaft.“

Auch Pinsel und Staubsauger kommen bei Grabungen zum Einsatz, „bei dem extrem feuchten Sediment hier hätten wir aber alles nur verschmiert und damit die Schichtungen schlechter gesehen.“ Durch die hohe Luftfeuchtigkeit im Keller sei auch der Gips, der um die Knochen aufgebracht wird, um sie zu stabilisieren, nicht getrocknet. Davor werde aber noch dokumentiert, wie die Knochen liegen. „Dafür werden sie ordentlich freigeputzt, dann werden Passpunkte gesetzt, alles eingemessen und Fotos aus verschiedenen Blickpunkten gemacht. Ein spezielles Programm fertigt ein dreidimensionales Modell an und erst dann können die Knochen herausgenommen werden.“ Nach dem Entfernen des Gipsmantels erfolgt später die Analyse. Anhand der Größe kann dann etwa das Alter des Tieres festgestellt werden.

„Dafür sind aber die Paläontologen (sie erforschen ausgestorbene Lebewesen und Pflanzen) zuständig, die sich nach der Präparation anschauen, woran die Tiere gestorben sind, auch ob es Schnittspuren an den Knochen gab, weil der Mensch versucht hat, Fleisch herunterzuschneiden.“

Im Falle des Weinkeller-Fundes handle es sich wahrscheinlich um den Todesort der Mammuts, denen durch die Steinzeitmenschen möglicherweise eine Falle gestellt wurde, vermutet seine Kollegin, die örtliche Grabungsleiterin Dr. Hannah Parow-Souchon. „Sie wird auch die nächste Grabung ab 26. August leiten“, sagt Einwögerer, der parallel dazu eine zweite große Ausgrabung in der Nähe, in Kammern-Grubgraben leiten wird. „Da sind auch Studenten der Universität Wien dabei“, freut sich Einwögerer, der selbst erst über Umwege zur Archäologie gefunden hat. Sein ursprünglicher Beruf, Maschinenschlosser, sei ihm aber heute noch hilfreich, meint er.
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