Jetzt anmelden
Ausgabe Nr. 23/2024 vom 04.06.2024, Fotos: akg-images / picturedesk.com, ullstein bild / Ullstein Bild / picturedesk.com
Artikel-Bild
Artikel-Bild
Hitler war „aufgekratzt“, als er von der Landung erfuhr.
Der längste Tag
Jetzt neu: Hier klicken
und Artikel an Freunde verschenken.
Mit der Landung der Alliierten in Frankreich begann vor 80 Jahren das letzte Kapitel des Nazi-Terrors. Adolf Hitler verschlief die Invasion in seinem bayerischen Refugium.
Auf Play drücken
um Artikel vorlesen
zu lassen.
Um 6.30 Uhr landeten die ersten Boote der Alliierten an der Küste Frankreichs, wenige Stunden später hatten tausende Soldaten auf den Strandabschnitten den Tod gefunden. In den Morgenstunden des 6. Juni 1944 begann die bis dahin größte Militäroperation aller Zeiten.

Ursprünglich hätte die Invasion einen Tag früher stattfinden sollen. Aber Sturm, Regen und Wolken verzögerten den „D-Day“. Was heute als Synonym für die Landung in der Normandie steht, war ursprünglich nur die Bezeichnung für den Stichtag einer militärischen Operation, vergleichbar mit dem deutschen „Tag X“.

Schon am Vortag waren die ersten Schiffe im Süden der britischen Insel ausgelaufen, um den Ärmelkanal zu überqueren. Kurz nach Mitternacht waren Fallschirmspringer am Rand des Invasionsgebietes im Norden Frankreichs gelandet. Fast 7.000 Schiffe, mehr als 10.000 Flugzeuge und 157.000 Soldaten vor allem aus den USA, Großbritannien und Kanada sollten eine zweite Front in Europa gegen Nazi-Deutschland eröffnen und so die Rote Armee der Sowjetunion entlasten.

Aufblasbare Panzer täuschten die Nazis

„Als der Tag anbrach, sah man vor lauter Schiffen das Meer nicht mehr, und der Himmel war bedeckt mit Flugzeugen“, erinnerte sich ein kanadischer Veteran vor zehn Jahren. Es waren so viele Schiffe, „dass das Meer fast schwarz aussah“, zitiert der deutsche Historiker Guido Knopp in einem Bericht einen damals jungen deutschen Offizier. Rund 30.000 Wehrmachts-Soldaten standen dem Ansturm gegenüber.

„Als es heller wurde, lösten sich aus dieser Masse Truppentransporter, Landungsschiffe und Hunderte von Booten, sie kamen direkt auf uns zu.“ Die Codenamen der fünf Küstenabschnitte, die die Alliierten attackierten, lauteten „Utah“, „Omaha“, „Gold“, „Sword“ und „Juno“.

Die Namen waren zufällig ausgewählt worden. Die beiden Abschnitte, an denen amerikanische Truppen landeten, wurden laut einer Überlieferung nach den Heimatbundesstaaten zweier Soldaten benannt, die gerade anwesend waren.

Die britischen und kanadischen Sektoren tauften die Militärstrategen nach Fischen – Goldfisch, Schwertfisch (sword, deutsch: Schwert) und „Jellyfish“ (Qualle). Aber dem britischen Premier Winston Churchill soll „Jelly“ missfallen haben. So kam es zu Juno, angeblich nach dem Vornamen einer Offiziers-Ehefrau.

Die Landungs-Abschnitte lagen nicht, wie von den Nazis vermutet, an der engsten Stelle des Ärmelkanals, bei Calais, sondern weiter westlich, in der Normandie. Mit aufwändigen Täuschungsmanövern hatten die Amerikaner und Briten das tatsächliche Ziel verschleiert. Aufblasbare Panzer wurden ebenso wie hölzerne Flugzeuge eingesetzt, um Truppen vorzutäuschen, wo sie gar nicht waren. Gefälschte Funksprüche und Doppelagenten, die Fehlinformationen durchsickern ließen, taten ein Übriges. Adolf Hitler und seine Wehrmachts-Generäle sollten von Angriffen auf Norwegen und bei Calais ausgehen.

