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Ausgabe Nr. 21/2024 vom 21.05.2024, Fotos: AdobeStock, TikTok, Saferinternet.at, Franziska Liehl
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Alexander Van der Bellen war als Hofburg-Kandidat auf TikTok.
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Karoline Edtstadler (ÖVP): Opernball-Vorbereitung.
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Sigi Maurer (Grüne) in ihrer Küche.
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FPÖ-Chef Herbert Kickl: Selfie beim Wandern.
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Beate Meinl-Reisinger und „Neos-Nikolaus“.
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Internet-Experte Matthias Jax
Die TikTok-Taktik
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In den USA droht die Regierung miteinem TikTok-Verbot. Bei uns nutzen immer mehr Politiker diese Internet-Plattform zum Stimmenfang bei Jung-wählern.
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Es sind vor allem junge Menschen, die sich für TikTok begeistern. Ältere Semester sind auf der Internet-Plattform seltener zu finden. Wenn doch, dann produzieren sie ebenso wie die Jungen lustige Videos, geben Haushalts-Tipps, manche wollen auch Produkte verkaufen oder gleich sich selbst wie etwa Politiker.
„TikTok ist eine Kurzvideo-Plattform ähnlich wie Instagram, wo eben keine Bilder angezeigt werden, sondern ganz kurze Videos, die zwischen fünf Sekunden und drei Minuten lang sein können“, bringt es Matthias Jax von der Initiative Saferinternet.at (deutsch: Sichereres Internet) auf den Punkt. Der Name stammt vom Geräusch der Uhr, dem „Tick-Tack“ und verweist auf die schnellen Videos auf der Plattform.
Immer mehr Politiker sind dort auf Stimmenfang. BundespräsidentAlexander Van der Bellen nutzte seinen TikTok-Kanal im Wahlkampf durchaus erfolgreich. Seit er im Amt ist, herrscht Video-Flaute.Auch Politiker wie der ÖVP-Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka haben die Plattform für sich entdeckt. „Wer nicht mit der Zeit geht,
der geht mit der Zeit“, tat er im ersten Video vor zwei
Jahren kund.

Zwischen Rhabarber-Lied und Opernball

Die Grünen-Klubchefin Sigrid Maurer sorgt mit ihren Videos immer wieder für Aufsehen. Auf TikTok beschreibt sie sich als „Feministin, Soziologin, mag keine Katzen“. In ihren Videos tut sie auch schon einmal im Bademantel ihre Meinung kund, während sie die Küche aufräumt. Oder sie tanzt zu einem „Rhabarber“-Lied. Zu Kritik daran meint sie, sie finde „Politiker, die schlechte Politik machen“, viel schlimmer „alswenn ich ein lustiges Video mit Rhabarber mach‘“. Verfassungsministerin Karoline Edtstadler von der ÖVP lässt die TikTok-Gemeinde wiederum bei der Vorbereitung zum Opernball teilhaben, Friseurbesuch und Schminken inklusive.Andere wie FPÖ-Obmann Herbert Kickl setzten auf Reden-Ausschnitte, selten ist anderes zu sehen. Aber auch ÖVP-Bundeskanzler Karl Nehammer, SPÖ-Chef Andreas Babler oder Neos-Obfrau Beate Meinl-Reisinger lassen TikTok nicht aus.

„Ob Jugendliche Politiker auf TikTok peinlich finden oder
sie Erfolg haben, das kommt immer darauf an, wer es wie macht“, sagt der Internet-Experte Matthias Jax zur Taktik
der Volksvertreter. „Natürlich sagen manche, dass es superpeinlich ist, wenn ein Politiker vielleicht noch in Jugendsprache auf TikTok ist. Denn es ist eigentlich deren Raum.“

Es gäbe aber auch Zielgruppen, die dann angesprochen werden könnten. „Und ich glaube, es ist ganz wichtig,
dass man mit Jugendlichen dort in Kontakt tritt, wo sie sind.“
Vor allem bei der Generation Z, den zwischen 1997 und 2012 Geborenen, ist TikTok erfolgreich. Insgesamt sind 2,1 Millionen Menschen hierzulande auf der Plattform.
Die Verweildauer dort ist hoch.

„Dass TikTok aktuell so beliebt ist, dafür sorgen viele Faktoren. Die Kurzvideos brauchen nicht viel Aufmerksamkeit, sie emotionalisieren und der Algorithmus ist anders als bei den meisten sozialen Netzwerken“, erklärt Matthias Jax. Üblicherweise bekommen wir in sozialen Medien vor allem die Inhalte der Menschen oder Institutionen angezeigt, denen wir folgen. Bei TikTok wird jedoch nach potentiellen Interessen gefiltert.
Soziale Netzwerke an sich machen nicht süchtig, ist der Experte Jax überzeugt. „Ich glaube, die bessere Beschreibung ist, sie haben eine enorme Sogwirkung.
Auch weil das Ziel ist, dass die Nutzer so viel Zeit wie möglich auf den einzelnen Plattformen verbringen.
TikTok hat das perfektioniert.“

In die Schlagzeilen ist TikTok zuletzt auch mit gefährlichen „Challenges“ (deutsch: Herausforderungen) gekommen. Immer wieder landen Kinder und Jugendliche wegen solcher Internet-Mutproben im Spital. Sich selbst würgen, das Essen extrem scharfer Chips – manchen ist nichts zu blöd oder zu gefährlich.
Hierzulande bekommen Kinder das erste eigene Smartphone meistens im Alter von neun oder zehn Jahren. Spätestens dann sollte mit ihnen auch über solche Themen geredet werden.
In den USA hat die Regierung der Kurzvideo-Plattform jetzt ein Ultimatum gestellt – Verkauf oder Verbot. Präsident Joe Biden hat das Gesetz unterschrieben, das einen Eigentümerwechsel bei TikTok erzwingen soll – obwohl Bidens Wahlkampf-Team erst kürzlich ein Konto bei TikTok eröffnet hat. Die Drohung ist ein neuer Höhepunkt im Kampf zwischen China und den USA um die technologische Vorherrschaft auf dem Weltmarkt.

Die US-Regierung fürchtet, dass sich China Zugriff auf die Daten der Bürger verschaffen und politischen Einfluss nehmen könnte. Der in China ansässige Konzern Bytedance soll sich in spätestens einem Jahr von TikTok trennen.
Doch bei der Plattform wird betont, dass man sich nicht als Tochter eines chinesischen Unternehmens sehe. Bytedance sei zu 60 Prozent im Besitz westlicher Investoren. Frühere Verbotsdrohungen scheiterten zudem schon mehrfach.
Jetzt klagt TikTok gegen das Gesetz. Argumentiert wird, dass damit gegen die in der US-Verfassung verankerte Redefreiheit verstoßen werde. Eine Einstellung von TikTok werde „die 170 Millionen Amerikaner zum Schweigen bringen, die die Plattform nutzen“.
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