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Ausgabe Nr. 36/2023 vom 05.09.2023, Fotos: Zeppelzauer, Parlamentsdirektion/Johannes Zinner
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Demonstration in Langenlois (NÖ).
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Teichtmeister bei einer Veranstaltung
gegen Kindesmissbrauch im Parlament 2016.
Protest gegen pädophilen Fernseh-Liebling
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Der ehemalige Burgschauspieler Florian Teichtmeister führte ein Doppelleben. Er hortete jahrelang zigtausende sexuelle Missbrauchsdarstellungen von Kindern. Kurz vor dem Prozess gegen ihn gab es eine Kundgebung für Kinderschutz in Langenlois (NÖ).
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Es war das letzte Wochenende vor dem Ende der Sommerferien. Trotzdem herrschte auf dem Parkplatz vor der Berufsschule im idyllischen Weinort Langenlois (NÖ) am vergangenen Samstag ungewöhnliche Betriebsamkeit. Menschen entrollten Transparente, holten Trommeln und Fahnen aus ihren Autos und unterhielten sich angeregt.

„Teichtmeister, wir kommen“, stand auf einigen Heckscheiben zu lesen. So lautete das Motto der Demonstration gegen den Mimen Florian Teichtmeister, 43, dessen Elternhaus in Langenlois steht. Etwas abseits der Menge baute ein Mann ein schwarzes Gestell auf, das sich bei näherem Hinsehen als Galgen entpuppte. Sein Schöpfer, der Bildhauer Karl Hiess, 66, wollte damit keinesfalls zur Lynchjustiz aufrufen, wie er beteuerte. Aber für Missbrauchstäter könne es seiner Meinung nach nur lebenslängliche Haft geben. Der geborene Niederösterreicher hatte als Kind selbst jahrelang Gewalt erlebt.

„Das war in den 1970er Jahren in einem Heim in Allentsteig (NÖ). Ich wurde dort gefoltert und missbraucht“, erzählte Hiess aufgewühlt.

Es war auch das letzte Wochenende vor der Verhandlung gegen den ehemaligen Burgschauspieler. Der Wiener musste sich am Dienstag, dem 5. September, in Wien vor Gericht wegen des Besitzes und der Herstellung von Material mit sexuellen Missbrauchsdarstellungen von Kindern verantworten.

Teichtmeister ist ein Mann, dem es gelang, nach außen hin den schönen Schein zu wahren, der fester Bestandteil der heimischen Kulturlandschaft war. Seine perverse Vorliebe, seinen Gefallen an der Darstellung sexueller Gewalt an Kindern, wusste der Schauspieler gut zu verstecken.

Nachdem im Februar dieses Jahres die Anklage gegen den 43jährigen öffentlich wurde, gab sich die Branche überrascht. Obwohl schon länger gemunkelt wurde, schließlich war schon 2021 bekannt, dass es Anschuldigungen gegen „einen prominenten Schauspieler“ geben soll.

Erst eine Anzeige der damaligen Lebensgefährtin Teichtmeisters wegen häuslicher Gewalt hatte ungeahnte Folgen für den Publikumsliebling. Neben 100 Gramm Kokain fanden die Beamten auch zahlreiche Datenträger mit kinderpornografischem Material.

„Beim Wort Kinderpornografie glauben viele, dass das nur irgendwelche Darstellungen sind. Aber dem liegt zugrunde, dass dafür ein Kind real missbraucht wurde. Das sind nicht nur Bilder, da ist echt etwas geschehen“, erklärt der Psychotherapeut Dr. Dominik Batthyány. Allein 13 externe Festplatten wurden sichergestellt, daneben Speicherkarten und zwei Laptops. Insgesamt seien laut Gericht 76.000 Dateien verfahrensgegenständlich, davon betreffen 47.000 Darstellungen mit unmündigen Minderjährigen (7 bis unter 14 Jahre), der Rest zeige mündige Minderjährige (14 bis 18 Jahre).

Teichtmeister gestand nicht nur, seit dem Jahr 2008 kinderpornografische Fotos heruntergeladen, sondern auch auf Datenträgern gespeichert und teilweise selbst verändert zu haben. „Die Täter gehen nicht nur ins ,Darknet‘, die finden auch auf anderen Plattformen Fotos, auf denen Kinder nackt zu sehen sind“, warnt Batthyány. „Deshalb sollte Eltern klar sein, dass auch Fotos ihrer Sprösslinge, die sie in die sozialen Netzwerke stellen, missbräuchlich verwendet werden können.“

In der Öffentlichkeit wurde Teichtmeister jahrelang als Aushängeschild heimischer Schauspielkunst herumgereicht und hofiert. Unter anderem trat er im Jahr 2016 sogar als Ehrengast bei einer Veranstaltung gegen Kindesmissbrauch im Parlament auf und las dort mit bewegter Stimme Texte von Missbrauchsopfern vor. Zu einem Zeitpunkt, als er sich längst selbst an dem Missbrauch beteiligte.

