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Ausgabe Nr. 22/2024 vom 28.05.2024, Fotos: ORF, ZVG, ​Zeppelzauer
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Franz Kafka: Geboren wurde er am 3. Juli 1883 in der tschechischen Hauptstadt Prag
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Kafkas bester Freund Max Brod.
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Dora Diamant war die dritte Verlobte des Autors.
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Sein Vater kontrollierte jede seiner Beziehungen.
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„Zettel-Luster“ (links) im Gedenkraum
– als Kafka (rechts) verstummte, hat er nur noch mit den daraufgehängten Notizen kommuniziert.
„Ich bin sogar als großer Lacher bekannt“
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Franz Kafka zählt zu den bedeutendsten Autoren des 20. Jahrhunderts, berühmt für seine albtraumhaften Szenarieren. Dabei hatte der „Dichter des Düsteren“ auch eine komische Seite.
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Sein Leben lang hatte Franz Kafka Schuldgefühle. Beherrscht von der ständigen Angst, weder dem Schreiben noch dem Leben gerecht zu werden. „Er war sicher eine Mischung aus sehr eifrig und getrieben vom Schreiben, gleichzeitig hat er stark seiner Rolle und den Erwartungen als Sohn, als Familienmitglied, als Mitglied der Gesellschaft entsprechen wollen. Kafka war zwischen diesen beiden Welten hin- und hergerissen“, weiß Mag. Ursula Ebel.

Die Schriftführerin der Österreichischen Franz Kafka Gesellschaft hat sich intensiv mit dem Werk des Autors auseinandergesetzt und führt regelmäßig Besucher durch die vom Verein gestalteten Gedenkräume des ehemaligen „Sanatoriums Hoffmann“ in Kierling (NÖ) nahe Wien. In der kleinen, privat geführten Einrichtung hat Franz Kafka die letzten 46 Tage seines Lebens verbracht.

Geboren wurde er am 3. Juli 1883 in der tschechischen Hauptstadt Prag, damals noch Böhmen und Teil der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn. Er entstammte einer jüdischen, deutschböhmischen Kaufmannsfamilie und war der erstgeborene Sohn von Hermann Kafka (1852–1931) und dessen, aus einer wohlhabenden Brauereidynastie stammenden Frau, Julie Löwy (1856–1934).

Prag hatte zu dieser Zeit etwa 230.000 tschechische und 42.000 deutschsprachige Einwohner. Kafka wuchs deutschsprachig auf und besuchte eine deutsche Schule. „Manche Begrifflichkeiten in seinen Werken und manche Satzkonstruktionen lassen sich auf dieses Prager Deutsch (eine Form der Schriftsprache ohne dialektale Einflüsse) zurückführen“, weiß Ebel.

Kafka litt schon während seiner Schulzeit unter schrecklicher Prüfungsangst

Kafka hatte drei jüngere Schwestern. Seine zwei nach ihm geborenen Brüder, Georg und Heinrich, starben noch im Kleinkindalter. Während die Eltern ein Galanteriewarengeschäft (modische Accessoires und Gebrauchsgegenstände) führten, kümmerte sich zumeist das Hauspersonal um die vier Kinder. Franz Kafka war ein guter Schüler ohne nennenswerte Stärken oder Schwächen, aber von einer ständigen Versagens- und Prüfungsangst geplagt. Nach seiner Matura schrieb er sich 1901 an der Prager Universität für das Studienfach Chemie ein, wechselte aber kurze Zeit später an die juristische Fakultät. „Ich studierte also Jus. Das bedeutete, dass ich mich in den paar Monaten vor den Prüfungen unter reichlicher Mitnahme der Nerven geistig förmlich von Holzmehl nährte, das mir überdies schon von tausend Mäulern vorgekaut war“, sagte er über jene Zeit. Nebenbei belegte der junge Student auch Vorlesungen in Germanistik, Kunstgeschichte und Philosophie, wo viel eher seine Neigungen lagen.

