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Ausgabe Nr. 03/2023 vom 17.01.2023, Foto: JFK / EXPA / picturedesk.com
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Aleksander Aamodt Kilde bei seiner Siegesfahrt 2022.
Vor der Streif geht es ab auf die Couch
Ein weiterer „Höllenritt“ mit bis zu 140 km/h steht den Abfahrern am kommenden Wochenende auf der Streif in Kitzbühel (T) bevor. Psychologische Betreuung soll den Assen rund um Weltmeister Vincent Kriechmayr, 31, helfen, ihre Angst zu überwinden.
Eine steile, eisige Piste, Sprünge von mehr als 80 Metern und ein Gefälle bis zu 85 Prozent sorgen seit Jahrzehnten in Kitzbühel (T) nicht nur für zahlreiche Horrorverletzungen, sondern auch für Angst und Beklemmung bei den Athleten vor jedem Start. „Die Streif ist und bleibt die schwierigste Strecke der Welt“, warnt Daniel Hemetsberger, 31, der im vorigen Jahr als Dritter aufs Podest raste. „Vorher siehst du allerdings in den Vorberichten fatale Stürze aus früheren Jahren und dann kommt die Sorge.“ Die spektakulären „Abflüge“ vieler Sportler wie Patrick Ortlieb 1999, Thomas Graggaber 2005 oder Andreas Buder 2008 hatten sogar zu deren Karrierenende geführt.

„Angst im Rennen ist nichts Schlechtes“
Um diese Schreckgespenster aus dem Kopf zu verbannen, nehmen nicht wenige Athleten heute im Vorfeld des Rennens Therapien bei ihren Betreuern in Anspruch. „Schon vor zehn Jahren, als ich Cheftrainer der Schi-Herren wurde, haben wir vor dem Hahnenkamm-Wochenende extrem viele Gespräche über die Streif geführt, um die Angst davor zu lösen“, erinnert sich der ehemalige Verbandsbetreuer Mathias Berthold, 57.

„Damals gab es ein Jahr nach dem Horrorsturz von Hans Grugger viel aufzuarbeiten. Doch das ist jetzt nicht viel anders, der Umgang mit Psychologen ist sogar noch verbreiteter geworden.“ Für internationale Top-Athleten wie den Norweger Aleksander Aamodt Kilde, 30, ist es längst selbstverständlich, mit ihren Mentaltrainern über die Streif zu reden, der Schweizer Niels Hintermann, 27, gibt sogar offen zu, sich vor der Kitzbühel-Woche auf die „Couch“ zu legen. „Früher gab es Jahre, wo ich aus Unsicherheit auf eine Absage der Abfahrt gehofft hatte“, verrät er. „Mittlerweile zeigt mir meine Psychologin Übungen, wie ich mich auf der Streif besser überwinden kann.“

Um dem steigenden Bedarf Rechnung zu tragen, holte der heimische Schiverband ÖSV in den vergangenen Jahren mehrere Psychologen ins Team, einer von ihnen war Wolfgang Margreiter, 56. „Wir möchten den Sportlern vermitteln, dass die Angst im Rennen im Grunde nichts Schlechtes ist, sondern auch eine Schutzfunktion hat“, erklärt er. „Sie soll eher stimulierend sein wie das Lampenfieber eines Schauspielers auf der Bühne, darf aber auf der Streif niemals in lähmende Angst umschlagen.“
Manchmal tut sie es doch, vor allem bei den ersten Fahrversuchen. „Ich fühlte bei meiner Premierenfahrt auf der Streif so etwas wie Todesangst“, gibt die Schi-Legende Stephan Eberharter, 53, zu. Ähnliches schildert der Ex-Gesamtweltcupsieger Aksel Lund Svindal, 40. „Als junger Fahrer erfuhr ich im Herbst, dass ich erstmals für die Streif nominiert werde. Danach lebte ich vier Monate lang jeden Tag mit schierer Angst.“

Mathias Berthold ist heute selbstständig als Persönlichkeitsentwickler und Mentalbetreuer im Sport tätig. Immer noch zählen namhafte ÖSV-Athleten zu seinen Kunden, er kennt jene Methoden, die am erfolgversprechendsten sind, Hemmungen und Ängste vor Kitzbühel zu lösen. „Das Visualisieren ist eine verbreitete Technik“, verrät er. „Der Athlet fährt dabei im Kopf die Streif hinunter und versucht, ein angenehmes, kontrollierendes Gefühl zu empfinden, das er ins Rennen mitnehmen kann.“

„Fährt ein Sportler vorsichtig, wird es gefährlich“
Auch Schläge und schlechte Sicht werden in die Visualisierung eingebaut, um im Bewerb besser damit umgehen zu können. Denn am schlimmsten ist, mit gezogener Handbremse die Piste hinunterzusausen. „Im Moment, wo ein Sportler passiv und vorsichtig hinunterfährt, wird es erst richtig gefährlich“, glaubt Berthold. „Der Fahrer setzt den Schwerpunkt aus Angst zu weit hinten, fängt an zu rutschen und nimmt jeden Schlag voll mit.“ Immer wieder berichten Top-Abfahrer, dass ein Umdrehen im Starthaus für jeden einen extremen Gesichtsverlust bedeuten würde, für die Experten eine völlig falsche Einstellung. „Es ist keine Schande, sondern klug zu sagen, ich fahre da nicht hinunter, weil ich nicht bereit bin“, betont Berthold. „Ich habe schon Athleten zu deren Schutz im Starthaus zusammenpacken lassen.“
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