Jetzt anmelden
Ausgabe Nr. 18/2024 vom 02.05.2024, Fotos: Zeppelzauer
Artikel-Bild
Artikel-Bild
Seit seiner Jugend begeisterter Flipper-Spieler: Im Wiener Büro des Traiskirchener Bürgermeisters steht ein Leih-Automat.
Artikel-Bild
„Ich habe noch jede Wahl gewonnen“
Jetzt neu: Hier klicken
und Artikel an Freunde verschenken.
Am 1. Mai steht Andi Babler zum ersten Mal als SPÖ-Chef auf dem Wiener Rathausplatz. Im WOCHE-Interview erzählt der 51jährige, dass er gern Bruno Kreisky an seiner Seite hätte und warum wir weniger arbeiten sollen.
Auf Play drücken
um Artikel vorlesen
zu lassen.
Herr Babler, die Industrie will eine 41-Stunden-Woche, sonst sei unser Wohlstand gefährdet. Sie wollen eine 32-Stunden-Woche. Wie soll das funktionieren?

Die Arbeitswelt hat sich geändert, sie ist stressiger als vor 50 Jahren. Damals hat die Regierung Kreisky das letzte Mal die Arbeitszeit Stück um Stück verkürzt. Auch heute haben die Arbeitnehmer ein Anrecht darauf. So wie die jetzigen Pensionisten davon profitiert haben und fünf Stunden weniger arbeiten mussten. Die Arbeitsproduktivität ist gestiegen, aber bei der Arbeitszeit hat sich nichts getan. Die 32-Stunden-Woche ist ein Ziel, das etappenweise mit einer Vier-Tage-Woche kommen soll.

Bei vollem Lohnausgleich?

Natürlich. Das ist das Modell der Zukunft. Die Mitarbeiter sind produktiver und weniger krank, das zeigen alle Studien. Wir wollen in Österreich ein wissenschaftlich begleitetes Pilotprojekt wie in anderen Ländern, um zu zeigen, welche Vorteile das bringt.

Wenn nur 32 statt 40 Stunden gearbeitet werden, fällt ein Fünftel der Arbeitszeit weg. Woher nimmt man dann etwa die ganzen Pflegekräfte, die fehlen?

Wir werden dadurch mehr Leute kriegen, die in der Pflege arbeiten wollen, das ist der Schmäh dran. In der Sozialwirtschaft hat die letzte Reduktion der Arbeitszeit auf mittlerweile 37 Wochenstunden 17.000 neue Leute gebracht, weil die Arbeitsbedingungen besser geworden sind.

Die Industriellenvereinigung beklagt auch die „Unzahl“
von Feiertagen …


Das ist indiskutabel. Die letzten, die einen Feiertag gestrichen haben, waren die FPÖ und die ÖVP mit dem evangelischen Feiertag, dem Karfreitag. Das ist nicht unser Weg. Wichtiger ist, dass wir uns strategisch darum kümmern, die sozial-ökologische Transformation, also den wirtschaftlichen Wandel Richtung erneuerbare Energien, nicht zu verschlafen. Damit wir auch in 20 Jahren noch Arbeitsplätze haben.

Momentan sind mehr als 80.000 Menschen länger als ein Jahr lang beschäftigungslos. Sie wollen eine Arbeitsplatz-Garantie nach dem Vorbild des Vorzeigemodells in Gramatneusiedl (NÖ). Laut AMS-Chef kostet das pro Person jährlich 30.000 bis 40.000 Euro. Das wären rund drei Milliarden Euro. Rentiert sich das trotzdem?

50.000 Arbeitslose kosten uns volkswirtschaftlich 1,5 Milliarden Euro. Wir zahlen die Arbeitslosigkeit, die Menschen haben weniger Kaufkraft und zahlen weniger Steuer, wenn sie weniger konsumieren. Mir ist es lieber, ich investiere in Arbeits- und Beschäftigungsprogramme, damit die Menschen mit ihrer Leistung etwas beitragen können, als nur die Arbeitslosigkeit zu finanzieren.

In Wien stöhnen Schulen und das Gesundheitssystem unter dem Familiennachzug. Der burgenländische SPÖ-Landeshauptmann Doskozil will eine Obergrenze von höchstens 10.000 Asylanträgen pro Jahr. Ist das der richtige Weg?

Das Wichtigere wäre eine faire Verteilung auf europäischer Ebene und in einem zweiten Schritt in Österreich. Das würde uns eine Diskussion über Obergrenzen ersparen, weil wir weit darunter liegen würden. Ich habe jahrelang bei der Verteilung von Asylwerbern in Europa und in Österreich einen Sanktionsmechanismus eingefordert. Die ÖVP-Innenminister haben das abgelehnt.

