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Ausgabe Nr. 03/2023 vom 17.01.2023, Foto: Joonas Brandt
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Das erste Solo-Album von Ville Valo. Mit „Neon Noir“ geht er auch auf Tour und spielt am Sonntag, 5.März, in der Arena in Wien.
„Ich war es nicht gewohnt, nüchtern zu sein“
Es habe bei ihm in Helsinki gerade wieder zu schneien begonnen, erzählt Ville Valo. Der 46jährige ist seiner finnischen Heimat treu geblieben und lebt nach wie vor in der Hauptstadt. Allerdings ist er musikalisch weitgehend allein unterwegs. Denn seine Band „HIM“, mit der er rund um die Jahrtausendwende große Erfolge feierte, ist seit 2017 Geschichte. Mit „Neon Noir“ brachte er dieser Tage sein erstes Solo-Album auf den Markt. Der WOCHE-Reporter Steffen Rüth hat mit ihm darüber gesprochen.
Herr Valo, mögen Sie Schnee?
Ja, ich habe den Schnee gern. Die Tage in Finnland sind im Winter kurz und dunkel. Der Schnee macht alles ein bisschen heller, weil er das wenige Licht reflektiert, aber auch bei uns gibt es längst keine Garantie mehr, dass im Winter Schnee fällt. Finnland wird immer wärmer und immer matschiger.

Und ich dachte, Ihnen könnte es gar nicht dunkel genug sein …
(lacht) Auch ich kann jeden Lichtstrahl gebrauchen, den ich bekommen kann. Die vergangenen Jahre waren düster genug. Die Pandemie war eine ermüdende, deprimierende Zeit für uns alle. Mir hat das insgesamt nicht gutgetan, so isoliert zu sein. Auf der anderen Seite konnte ich ohne jeden Druck an meinen neuen Liedern arbeiten, von der Früh bis abends. Ich kann meiner Freundin gar nicht dankbar genug sein, denn ich habe ihre Geduld wirklich höchst strapaziert.

Sie haben nicht nur alle Lieder auf „Neon Noir“ geschrieben, sondern auch jedes Instrument selbst eingespielt und die Platte im Alleingang produziert.
Es war eine intensive, aber auch zutiefst befriedigende und befreiende Zeit für mich. Die Arbeit an den Songs hatte, bis auf ein paar kleine private Krümel, mein ganzes Leben gekapert. Ich habe mich heftig in dieses Album verbissen.

„Neon Noir“ ist zwar ohne Ihre alte Band „HIM“ entstanden, aber musikalisch sind Sie doch wiederzuerkennen …
Das sollte auch so sein. Die neuen Lieder fühlen sich wohl neben den alten, ich habe mich solo jetzt nicht vollständig neu erfunden. Ich hatte auch nie den Plan, meine alten Brücken abzubrennen und etwas ganz anderes zu machen. Mein ausgeprägtes Gespür für schöne, opulente Melodien, mein Hang zur Melancholie und meine Liebe für laute Gitarren sind ja nicht verschwunden.

Warum haben sich „HIM“ aufgelöst?
Uns war das Feuer ausgegangen, und wir schafften es nicht, es wieder anzuzünden. Ende 2013 verließ uns nach fünfzehn Jahren unser Schlagzeuger und mit dem neuen hatten wir Schwierigkeiten, wir kamen nicht mehr in die Spur. Es war schwer für mich, „HIM“ enden zu lassen, diese Band war mein Leben, doch es fühlte sich nicht mehr richtig an.

Sie waren jahrelang bekannt für Ihren ausschweifenden, nicht immer gesunden Lebensstil. Im Jahr 2007 etwa haben Sie sich in einer Suchtklinik in Malibu (USA) behandeln lassen, später aber wieder getrunken. Haben Sie den Alkohol heute im Griff?
Ich bin schon seit acht oder zehn Jahren kein großes Partytier mehr. Ich lasse es ruhiger angehen. Heute reicht mir das Adrenalin, das ich auf der Bühne ausschütte. Es ist kein Grundbedürfnis mehr von mir, mich abzuschießen.

Das war früher anders …
Ja, absolut. Und keine Frage, es war auch lustig. Bis es irgendwann schleichend aufhörte, lustig zu sein. Ich war am Arsch. Und ich brauchte eine Weile, mein Leben auf die Reihe zu kriegen. Ich war es einfach nicht gewohnt, nüchtern zu sein. Wir haben in den Neunzigern angefangen. Damals war es die Norm, sich nach jedem Konzert volllaufen zu lassen. Heute ist das nicht mehr so, auch nicht bei den jüngeren Bands. Aber ich bereue nichts, nur hat mein Körper schließlich sehr, sehr laut „nein“ geschrien. Die Ärzte meinten, ich könne entweder Sänger sein oder ein Trinker, beides würde auf Dauer nicht gehen. Und dann war mir die Musik doch wichtiger als Bier und Schnaps.

Wie schlimm war es?
Schlimm. Es ist schwer, Musik zu machen, wenn deine Hände zittern wie verrückt. Ich war ein Stück Scheiße, mein Körper hielt das nicht mehr aus mit Mitte 30. Die dümmsten Fehler, die ich gemacht habe, habe ich besoffen gemacht.
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