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Ausgabe Nr. 19/2024 vom 06.05.2024, Fotos: Linz AG, Trölß
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„Zwergerl schnäuzen“ bei einer Fahrt
mit Lenzibald, dem Drachenexpress.
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Grottenbahn-Leiterin Barbara Kaiser-Anzinger.
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Der neu hinzugekommene Findling nach der „Reha“.
Der Arzt, dem die Zwerge vertrauen
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Wer in Linz (OÖ) „Zwergerl schnäuzen“ geht, meint damit einen Besuch der Grottenbahn am Pöstlingberg. Seit 20 Jahren ist Otto Kolano der „Zwergendoktor“ der Grottenbahn. Der 73jährige versorgt die Blessuren und Brüche seiner tönernen Patienten.
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Genickbruch, offene Frakturen, Abschürfungen und Prellungen. Der Patient musste sofort auf die Intensivstation“, erinnert sich „Doktor“ Otto Kolano, 73, an einen schweren Fall. Zur genauen Diagnose wurde der Patient geröntgt. Aber nicht am Linzer AKH, sondern in der Gepäckstation des Flughafens der oberösterreichischen Landeshauptstadt.

Irgendwie verständlich, denn bei dem Verunfallten handelte es sich nicht um einen Menschen, sondern um eine Figur der Grottenbahn am Linzer Pöstlingberg. Und Kolano ist auch kein „echter“ Mediziner, sondern sorgt seit 20 Jahren als Zwergerlarzt dafür, dass die Missgeschicke der 66 Zwerge und 16 Märchendarstellungen des beliebten Ausflugszieles behandelt werden.

So erhielt auch der Page beim „Gestiefelten Kater“, der sich so schwer verletzt hatte, die passende Therapie. „Er brauchte eine Hüftprothese, deshalb haben wir in der Lehrwerkstätte der Linz AG ein Lochgitter verschweißen lassen. Unser Herr Doktor hat dann mit seiner Kreativität und Liebe zum Detail den Pagen wieder sorgfältig repariert“, erzählt Barbara Kaiser-Anzinger, 48, Leiterin der Grottenbahn und bei Bedarf auch Assistentin des Zwergendoktors.

Nach Brand erfolgte Neugestaltung

Seit fast 120 Jahren begeistert die Märchenwelt der Grottenbahn ihre großen und kleinen Besucher. „Bereits am 6. August 1906 feierte die ‚Elektrische Turmbahn am Pöstlingberg‘ Eröffnung und ab sofort zog auf dem kreisförmigen Kurs ein Motorwagen mit Drachenkopf und Anhängewagen seine Runden – der Vorfahre unseres Lenzibaldes“, weiß Kaiser-Anzinger. Nachdem die Grottenbahn im Zweiten Weltkrieg ausbrannte, begann die Bildhauerin Friederike Renate Stolz mit der Neugestaltung der Zwergen- und Märchenwelt.

„Da die Zwerge eine markante Nase tragen, vermuten wir, dass bereits Stolz bei der Erschaffung der Zwerge mit dem Ausspruch ‚zum Zwergerl schnäuzen‘ in ihrer Werkstatt an die Arbeit ging“, berichtet die Grottenbahnleiterin. Ein Ausspruch, der sich bis heute erhalten hat. Wer in Linz „Zwergerl schnäuzen“ geht, meint damit einen Besuch der Grottenbahn.

Damit den hohlen und gebrannten Tonfiguren ihr Alter, ihre Gebrechen und Wehwehchen nicht anzusehen sind, dafür sorgt Otto Kolano. Der Leondinger hat vor rund 20 Jahren seinen ersten Schirmzwerg erfolgreich reanimiert. „Leider wurde der Zwerg mutwillig zerstört und war in einem lebensbedrohlichen Zustand. Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, ihn zu reparieren. Nach und nach sind dann immer mehr Zwergen-Patienten zu mir gekommen“, sagt der 73jährige schmunzelnd.

Der Grafiker hat schon früh seine Fähigkeiten erkannt und ist seit jungen Jahren künstlerisch tätig. Bleistift und Pinsel sind seine wichtigsten Werkzeuge. „Es ist immer wieder eine Herausforderung, die passende Behandlung für meine Patienten zu finden“, berichtet der Facharzt mit einem Lachen. Abgebrochene Finger, Farbblessuren bis hin zu langwierigen Operation, etwa durch einen schweren Sturz einer Figur, alles ist ihm schon untergekommen. „Ich sammle dann Ideen, wie ich etwa die Extremitäten wieder ankleben kann oder ob ich eine Prothese operativ einbauen muss. Ich arbeite jetzt mit härteren und langlebigeren Materialien. Ich freue mich, dass ich einen Beitrag dazu leiste, dieses historisch wertvolle Kulturgut zu erhalten.“ Wichtig ist ihm, dass die Farbabstimmung bei der Auffrischung originalgetreu erhalten bleibt. „Ich möchte nicht, dass die Figuren angemalt aussehen. Die typische Patina und den nostalgischen Charme möchte ich erhalten.“

Einen unerwarteten Patienten erhielt Kolano erst kürzlich. „Ein originaler, von der Bildhauerin Stolz stammender Zwerg stand vor der Grottenbahn. Stolz hatte damals einige Zwerge an die Kinder der Umgebung verschenkt. Mysteriöserweise genau einen Tag nach Saisonende wurde er vor dem Grottenbahntor abgegeben.

Dem Findling fehlte ein Fuß und das Gesicht war lädiert

Wir haben unseren Findling adoptiert und ihn nach der ,Reha‘bei unserem Doktor in die Zwergenwelt aufgenommen“, erzählt Barbara Kaiser-Anzinger.

„Unser Findling war in einem schlechten Allgemeinzustand. Hand und Gesicht waren lädiert und ein Fuß fehlte ihm“, fügt Otto Kolano hinzu. Davon ist jetzt nichts mehr zu sehen. In vollem Glanz und vollkommen geheilt ziert er mit seinen Kameraden die Zwergenwelt in der Linzer Grottenbahn und zaubert allen, die ihn besuchen kommen, ein Strahlen in die Augen.

Wie viel Ordinationszeit der Zwergerldoktor in seine Sehenswürdigkeit investiert hat, kann er gar nicht mehr sagen, aber was er ganz sicher weiß, ist, „dass ich niemals ein echter Chirurg werden hätte können. Denn ich kann kein Blut sehen“, meint der quirlige Künstler und lacht.
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