Doch er hat seine dunkle Seite immer wieder geleugnet. Nachdem er vom Burgtheater-Direktor Martin Kusej nach Bekanntwerden der Vorwürfe im Jahr 2021 zur Rede gestellt wurde, wies er alle Anschuldigungen von sich und meinte, es handle sich um einen Racheakt seiner Ex-Partnerin. Nach der Anklage Anfang des Jahres stellte das Theater die Zusammenarbeit mit Teichtmeister ein.

Auch der ORF wollte keine Filme mehr mit ihm ausstrahlen. Vor einem Monat war dann überraschenderweise doch ein Krimi mit Teichtmeister auf ORF2 zu sehen. Es handelte sich um einen „administrativen Fehler“, entschuldigte sich der Sender.

„An einen Fehler glaube ich nicht“, sagt Martin Rutter, 40, der Organisator der ordnungsgemäß angemeldeten Demonstration in Langenlois. Politikern fehle seiner Ansicht nach jede Verantwortung für das heikle Thema. „Dass ein Film mit einem Mann, der eingesteht, ein Pädophiler zu sein, noch kurz vor der Gerichtsverhandlung ausgestrahlt wird, ist ein klares Statement“, sagt der Kärntner Ex-Politiker und Obmann des Vereins für direkte Demokratie durch Volksabstimmung (VDDV).

Die Langenloiser befürchteten Ausschreitungen, war doch in einigen Medien vor möglichen rechtsextremen Gewaltexzessen gewarnt worden. „Das ist immer die Strategie, wenn es um etwas geht, das dem politisch-medialen Establishment nicht gefällt.“ Ein Großaufgebot an Polizei beobachtete die Veranstaltung daraufhin sehr genau.

„Das würde ich mir auch wünschen, wenn es um Kinderschutz geht“, meint Rutter, der die Einführung einer Transparenzdatenbank fordert, „in der alle pädophilen Kriminellen aufscheinen. Das gibt es schon, etwa in den USA.“

Schließlich sei es moralisch nicht zu argumentieren, wieso etwa Insolvenzen öffentlich gemacht würden, aber
Kinderschänder aufgrund des Datenschutzes nicht, übt Rutter Kritik an der Politik. Lautstark, aber friedlich marschierten die rund 160 Demonstranten die 3,5 Kilometer lange Route rund um und durch Langenlois. Die Bewohner beobachteten das Geschehen aus der Ferne. Dazu äußern wollte sich niemand, nur untereinander wurde getuschelt. „Der Teichtmeister soll einmal für zwei, drei Jahre nach Stein (Justizvollzugsanstalt in Krems) kommen, in die richtige Abteilung. Da würde ihm sicher geholfen werden“, war zu hören.

Fakten zur Kinderpornografie

Unter pornografischen Darstellungen Minderjähriger gemäß § 207a Strafgesetzbuch wird die Abbildung von geschlechtlichen Handlungen oder Bildern mit Fokus auf die Geschlechtsteile von Personen unter 18 Jahren verstanden. Jede Handlung, die damit im Zusammenhang steht, ist in unserem Land verboten.

Laut „Stopline“, der Online-Meldestelle gegen sexuelle Missbrauchsdarstellungen Minderjähriger, fallen darunter etwa das wissentliche Zugreifen auf solche Inhalte, das Herstellen, das Besitzen oder sonstige Zugänglichmachung. Die Bandbreite reicht dabei von Abbildungen unbekleideter Kinder mit dem Fokus auf deren Geschlechtsteile bis hin zu schwerer sexueller Gewalt.

94 Prozent der Missbrauchsopfer sind zwischen sieben und 13 Jahre alt, also unmündige Minderjährige.

Im Jahr 2022 gab es laut Kriminalstatistik 2.061 Anzeigen wegen pornografischer Darstellung Minderjähriger. Die Anzeigen haben sich seit 2013 (551 angezeigte Straftaten) vervierfacht.

Die Aufklärungsquote lag 2022 bei 91,7 Prozent.
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