„Das Jusstudium entsprang sicher der Erwartungshaltung der Familie, Schriftsteller eher nicht“, sagt Ebel. Im Jahr 1906 beendete Kafka das „Vernunftstudium“ und promovierte schließlich zum Doktor der Rechte. Er begann bei seinem Onkel, dem Anwalt Dr. Richard Löwy als „Concipient“ zu arbeiten, bevor er im Juni 1908 den „löblichen Vorstand der Arbeiter-Unfall-Versicherungsanstalt für das Königreich Böhmen um gütige Aufnahme als Hilfsbeamter“ ersuchte.

Vom Anstaltspraktikanten kletterte der junge Kafka schnell die Karriereleiter hinauf. „Er war im Alltag ein diszipliniert arbeitender Jurist, der auch von seinen Kollegen hoch geschätzt wurde“, sagt Ebel. In seinem Inneren sah es aber ganz anders aus, wie Kafka nur wenigen Menschen anvertraute. „Mein Posten ist mir unerträglich, weil er meinem einzigen Verlangen und meinem einzigen Beruf, das ist die Literatur, widerspricht“, klagte Kafka. In einem Brief an seinen Vertrauten Oskar Pollak etwa schrieb er als 20jähriger: „Ich werde dir ein Bündel vorbereiten, in dem wird alles sein, was ich bis jetzt geschrieben habe.“

Einer seiner ersten literarischen Texte, die erhalten sind, ist die Novelle „Beschreibung eines Kampfes“ aus 1904/1905. Im Jahr 1908 wurden dann erstmals kleine Prosastücke Kafkas in einer Zeitung veröffentlicht. „Er war das Gegenteil von jemandem, der für sich selbst geworben hat. Kafka musste eher immer angetrieben werden, dass er etwas veröffentlicht“, erklärt Ebel. Der Schriftsteller sei seinem eigenen Werk immer kritisch gegenüber gewesen, „was auch dazu geführt hat, dass er vieles gleich wieder vernichtet hat“. Kafka, der als „Dichter des Düsteren“ gilt und für die oft albtraumhaften Visionen und die Hoffnungslosigkeit in seinen Werken bekannt ist, beweist darin aber durchaus auch Humor. Keinen vordergründigen allerdings, sondern einen, der das Ironische, das Groteske, das Satirische umfasst. „Kafka stand in dem Ruf, ein tragischer und dunkler Autor zu sein und das stimmt für einen Teil seiner Werke auf jeden Fall“, bestätigt Ursula Ebel. „Es gibt viele brutale und grausame Szenen, gleichzeitig aber auch diese humorvollen und absurden Passagen.“

Seine Erzählung „Die Verwandlung“ (1912) beispielsweise handelt von einem überdimensionalen Käfer – dem wohl berühmtesten Insekt der Literaturgeschichte –, in den sich Gregor Samsa, der Protagonist des Stückes, verwandelt. Manche an die Komik der früheren Stummfilme erinnernden Szenarien finden sich auch in „Der Process“ aus dem Jahr 1914.

Kafka, der als „Dichter des Düsteren“ gilt, hatte Lachanfälle bei der Arbeit

Kafkas bester und lebenslanger Freund, der Schriftsteller Max Brod (1884–1968), den er während seines Studiums kennengelernt hatte, erinnerte sich, der Autor hätte beim Vorlesen des Stückes so gelacht, „dass er weilchenweise nicht weiterlesen konnte“. Auch in Kafkas Tagebüchern ist von Lachanfällen bei der Arbeit zu lesen. Und aus einem Briefwechsel zwischen Franz Kafka und seiner ersten Verlobten Felice Bauer (1887–1960) stammen die Zeilen, „Ich kann auch lachen. Ich bin sogar als großer Lacher bekannt.“

Mit Felice Bauer „war er zwei Mal verlobt. Das war eine große und ernste Geschichte, aber seine Vorbehalte waren größer als die positive Einstellung in Bezug auf die Person“, erzählt die Kafka-Expertin. Später gab es eine kurze Beziehung mit der Pragerin Julie Wohryzek, doch seine Eltern waren gegen die Verbindung. Vor allem sein Vater kontrollierte jede von Kafkas Beziehungen. „Die Familiendynamik mit diesem autoritären Vater, das ist etwas, das Kafka auf jeden Fall beschäftigt und was in vielen seiner Werke, etwa in ,Das Urteil‘, eine wichtige Rolle spielt.“ Er war jemand, der das Korsett, „das man von der Gesellschaft bekommt – sei es die Familie, die Bürokratie, das berufliche Umfeld–, klar und kompromisslos beschrieben hat“.