Dass die Invasion kommen würde, damit rechneten die Nationalsozialisten. Aber wegen des schlechten Wetters hielten sie einen Vorstoß Anfang Juni 1944 für unwahrscheinlich. Viele Offiziere waren auf Kurzurlaub in Paris. Selbst als die Operation begann, glaubten manche noch immer nicht an einen Angriff.

Adolf Hitler, der Mann, der die halbe Welt in die Hölle auf Erden verwandelt hatte, hielt Hof auf dem Obersalzberg nahe dem bayerischen Berchtesgaden, als sich die Briten und Amerikaner auf die Invasion vorbereiteten.

„Wir sitzen dann noch bis nachts um zwei Uhr am Kamin, tauschen Erinnerungen aus, freuen uns über die vielen schönen Tage und Wochen, die wir zusammen erlebt haben“, notierte NS-Propagandaminister Joseph Goebbels in seinem Tagebuch. „Kurz und gut, es herrscht eine Stimmung wie in den guten alten Zeiten.“ Hitler verschlief die Invasion. Erst gegen zehn Uhr am nächsten Vormittag trauten sich seine Adjutanten, ihn im „Berghof“ zu wecken.

Der „Führer“ reagierte laut Goebbels „außerordentlich aufgekratzt“ auf die Nachricht von der Landung der alliierten Truppen. „Es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn wir nicht damit fertig würden“, schrieb Hitlers Chef-Propagandist. Andere waren längst weniger optimistisch. „Für die Alliierten und für Deutschland wird es der längste Tag sein“, hatte der deutsche Generalfeldmarschall Erwin Rommel im April 1944 über die entscheidenden ersten 24 Stunden einer Invasion vorhergesagt.

Der Omaha-Strand forderte einen hohen Blutzoll

Tausende Soldaten auf beiden Seiten überlebten diesen „längsten Tag“ nicht. Viele von ihnen waren kaum älter als 20 Jahre. Allein am ersten Tag der Invasion starben mehr als 4.400 alliierte Soldaten auf dem rund 70 Kilometer langen Küstenabschnitt. Auf der deutschen Seite wurde die Zahl der Verwundeten, Vermissten und Gefallenen auf bis zu 9.000 Mann geschätzt.

Vor allem der „Omaha“-Strand forderte einen hohen Blutzoll. Die Bomber der Alliierten konnten wegen der tiefliegenden Wolkendecke die deutschen Stellungen nicht zerstören. Als die ersten amerikanischen Soldaten an Land gingen, gerieten sie sofort unter Beschuss. Fast alle Männer der Kompanie, die den westlichen Teil des Strandes besetzen sollten, wurden in den ersten zehn Minuten getötet oder verletzt.

Ein General überlegte sogar, die Landungszone „Omaha“ aufzugeben. Doch um 15.30 Uhr räumten die letzten deutschen Soldaten ihre Geschütze. Die Alliierten stießen ein paar Kilometer ins Landesinnere vor.
Die Schlacht um die Normandie dauerte noch Monate. Am 25. August 1944 wurde Paris befreit. Erst am 8. Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg in Europa mit der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands. Zur Gedenkfeier am 6. Juni werden Staats- und Regierungschefs aus aller Welt nach Frankreich reisen.

US-Präsident Joe Biden ebenso wie der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz, Kanadas Premier Justin Trudeau und der britische Thronfolger Prinz William. Auch den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj will der französische Präsident Emmanuel Macron in der Normandie begrüßen.
Weitere Inhalte dieser Ausgabe:
Ihre Meinung
Ihre Meinung ist uns wichtig.

Schreiben Sie Ihren Kommentar zu diesem Artikel, den wir dann prüfen und veröffentlichen werden.
Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu verfassen.
Werbung