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Ausgabe Nr. 19/2024 vom 06.05.2024, Fotos: AdobeStock, ddp, ÷NB-Bildarchiv / picturedesk.com, Katja Langeland
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Die Szene aus dem Film
„Der dritte Mann“
zeigt eine Verfolgungsjagd
in der Kanalisation unter Wien.
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Der k.u.k.-Oberst Alfred Redl galt als Vaterlandsverräter.
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Paul Schlief- steiner, ACIPSS.
Die Stadt der Spione
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Unsere Hauptstadt Wien hat eine lange Tradition als Drehscheibe für Geheimagenten. Schon während der Monarchie wurde hier spioniert und daran hat sich bis heute nichts geändert.
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Schon in der Steinzeit wurden „feindliche“ Stämme beschattet, um geeignete Jagdgründe in Erfahrung zu bringen. Auch der makedonische Feldherr Alexander der Große (356–323 v. Chr.) nutzte die Dienste von Spionen, etwa um Feinde in den eigenen Reihen aufzuspüren.
In unserem Land feierte das Spitzelwesen erstmals während der Zeit des „Wiener Kongresses“ (1814–1815) Hochkonjunktur. Einer der größten heimischen Spionagefälle ereignete sich dann knapp vor dem Ersten Weltkrieg. Der k.u.k.-Offizier Oberst Alfred Redl (1864–1913) gilt bis heute als „König der Vaterlandsverräter“. Jahrelang verkaufte er militärische Geheimnisse, vor allem an Russland, aber auch an andere der Donaumonarchie feindlich gesinnte Staaten. Weit schwerer wog aber, dass er Menschen verraten hatte, die in Russland für unser Land spioniert hatten.
Als Redl 1913 das Handwerk gelegt werden konnte, beging er Selbstmord. Die Motive für seine Spionagetätigkeiten dürften hauptsächlich finanzieller Natur gewesen sein. Im Laufe der Jahre soll Redl eine Million Kronen (nach heutiger Kaufkraft rund 7 Millionen Euro) von den verschiedenen Diensten erhalten haben.

Der Fall des ehemaligen Verfassungsschützers Egisto Ott

Geld dürfte im Fall des jüngsten heimischen Spionageskandals nicht das Hauptargument gewesen sein. Zumindest lässt das ein Blick auf die „Honorarliste“ des mittlerweile inhaftierten mutmaßlichen Doppelagenten Egisto Ott (Codename Aigistos Agistos) vermuten. Der ehemalige Staatsschützer – Ott war Mitarbeiter im damaligen Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT) – soll sensible Daten an Russland weitergegeben haben. Der 61jährige Kärntner kassierte dafür Beträge zwischen € 500,– und € 1.000,–. Insgesamt sollen es € 18.500,– gewesen sein.

„Viel ist das wirklich nicht“, sagt Paul Schliefsteiner. Er ist Direktor von ACIPSS (www.acipss.org), einem Forschungszentrum für Spionage und Sicherheit, und ein wahrer Experte auf dem Gebiet. „So wie es sich öffentlich darstellt, dürfte bei Egisto Ott und auch seinem früheren Vorgesetzten Martin Weiss (der war Chef der Abteilung ,Informationsbeschaffung und Ermittlung‘ und soll gemeinsam mit Ott eine ,nachrichtendienstliche Zelle‘ im BVT gebildet haben) stark das Ego eine Rolle gespielt haben“, vermutet Schliefsteiner.

In der Forschung gibt es vier Gründe, warum jemand spioniert. „Sie werden durch den Begriff MICE umschrieben, also Money (Geld), Ideology (Ideologie), Coercion (Erpressung) und Ego (Geltungsbedürfnis). Wobei meistens mehrere davon Treiberfaktoren sind“, erklärt der Experte. Auch dass Ott zu vielen Menschen beruflich und privat Kontakt hatte, dürfte eine Rolle gespielt haben, denn in Wien wurden schon immer gerne Kontakte gepflegt.

Die Stadt war und ist ein Schauplatz nachrichtendienstlicher Aktivitäten. Ihr Image als „Stadt der Spione“ verdankt Wien auch dem Filmklassiker „Der dritte Mann“ (1949). Bei der Entstehung des Filmes mit Orson Welles als „Harry Lime“ in der Hauptrolle, dürfte es in der Stadt von Geheimdienstlern nur so gewimmelt haben. Nicht nur vor der Kamera. Selbst der Autor des Werkes, Graham Greene, arbeitete als Agent für den britischen Auslandsgeheimdienst MI6.

