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Ausgabe Nr. 01/2023 vom 03.01.2023, Foto: AdobeStock
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Influencer zeigen ihren Anhängern ein perfektes Abbild.
Falsche Vorbilder, auf die gehört wird
Perfekte Körper, glatte Gesichter, makellos inszeniert in den sozialen Medien. Mit ihrem Drang nach Selbstoptimierung schaffen sogenannte „Influencer“ Schönheits-ideale, die in der Realität nicht umsetzbar sind, und beeinflussen damit ihre Anhänger.
Sie heißen Zoe, Shayla oder Nikkie de Jager und sind groß im Geschäft. Mit ihren Kanälen auf den angesagten sozialen Netzwerken wie Instagram, YouTube oder TikTok erreichen sie Millionen Menschen weltweit. Alleine der erfolgreichsten „Beauty-Bloggerin“ Huda Kattan folgen 50 Millionen in den sozialen Medien. Die 37jährige irakisch-amerikanische Make-up-Künstlerin begann ihre Karriere im Jahr 2010 und verdient heute rund 137.000 Euro – pro Instagram-Beitrag.

Die Vermarktung der eigenen Schönheit ist ein lukratives Geschäft und „Influencer“ sind mittlerweile eine Meinungsmacht. „Es ist nicht zu leugnen, dass die Schönheitsideale, die Milliarden von Menschen in den sozialen Medien vorgesetzt bekommen, die Gesellschaft prägen“, sagt Alica Joe, eine der erfolgreichsten deutschen „YouTuberinnen“ und Autorin des Buches „Falsche Vorbilder – Wie Influencer unsere Kinder manipulieren“. Sie kennt die Welt der sozialen Medien aus eigener Erfahrung und weiß um die dunklen Seiten der „Influencer“ und deren Einfluss, der oft gefährliche Folgen hat.

Mit durchtrainierten Körpern, prallen Lippen und perfekter Haut posieren Influencerinnen vor der Kamera. Sie begeistern ihre Anhänger mit makellos inszenierten Bildern.

Doch der Blick hinter die Kulissen verrät, es ist oft „mehr Schein als Sein“. Filter und Bildbearbeitungsprogramme erleichtern es, möglichst vorteilhaft auszusehen. „Mit dem Aufkommen von sozialen Netzwerken entstanden neue Möglichkeiten der Selbstdarstellung. Die einfache Veränderbarkeit des virtuellen Auftrittes durch Bildbearbeitung hilft, das Abbild näher an die eigene ,perfekte‘ Vorstellung anzupassen, sei es in Form makelloser Haut oder der ,richtigen‘ Körperform“, erklärt die plastische Chirurgin Univ. Doz. Dr. Greta Nehrer.

In dieser virtuellen Welt seien Nutzer ständig mit Bildern konfrontiert, die nicht dem wahren „Ich“ entsprechen, so Nehrer. Doch genau nach diesem unerreichbaren Schönheitsideal streben immer mehr Nutzerinnen. Laut einer britischen Studie hat Instagram unter den sozialen Netzwerken den größten Einfluss auf die Psyche Jugendlicher. Neun von zehn jungen Menschen gaben an, mit ihrem Körper nicht zufrieden zu sein.

„In der Pubertät müssen wir unsere eigene Identität finden. Junge Menschen orientieren sich nach außen, an Idolen. Und in unserer medienlastigen Welt sind es dann TikToker oder YouTuber, die als Vorbilder dienen“, sagt die Kinderpsychologin Mag. Karoline Wekerle. Dass die perfekten Körper und glatten Gesichter ihrer Idole nicht nur das Werk von intensivem Training, ausreichend Schlaf und beworbener Kosmetikprodukte sind, ist für viele der Anhänger nicht offensichtlich.

Immer mehr junge Frauen wollen sich operieren lassen

Dabei machen manche Influencer keinen Hehl daraus, diverse Eingriffe hinter sich zu haben. Was nicht passt, wird einfach passend gemacht. Einige schießen dabei auch übers Ziel hinaus, etwa die in Bayern (D) geborene Jessica Bunnington, besser bekannt als „Jessy Bunny“. Die 21jährige legte sich vor drei Jahren das erste Mal unters Messer, um ihre Brüste vergrößern zu lassen. Mittlerweile wiegen ihre Implantate drei Kilo pro Seite. Rund 60.000 Euro hat sie bisher für Schönheitsoperationen ausgegeben, laut eigenen Angaben verdient sie aber rund 20.000 Euro pro Monat mit ihrem Aussehen.

Die vielen Bilder junger Frauen mit aufgespritzten Lippen, kleinen Nasen und Wespentaille führen dazu, dass dieses Aussehen als Standard angesehen wird. Der Wunsch, dieser neuen Norm zu entsprechen, lässt die Zahl der Schönheitsoperationen stetig steigen. Nach Schätzungen werden bei uns jährlich knapp 100.000 Schönheitsoperationen durchgeführt. Die Hälfte davon sind nicht-chirurgische Eingriffe, wie etwa Botox-Behandlungen. „Es kommen in den vergangenen Jahren immer mehr Anfragen von jungen Frauen“, bestätigt Nehrer den Trend. Allerdings seien in unserem Land laut Gesetz rein ästhetische Eingriffe unter 18 Jahren nicht erlaubt, erklärt die Expertin.

Viele Influencer verharmlosen Schönheits-Operationen, denn „über Risiken oder eine tatsächliche Notwendigkeit der Eingriffe wird nur selten vor der Kamera gesprochen“, weiß Alica Joe. In ihrem Buch schreibt sie, dass etwa Gesäßvergrößerungen, sogenannte „Brazilian Butt-Lifts“ boomen. Diese Operation ist aber nicht nur äußerst schmerzhaft, sondern endet für eine von 3.000 Frauen tödlich, so die Autorin.

Um Jugendliche vor dem Einfluss der falschen Vorbilder zu schützen, plädiert Greta Nehrer für eine Kennzeichnungspflicht für gefilterte „Selfies“, Schulungen im Unterricht, aber auch Aufklärung durch Fachärzte der plastischen Chirurgie.

Die Kinderpsychologin Wekerle fordert gesellschaftspolitische Aufklärung in der Altersgruppe. „Das Grundthema, warum ich etwas verändern will, ist ein Selbstwertthema.“ Deshalb sei es wichtig, sich selbst als wertvoll zu empfinden und zu lernen, sich als ganzen Menschen anzunehmen, ist Wekerle überzeugt. rz
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