Für das Schreiben setzte er sogar seine Gesundheit aufs Spiel

Kafka, der Zeit seines Lebens Junggeselle blieb, hatte einerseits eine Idealvorstellung von der Ehe, auf der anderen Seite war sie für ihn nicht mit seinem Autorenleben vereinbar. Für das Schreiben hat er letztendlich alles in den Schatten gestellt, selbst seine Gesundheit.

Im August 1917 spuckte Kafka zum ersten Mal Blut. Die Ärzte stellten eine Lungentuberkulose fest. Im Jahr 1922 ging er deshalb vorzeitig in den Beamtenruhestand. Erst in jener Zeit gelang es Kafka, sich von seiner Familie und auch von seiner Heimatstadt Prag zu lösen.

Im Sommer 1923 lernte er im Ostseebad Müritz (D) die 25jährige Dora Diamant († 1952) kennen und lieben. Gemeinsam verbrachten sie einige Monate in Berlin (D). Der Zustand des Schriftstellers verschlechterte sich aber derart rapide, dass seine Familie fieberhaft nach einem geeigneten Sanatoriumsplatz für den Schwerkranken suchte. Schließlich wurde Kafka ins „Sanatorium Wienerwald“ in Feichtenbach (NÖ) gebracht, wo festgestellt wurde, dass die Lungentuberkulose auf den Kehlkopf übergegangen war.

Kafka wurde daraufhin nach Wien ans Universitätsklinikum AKH überstellt. „Er hat sich aber stark nach Ruhe gesehnt und wollte weg aus dieser unpersönlichen Umgebung“, weiß Ebel. Der Schriftsteller übersiedelte daraufhin ins Sanatorium nach Kierling. Dort gab es auch ein Zimmer für seine Verlobte Dora Diamant, die nicht mehr von seiner Seite wich.

Zunehmend fiel Kafka das Sprechen schwerer, bis es ihm die Ärzte schließlich verboten haben. „Da hat er eben kurze Notizen geschrieben, die zum Teil literarisch waren, aber auch einfach nur Fragen oder Anweisungen enthielten. Diese ausgewählten Gesprächsblätter sind in der Ausstellung zu sehen. Termine, Infos sowie einen Hörbeitrag über die Geschichte seiner letzten Tage sind auch auf unserer Webseite franzkafka.at zu finden.“

Verstummt und bettlägerig, kamen Kafka immer größere Zweifel an seinem schriftstellerischen Können. Er hat sogar testamentarisch angeordnet, sämtliche Werke nach seinem Tod zu vernichten. Und der kam in großen Schritten näher. An eine Operation war bei Kafkas Gesundheitszustand ohnehin nicht mehr zu denken. Anfang Mai 1924 war klar, dass er nicht mehr lange leben würde.

„Es gab deshalb Überlegungen, Kafka nach Prag zu bringen, damit er seine Familie ein letztes Mal sehen könne. Doch seine Verlobte wollte ihm die Strapazen nicht mehr zumuten. Auch, um ihm nicht die Hoffnung zu nehmen.“

Franz Kafka starb am Nachmittag des 3. Juni 1924, wenige Wochen vor seinem 40. Geburtstag. Sein Leichnam wurde nach Prag gebracht, wo er am 11. Juni 1924 im Neuen Jüdischen Friedhof beigesetzt wurde.

Anders als von Kafka gefordert, vernichtete sein Freund und Nachlassverwalter Max Brod dessen Werk nicht. „So blieb es für die Nachwelt erhalten“, sagt Ebel. Der Tod Kafkas sorgte damals kaum für Aufruhr, wie die wenigen Nachrufe bezeugen. „Da er sich als Autor nie in den Vordergrund gespielt hatte, war er nur einem gewissen literarisch interessierten Kreis bekannt. Die Rezeption (Gedanken-Übernahme) von Kafka nahm eigentlich erst Jahrzehnte später Fahrt auf“, weiß Ebel.

Und obwohl seine wichtigsten Romane unvollendet geblieben sind, gilt er heute als einer der bedeutendsten modernen Autoren überhaupt. rz
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