Nicht nur die geografische Lage macht Wien attraktiv.

Beim Dreh in der weit verzweigten Wiener Kanalisation legten MI6-Mitarbeiter damals einen Geheimgang an, um die Telefone in der russischen Besatzungszone abzuhören. Zwischen den einstigen Verbündeten im Zweiten Weltkrieg herrschte mittlerweile der Kalte Krieg (die Epoche der machtpolitischen Rivalität zwischen den USA und der damaligen UdSSR zwischen 1945–1991).

Später nutzten viele andere Dienste ebenso die „günstigen“ Möglichkeiten, die unsere Hauptstadt bietet.
„Die geografische Lage, die gesetzlichen Bestimmungen sowie die Präsenz von internationalen Organisationen machen Wien zu einem attraktiven Ziel für Spione“, bestätigt ein Sprecher der Direktion für Staatssicherheit und Nachrichtendienst (DSN).

Dazu komme die hohe Lebensqualität. „Wien gilt als Stadt, in der viele gerne leben, auch Spione und Agenten. Es war schon früher gut für die Karriere, hier Dienst getan zu haben, denn die vielen internationalen Organisationen waren ein weites Feld für Nachrichtenbeschaffung jeder Art“, weiß Schliefsteiner.

Generell sei sie auch nicht strafbar, zumindest nicht, „wenn sich die Staaten gegenseitig ausspionieren. Unter Strafe gestellt ist aber der geheime Nachrichtendienst zum Nachteil der Republik (§ 256 StGB).“ Würde etwa jemand ein inländisches Ministerium ausspionieren, wäre das strafbar. Dagegen dürfte ein ausländischer Nachrichtendienst hierzulande eine internationale Organisation ungestraft auskundschaften. Militärische Nachrichtendienste sind aber generell verboten.

Unterschieden werden müsse bei den Begrifflichkeiten, sagt Schliefsteiner. „In unserem Land gibt es nur Nachrichtendienste, die unter rechtsstaatlichen Vorgaben arbeiten. Geheimdienste sind jene, die auch aktiv Aktionen setzen, etwa Assassinationen (Meuchelmorde) oder Sabotageakte.“ Dementsprechend heißt es auch, die eigene oder die befreundete Seite hat Agenten, die Gegenseite hat Spione. „Wobei mir einmal ein Nachrichtendienstler gesagt hat, es gibt keine befreundeten, nur Partnerdienste. Am Ende vom Tag ist sich jeder selbst der Nächste“, weiß er.
Allen gemein ist, dass sie unentdeckt bleiben wollen. „Das Ziel ist, dass die Tarnung hält. ,James Bond‘ etwa wäre kein guter echter Agent. Jeder weiß, für wen er arbeitet und kennt seinen Namen.“

So spannend, wie in Filmen dargestellt, sei es ohnehin nicht. „Sehr viel von den Nachrichtentätigkeiten ist Büroarbeit – das Lesen, Zusammentragen und Analysieren von Informationen. Im Regelfall ist es so, wenn es aufregend wird bei einem Nachrichtendienst, dann ist etwas schiefgegangen.“

Wie viele Mitarbeiter ausländischer Nachrichtendienste es bei uns tatsächlich gibt, kann weder die DSN noch Schliefsteiner beantworten. Es sei aber bekannt, dass in Botschaften oft getarnte Stützpunkte eingerichtet sind.

„Im diplomatischen Bereich sprechen wir von Legalresidenturen. In der internationalen Forschung gehen wir davon aus, dass ein Viertel bis ein Drittel des Botschaftspersonals – bei entsprechend großen Botschaften – mit nachrichtendienstlichen Tätigkeiten befasst ist.“ Eine Ausweisung solcher „Spione“ sei schwierig und würde oft als „Vergeltung“ die Ausweisung eines eigenen Diplomaten bewirken.

Welche Informationen wertvoll sind, sei situationsbezogen. „Quellen und Methoden sind es auf jeden Fall. Wenn ich ein gegnerisches Agentennetzwerk in meinem Land enttarnen kann, dann schränke ich die Handlungsfähigkeit des Gegners ein“, sagt Schliefsteiner. rz
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