Sie sind zum ersten Mal als SPÖ-Chef bei der großen Maikundgebung in Wien. Welchen Vorgänger hätten Sie gerne an Ihrer Seite?

Die erste Antwort ist intuitiv immer Bruno Kreisky. Weil er für eine Reform-Ära verantwortlich war. Aber als Kind hat mich natürlich Fred Sinowatz geprägt.

Sie haben zuletzt gesagt, „Wir gewinnen diese Wahlen.“ Sind Sie so sicher?

Ich habe bis jetzt noch jede Wahl gewonnen, obwohl es manche als unwahrscheinlich angesehen haben. Das war auch bei der SPÖ-Vorsitzwahl so. Natürlich gehe ich davon aus zu gewinnen. Dafür mache ich das ja. Damit wir in Österreich endlich wieder aufbrechen können.

Ist es nicht ein Fehler, die Zusammenarbeit mit der FPÖ
vollkommen auszuschließen?


Die FPÖ und ihr Chef Kickl gefährden mit ihrer aggressiven und extremen Herangehensweise unsere sozialen und demokratischen Errungenschaften. Mit diesem Gegeneinander sind wir immer schlecht gefahren. Es war die Sozialdemokratie, die zwei Mal die Republik aufgebaut hat. Wir sind stolz auf diese demokratische Republik. Ich bin angetreten, um unserem Land ein drittes Mal Schwarz-Blau zu ersparen.

Die nächste Wahl ist die EU-Wahl. Sie haben 1994 gegen den EU-Beitritt gestimmt …

Die Diskussionen sind 30 Jahre her. Damals war ich in guter Gesellschaft, beispielsweise mit dem aktuellen Vizekanzler Werner Kogler. Ich habe beim Ausverkauf der Semperit gesehen, was es bedeutet, wenn Konzerne mehr zählen als Menschen. Deshalb ist es aber umso wichtiger, sich in der EU einzubringen, um sie als Sozial-
union zu gestalten statt als Konzernunion.

2020 haben Sie jedenfalls gemeint, Sie wollen das Konstrukt der EU ändern und fanden sie „überhaupt nicht leiwand“. Ist die EU seither besser geworden?

Die Sozialdemokratie hat zwei Bekenntnisse, und zwar, dass die Europäische Union der Hebel für länderübergreifende Politikbereiche ist, wie beispielsweise beim Kampf gegen Steuerschlupflöcher, und dass es ein gemeinsames Europa als Friedensprojekt braucht. Aber natürlich gibt es Verbesserungs-Möglichkeiten. Wir sehen die Schieflage, dass beispielsweise der kleine Würstlstandbesitzer, der kleine Friseursalon, der kleine Selbstständige Monat für Monat mehr Steuern zahlt als internationale Konzerne. Das wollen wir ändern.

Eine Frage, die sonst immer nur Frauen gestellt wird: Ihre Tochter ist neun Jahre alt. Wie gehen sich Politik und Familie aus?

Das geht ganz gut, wenn man nicht nur in Sonntagsreden für das Aufbrechen der Rollenbilder und Chancen für Frauen eintritt. Ich habe in meinem Kalender fix eingetragene Zeiten für Kinderbetreuung oder Hausarbeit. Die sind unumstößlich. Das ist mit meiner Frau auch so vereinbart. Es war die Grundbedingung für meine Kandidatur.

Auf Ihrem Schreibtisch liegen Schnapskarten und Manner-Schnitten …

Ich habe das Schnapsen von meinem Opa gelernt. Der Papa hat mich vor Schichtbeginn bei Semperit zum Opa geführt, das muss so um 5.30 Uhr gewesen sein. Frühbetreuung hat es nicht gegeben. Da habe ich jeden Tag in der Früh mit dem Opa Schnapsen gespielt und bin dann in die Volksschule gegangen. Ich spiele heute noch, ich habe immer Schnapskarten dabei. Genauso wie Manner-Schnitten. Das habe ich von meiner burgenländischen Oma. Sie hat immer Schnitten für uns Kinder gehabt.
Weitere Inhalte dieser Ausgabe:
Ihre Meinung
Ihre Meinung ist uns wichtig.

Schreiben Sie Ihren Kommentar zu diesem Artikel, den wir dann prüfen und veröffentlichen werden.
Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu verfassen.
Werbung