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Ausgabe Nr. 06/2024 vom 06.02.2024, Fotos: zvg
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Der „Giggeler“ in Aktion. Von zarten Annäherungsversuchen hält der Hahn wenig.
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Tausende Besucher werden die engen Gassen des Ortes säumen, um dem Spektakel beizuwohnen.
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Die Hexen machen mit ihren Besen den Weg für den Bloch frei.
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Nach der Gerichtsbarkeit wartet auf die
Politiker die „Sindamihl“.
Der „Giggeler“ ist los
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Alle vier Jahre findet in Fließ (T) ein Spektakel statt, das tausende Schaulustige in die kleine Gemeinde lockt. Diesen Sonntag ist es wieder soweit.

60 starke Männer ziehen einen 45 Meter
langen Baum durch die Gassen des Ortes. Unter den 230 Masken, die den Zug begleiten, spielen der Fuhrmann, die Hexen und der „Giggeler“ eine besondere Rolle.
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Noch herrscht im kleinen Tiroler Ort Fließ eher beschauliche Ruhe. Das weitverzweigte Dorf liegt malerisch an einem Sonnenhang und ist das Herzstück des Naturparks Kaunergrat. Doch in wenigen Tagen werden sich in der 3.000-Seelen-Gemeinde mehr Besucher tummeln, als sie Einwohner hat.

Am Sonntag findet in Fließ das traditionelle Blochziehen statt. Ein Faschingsbrauch, der nur alle vier Jahre stattfindet und in dessen Zentrum ein Baum steht. „Mit einem Umfang von 2,5 Metern, einer Länge von 45 Metern
und einem Gewicht von fünf Tonnen“, nennt Reinhold Gigele die wahrlich beeindruckenden Maße einer riesigen Fichte. Schon im Oktober wurde der Baum im Gemeindeforst auf etwa 1.000 Metern Seehöhe umgeschnitten.

Der frühe Termin ist der Höhenlage geschuldet. „Im November kann schon Schnee liegen und dann wird es zu gefährlich für Holzarbeiten“, sagt Gigele, seines Zeichens Obmann des Fasnachtvereins Fließ. Das Fällen machten sich die Männer nicht einfach, arbeiteten sie doch mit Gerätschaften wie anno dazumal.

„Es hat eine gute Stunde gedauert, bis sie mit Wiegesäge und Hacke durch waren. Die Motorsäge wurde nur fürs Entasten hergenommen“, weiß der Obmann. Schon vor dem Abtransport wurde der Baum in drei Teile geteilt. „Weil wir im Ort in den engen Gassen sonst gar nicht manövrieren könnten.“

Mehr als 4.000 Zuseher werden die Straßen säumen (Eintritt € 5,–), wenn der geschmückte Baum auf sogenannten Prozen, das sind kleine Wagen mit Holzrädern, von sechzig teils schaurigen Figuren durch den Ort gezogen wird.

Insgesamt werden am Umzug 230 Masken beteiligt sein. „Ganz vorne
sind die Waldmenschen vor den Bloch gespannt. Aber wild wird es dann, wenn zwei als Bären kostümierte Teilnehmer von den Bärenfängern eingefangen und ebenfalls vor den Bloch gespannt werden. Denn Waldmenschen und Bären vertragen sich nicht, daher gibt‘s eine inszenierte Rauferei“, berichtet der 64jährige von dem Spektakel. Das sich am Sonntag schon Stunden vorher ankündigt, wenn nach dem Gottesdienst in der Barbara-
kirche die Bajazzos in ihren bunten Kostümen allerlei Schabernack zu treiben beginnen. „Sie klettern sogar
auf den Dächern herum. Aber da das gelernte Dachdecker sind, muss ich mir keine Sorgen um sie machen“, sagt
der Obmann.

Um Punkt 12.00 Uhr beginnt dann die Veranstaltung mit dem Lauf der Schallner und Roller vom Mühlbachl-Platzle zur Naturparkschule. Wo sie dann zum Ziehen des Blochs verdonnert werden. Den Zug ergänzen Figuren wie Zwergelen, Wilderer, Bauern, Kaminkehrer, Zigeuner und Gendarmen.

Eine wichtige Rolle kommt dem Fuhrmann zu, der dafür verantwortlich ist, durch Anweisungen den Bloch durch die Straßen zu steuern. In dessen Kostüm Wolfgang Kathrein schon zum dritten Mal in Folge schlüpft.

„Unterstützt wird er dabei von den Hexen. Sie haben die Aufgabe, den Weg freizumachen“, erklärt Gigele. Wenn notwendig, auch mit Mitteln, die in keinem Leitfaden für gutes Benehmen zu finden sind.

„Zuseher, die nicht weichen wollen, werden, wenn notwendig, auch mit Spritzern aus einer Lacke vertrieben. Mit dem Hexenbesen lässt sich das Wasser schön gleichmäßig verteilen“, sagt der Obmann und lacht. Obwohl die Masken der Hexen Furcht einflößen, gibt es einen, vor dem selbst die grimmigen Weibsbilder den Reißaus nehmen – den „Giggeler“.

Er ist das Fruchtbarkeitssymbol der Fließer Fasnacht. Ein anscheinend nicht recht wählerischer Hahn, der allem Weiblichen nachstellt, das bei drei nicht am Baum ist, Hexen inklusive. Was er auch unmissverständlich andeutet, wenn er eine erwischt. „Es ist das einzige Kostüm, in dem auch heute noch ein unverheirateter Mann stecken muss“, sagt Gigele. „Seine Identität bleibt bis zur Demaskierung am Ende des Umzuges geheim.“

Wenn gegen 15.00 Uhr der Zug bei der Naturparkschule eintrifft, beginnt das Hohe Gericht zu tagen. Verhandlungssache sind die Sünden der anwesenden Politiker. „Unser Redner bringt ihre Verfehlungen in Versform vor. Anschließend befördern wir sie über eine Rutsche in die ,Sindamihl‘ (Sündermühle).“ Das Gerät ähnelt einer Dreschmaschine, die unter ohrenbetäubendem Lärm ihren politischen Inhalt für einige Minuten läutert.

Um 18.00 Uhr ist dann Schluss mit dem wilden Treiben und alle müssen ihre Masken abnehmen. Dann wird sich auch der „Giggeler“ zu erkennen geben. „Und hoffen, dass er nicht auf eine Hexe trifft, die ihm seine Annäherungsversuche übel nimmt“, sagt der sympathische Vereinsobmann mit einem Schmunzeln.
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