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Ausgabe Nr. 34/2023 vom 22.08.2023, Foto: Reiter
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Bruegel auf der Spur
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Die Bilder der alten Meister sind unvergänglich. Im Kunsthistorischen Museum in Wien hängen zahlreiche berühmte Werke. Unter anderem vom Niederländer Pieter Bruegel dem Älteren. Dessen Malereien haben es der 75jährigen Brigitta Humpelstetter angetan. Stunden verbringt sie jeden Tag davor, um sie nachzumalen.
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Im Sommer steigt Brigitta Humpelstetter, 75, jeden Tag in der Früh auf ihr Rad, um die Einkäufe zu erledigen, „weil ich am Abend ja etwas essen will“. Der Rest ihrer Zeit ist seit Jahren für ihr Hobby reserviert. Humpelstetter ist zwar längst in Pension, geht aber dennoch täglich ins „Büro“. Nur das Wochenende verbringt sie bei ihrer Tochter und den beiden Enkerln. Von Montag bis Freitag kommt die rüstige Seniorin gegen halb zwölf in das Kunsthistorische Museum in Wien und verlässt es erst wieder zur Schließzeit um 18 Uhr.

Humpelstetter gehört quasi zum Kunsthistorischen Museum
Eine gewöhnliche Museumsbesucherin ist die Wienerin allerdings nicht, sondern, fast wie die alten Meister, ein Kunstwerk für sich allein. „Für mich“, sagt sie strahlend, „fühlt sich das Kunsthistorische wie eine zweite Familie an.“
Im Saal zehn, wo ihr Lieblingsmaler, der Niederländer Pieter Bruegel der Ältere, hängt, hat die adrette Dame mit den auffällig roten Haaren ihr Ziel erreicht. Dort stellt sie ihre Staffelei auf, legt Farben und Pinsel bereit und nimmt auf einem der samtgrünen Fauteuils Platz. Dann greift sie zu einem neuen Pinsel, den sie am Vormittag besorgt hat, und beginnt, Bruegels Gemälde „Kampf zwischen Fasching
und Fasten“ abzumalen. „Ich arbeite bereits seit Okto-
ber daran“, sagt sie. „Wann ich fertig bin, lässt sich schwer sagen. Vielleicht im Herbst.“ Ein Bruegel, dessen Gemälde Wimmelbildern gleicht, erfordert Geduld. Zahlreiche Figuren tummeln sich in seinen Szenen, die im 16. Jahrhundert entstanden sind, und gehen unterschiedlichsten Tätigkeiten nach. Beim „Kampf zwischen Fasching und Fasten“ blicken Betrachter von oben auf einen dicht bevölkerten Platz hinab. Links werden Bräuche des Faschings dargestellt, rechts jene der Fastenzeit.

Die Wienerin malt gern die alten Meister nach und wird dabei von Besuchern bestaunt, die ihr immer wieder über die Schulter schauen. Ein ausgefallenes Hobby, das ihr Spaß macht und von der Museums-Leitung erlaubt wurde. „Frau Humpelstetter gehört quasi zum Kunsthistorischen dazu“, sagt Nina Auinger, die im Museum für Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. „Wir beschäftigen die Kopisten nicht, aber sie dürfen nach Anmeldung und Prüfung bei uns malen.“ Die Kopien werden dann nummeriert und in ein Register eingetragen, damit nicht vielleicht, wie der berühmte Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi, 72, jemand auf dumme Ideen kommt.

Als erste Kopie von Brigitta Humpelstetter wurde vor 25 Jahren Bruegels „Turmbau zu Babel“ registriert. „Bruegel verheimlicht nichts“, erklärt sie ihre Vorliebe für den niederländischen Künstler. Die Liebe zu Farbe und Pinsel entdeckte die Wienerin schon im zarten Alter von sechs Jahren. Damals schickte ihr Vater an sie und ihre Geschwister aus dem Spital Baumgartner Höhe, wo er wegen seiner Lungenerkrankung behandelt wurde, Zeichnungen.

