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Ausgabe Nr. 06/2024 vom 06.02.2024, Fotos: picturedesk.com
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Wer der „Pless“ zu nahe kommt, macht mit einem nassen Fetzen Bekanntschaft.
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Musiker gehen beim Flinserlumzug voran und spielen melodische Weisen.
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Die Kinder werden von den „Flinserln“ mit
Nüssen und Süßigkeiten beschenkt.
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Närrische Frühlingsboten
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Der Ausseer Fasching wird gerne als fünfte Jahreszeit bezeichnet. Am Faschingsmontag und Faschingsdienstag sind auffällige Gestalten im Ort unterwegs. Die farbenprächtigsten sind die „Flinserl“, die den Frühling symbolisieren und die Kinder mit Nüssen beschenken.
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Am Faschingsdienstag füllt sich der Hauptplatz in Bad Aussee mit jeder Menge Kinder. Die steirische Kurstadt wird Schauplatz eines sehenswerten Spektakels. Rund 70 auffällige Gestalten bahnen sich ihren Weg durch den Ort. Die sogenannten „Flinserl“ sind die farbenprächtigsten Gestalten, die der Ausseer Fasching zu bieten hat – und sie konzentrieren sich hauptsächlich auf die jüngsten Besucher.

Die „Flinserl“ halten Stoffsäcke in den Händen, die mit Walnüssen, Orangen und Zuckerln gefüllt sind. „Die Kinder müssen einen Spruch aufsagen und danach laut ,Nuss‘ schreien. Daraufhin greifen die ,Flinserl‘ in ihren Sack und werfen ihre Gaben aus. Die Kinder versuchen nun, möglichst viele zu erwischen“, erzählt Ulrike Urban, 72, ihres Zeichens „Oberflinserl“ und Anführerin der Truppe.

Die unterschiedlichen Sprüche lernen die Kinder schon von klein an. Einer der beliebtesten ist dieser: „Heit ist da Foschingstog, heit sauf i, wos i mog, heit moch i‘s Testament, s‘Göd geht zum End.“

Die Zacherl schwenken ihre Saublasen

Sollte sich aber ein Erwachsener unter die Kinder mischen, um sich etwas von den Süßigkeiten zu schnappen, wird er sofort von einem „Zacherl“ zurechtgewiesen. Die „Zacherl“ sind die Begleiter der „Flinserl“. Sie tragen einen schwarzen Zylinder und haben einen Stecken in der Hand, auf dem mehrere getrocknete Saublasen angebracht sind. Mit einem sanften Hieb auf den Kopf halten sie Erwachsene von den Gaben fern. Sie sorgen auch dafür, dass Zuschauer beim Flinserlumzug nicht im Weg stehen.

Der Umzug beginnt um 14 Uhr beim Gasthaus „Blaue Traube“ und endet beim Hauptplatz. Die Flinserlmusik geht voran. „Unsere Musiker spielen während des Umzugs wunderschöne Weisen, zu denen wir am Hauptplatz auch steirisch tanzen“, sagt Urban, die von ihrem Ehemann begleitet wird. „Sollten unsere Söhne Urlaub haben und zum Fasching in Aussee sein, gehen sie auch mit.“

Hinter der Musik reihen sich die „Flinserl“ paarweise auf. Flankiert werden sie von den „Zacherln“. Die melodischen Klänge der Flinserlmusik stehen ganz im Gegensatz zu den Trommelweibern, die am Montag sowie am Dienstag mit viel Getöse durch den Ort ziehen. Die Trommelweiber sind ausschließlich Männer, die sich als Frauen verkleiden. Sie haben aber dasselbe im Sinn wie die „Flinserl“. Beide möchten den Winter vertreiben.

Die „Flinserl“ sind Frühlingsboten. Allein der farbenfrohe Anblick der Kostüme macht schon Lust auf die wärmere Jahreszeit. „Die Kostüme sind in Privatbesitz und werden meist innerhalb der Familie weitergegeben. Sie bestehen aus Leinen, auf denen bunte Motive genäht werden. Typisch ist der Mohrenkopf hinten am Rücken, meistens sind es zwei Mohrenköpfe. Das soll auf die Türkenkriege zurückgehen, ganz genau weiß man das aber nicht.“

Salzfahrer brachten den „Flitter“ aus Venedig mit.

Die „Flinserl“ tragen zudem eine Gesichtsmaske, eine sogenannte Gugl, weiße Handschuhe und einen Spitzhut. Das Kostüm der „Flinserl“ ist zusätzlich mit Silberpailletten, dem sogenannten „Flitter“, bestickt. Dieser Einfluss ist aus Venedig (I) dazugekommen. „In Bad Aussee war das Salz ein wertvolles Handelsgut. Die Salzfahrer kamen unter anderem bis nach Venedig und brachten von dort vermutlich die Ideen für Halskrause, Spitzhut und den Flitter mit“, erklärt die Steirerin, die seit ihrem 18. Lebensjahr als „Flinserl“ mit dabei ist.

„Ich bin damals für meine Mutter eingesprungen, weil sie sich die Hand gebrochen hat. Mir hat das Faschingstreiben so gut gefallen, dass ich im folgenden Jahr von einem Bekannten ein Kostüm ausgeliehen habe, damit ich auch weiterhin als ,Flinserl‘ mitgehen konnte. Ein fertiges Kostüm kann bis zu 10.000 Euro wert sein“, sagt die Steirerin, deren Kostüm älter ist als 150 Jahre.

Das Brauchtum wird jedoch weit länger gepflegt, genaugenommen seit 1767. „Es wir vermutet, dass Anregungen für die Ausführung der Kostüme aus dem schwäbisch-alemannischen Raum stammen. Dort gibt es ähnliche Kostüme, aber ohne Flitter“, sagt Urban.

Während die „Flinserl“ mit ihren farbenfrohen Kostümen schon Lust auf den Frühling machen, repräsentieren die „Pless“ den Winter. Auf diese kurios verkleideten Gestalten treffen die Besucher ebenfalls am Faschingsdienstag.

Hinter den „Pless“ verbergen sich junge Burschen im Arbeitsgewand, die sich einen Bienenkorb über den Kopf stülpen. Sie halten einen Stecken mit einem nassen Fetzen in der Hand. Die Kinder laufen ihnen nach und schreien „Pless, Pless“.

Die Burschen versuchen, die Kinder mit den Fetzen zu erwischen. „Sobald die ,Flinserl‘ kommen, müssen sich die ,Pless‘ zurückziehen“, erzählt Urban. Erst wenn die „Flinserl“ in ein Gasthaus einkehren, dürfen sich die „Pless“ wieder zeigen.

Die Wirtshäuser sind auch jener Ort, wo der Ausseer Fasching langsam ausklingt. widlak
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