Die Bilder haben der Künstlerin wieder Freude am Leben gebracht
„Die wollte ich von Anfang an nachzeichnen und war furchtbar wütend, wenn ich es nicht zusammengebracht habe. Dann hat mein Vater mir den Rat gegeben, alles mit Raster zu malen.“ Auch in der Schule wunderten sich die Mitschüler, warum die „Schnepf Brigitta“ plötzlich so gut zeichnen konnte. Doch mit der Methode, bei der ein Raster auf die Vorlage gelegt und ein zweiter auf das Zeichenblatt übertragen wird, fiel es ihr leicht, Kästchen für Kästchen ein Bild nachzuzeichnen. So konnte Humpelstetter schon als Kind ihre Begabung entwickeln.
Woher sie ihr Talent für Farben hat, weiß die Seniorin selbst nicht. „Ich kann nicht erklären, wie ich es mache, weil es aus dem Bauch herauskommt. Mein Enkerl bittet mich immer wieder, ihm das Malen beizubringen. Dann sag‘ ich: Schau mir einfach zu.“ Dass sie selbst nie künstlerisch tätig war, hat sich einfach nicht ergeben.

„Ich war Wirkerin von Beruf. Etwas, das es heute gar nicht mehr gibt.“ Humpelstetter hat mit Hilfe von Maschinen Vorhänge erzeugt und ihre Profession perfekt beherrscht. „Ich könnte das heute noch blind. Es gab Nadeln in den Maschinen und wenn ein Kopferl gebrochen ist, hat das Fehler im Stoff hinterlassen. Aber ich konnte alles so reparieren, dass niemand etwas davon bemerkt hat.“
Bei ihrem Bruegel repariert Humpelstetter auch gerade ein Kopferl – jenes einer Leiche. „Die sieht auf meiner Infrarotaufnahme ganz anders aus als auf dem Handyfoto. Sie ist viel zu groß, aber das kann ich umsetzen.“ Mit Hilfe der heutigen Technik fällt es der 75jährigen leichter, genauer zu malen, vor allem Gesichter. Was ihre Kopien auszeichnet, ist, dass sich die Kopistin zum Großteil an Bruegels Original-Gemälde hält. Denn einige Stellen wurden, den moralischen Ansichten bestimmter Jahrhunderte gemäß, übermalt. „Diese toten Kinder zum Beispiel mit den Blumen in der Hand“, verweist die Künstlerin auf ein Detail. Bei ihr erwachen sie, wie vom Meister erdacht, wieder zum Leben. „Nur beim Dudelsackpfeifer muss ich passen. Bei ihm hat er das Geschlechtsteil des Mannes extrem hervorgehoben. Das unterlasse ich.“

Auch wenn, zumindest für den Laien, das Werk der Kopistin dem Original ähnlich sieht, würde sich die Hobbykünstlerin selbst nie mit dem großen Meister vergleichen. „Bruegel ist durch nichts zu ersetzen“, sagt Humpelstetter bestimmt. „Ich kann auch nicht alles eins zu eins nachmalen. Bruegel hat flott gearbeitet, auch mit den Fingern. Das mache ich auch, aber mein Fingerabdruck ist natürlich ein anderer.“

Zufrieden mit ihren Werken ist Humpelstetter ohnehin nie. „Bitte, wann ist man zufrieden? Früher habe ich mit Schwarz-Weiß-Zeichnungen gearbeitet. Viel zu ungenau. Die Bilder muss ich alle noch einmal überarbeiten“, sagt sie entschlossen. Zeit hat die Pensionistin mittlerweile genug, vor allem, seit vor sieben Jahren ihr Mann Ferdinand verstorben ist. „Er hat immer zu mir gesagt: Wenn ich einmal tot bin, hast du deine Kunst. Und ich hab‘ gesagt: Was ist das alles ohne dich?“ Auch, wenn der Schmerz noch immer tief sitzt, haben die Bilder Humpelstetter wieder Freude am Leben gebracht. „Ich habe keine Zeit, über normale Wehwehchen nachzudenken. Ich denk‘ mich lieber in meine Bilder hinein.“

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