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Ausgabe Nr. 45/2022 vom 08.11.2022, Foto: kichigin19 - stock.adobe.com
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Ein Foto des Mülls machen und über die „App“ hochladen.
Müllhalde Alpen
Das Meer ist bereits voll mit Plastikmüll, auch in den Bergen ist er angekommen. Die „Dreckspotz App“ für Mobiltelefone soll unsere Natur wieder sauberer machen. Mit der App können vermüllte Plätze im Internet gemeldet werden.
Allein hierzulande fallen jedes Jahr 900.000 Tonnen an Plastikmüll an. Das sind etwa 69.000 volle Mistautos. „Ein nicht unwesentlicher Teil davon wird achtlos in die Natur geworfen“, erklärt Lisa Grasl von Global 2000. Das Plastik ist sogar im Hochgebirge zu finden.
Christian Schreiter, Manager beim Alpenverein, bestätigt das. „Auch nach der heurigen Wandersaison zeigt sich, dass viele Menschen keinen Genierer haben, ihren Müll achtlos wegzuwerfen, allen voran Zigarettenstummeln, Taschentücher, aber auch Plastik.“ Dieses traurige Bild zeigt sich dem Alpenverein seit Jahren.
Besserung bringen soll die „Dreckspotz App“. Dieses Programm für Mobiltelefone wurde von Global 2000, der Universität Innsbruck (T) und dem Alpenverein ins Leben gerufen. Seit 2017 kann es gratis aufs Handy geladen werden.

Digitale Müll-Landkarte
„Die ‚Dreckspotz App‘ ist ein einfaches und zugleich effektives Werkzeug, um das Problem Plastikmüll im Hochgebirge zu bekämpfen“, sagt Lisa Grasl von Global 2000. Mitmachen kann jeder. Wer Müll in der Natur entdeckt, öffnet die App auf seinem Mobiltelefon und macht ein Foto vom Müll. Die App schlägt dann eine Einteilung in Kategorien wie Plastik, Metall und so weiter vor. „Das Foto wird danach automatisch auf die digitale Landkarte geladen und erscheint an dem exakten Standort.“ Freilich darf der Müll auch gleich aufgesammelt werden. Das Primärziel ist aber, Daten zu sammeln, um zu zeigen, wo der meiste Dreck liegt und um Lösungen für das Müllproblem zu finden.

Den Löwenanteil, etwa ein Drittel, machen Zigarettenstummel aus. Ein Viertel ist Plastikmüll. Meist sind dies Getränkeflaschen, aber auch Plastiksackerl und dergleichen. Rund 13 Prozent sind metallische Produkte wie Dosen, dann kommen Papier, Glas und Keramik. Aber auch Textilien und sogar Elektronikgeräte werden rücksichtslos in der freien Natur „entsorgt“.

Viel Müll rund um den Traunsee (OÖ) und auf den Wiener Stadtwanderwegen
Die App zeigt, dass Müll in der Natur in allen Regionen des Landes allgegenwärtig ist. In urbanen Gebieten, auf Wiesen und Weiden wie auch in Nationalparks. Besonders viel Müll wurde rund um den Traunsee (OÖ), in der Region Reutte (T) und auf den Wiener Stadtwanderwegen gefunden.
Fatal ist, dass der Plastikmüll hunderte Jahre braucht, bis er verrottet, und dann noch als Mikroplastik, das sind Plastikteilchen, die kleiner als fünf Millimeter sind, in der Umwelt zu finden ist. „Mikroplastik gibt es mittlerweile überall, von der Arktis bis hin zur menschlichen Muttermilch“, erklärt die Plastik-Expertin und Ressourcen-Sprecherin von Global 2000, Anna Leitner. „Über Luft und Wasser verbreiten sich die kleinen Plastikteilchen und dringen so über die Atemwege und die Nahrungsaufnahme in unsere Körper ein. Dort können sie erheblichen Schaden anrichten und Entzündungen sowie Gewebeänderungen auslösen.“

Beim Plastikmüll gibt es zudem das Problem von den dem Kunststoff beigemischten Zusatzstoffen (Additiven).
Sie können mit der Zeit in die Umwelt und in den menschlichen Körper gelangen. Manche Zusatzstoffe enthalten auch hormonell wirksame Substanzen wie Weichmacher. Sie können unser Hormonsystem beeinflussen und Stoffwechselvorgänge im menschlichen Körper steuern. Dies kann zu Missbildungen der Geschlechtsorgane bei Kindern sowie zu Unfruchtbarkeit oder zu einem höheren Krebsrisiko im Alter führen.
Aber auch für die Natur birgt das Plastik Gefahren. Gerade Vögel verenden, wenn sie sich in Plastikmüll verfangen. Wenn Tiere den teils giftigen Müll fressen, kann er über die Nahrungskette wieder auf dem Teller landen. So wurden bei einem Test in der Schweiz in allen 20 untersuchten Honigprodukten Plastikrückstände gefunden, weil auch die Honigbiene Mikroplastik aufsammelt.

Es findet sich auch in Textilien. Durch das Waschen gelangen in unserem Land jährlich etwa 21 Tonnen Mikroplastik ins Abwasser. Auch die Textilien in der freien Natur zu entsorgen, ist problematisch.
Dosen aus Aluminium können gut recycelt werden. Landen sie jedoch in der Natur, gehen diese Ressourcen verloren. Zudem braucht eine Aluminiumdose bis zu 600 Jahre, bis sie verrottet.

Bei Glas und Keramik ist es noch schlimmer. Es baut sich nicht biologisch ab und kann praktisch Millionen von Jahren in der Natur liegen. Zudem stellen die Scherben für Menschen und Tiere eine Verletzungsgefahr dar.
Am problematischsten sind aber Zigarettenstummel. Bis zu 5.500 Tonnen von ihnen fallen jährlich an, geschätzt zwei Drittel von ihnen werden achtlos weggeworfen. Bis sie verrotten, vergehen bis zu sieben Jahre.

„Tschickstummel“ verschmutzen Grundwasser
Im Filter beziehungsweise im Tabak finden sich neben Nikotin und Teer auch hochgiftige Substanzen wie Blausäure, Dioxine und Schwermetalle. Durch Regen gelangen diese Stoffe in den Boden und letztlich wieder ins Trinkwasser. Manche Stoffe sind krebserregend, andere schädigen unser Erbgut.

Bei Hunden können gefressene Zigarettenstummel zu Vergiftungen führen. Eine besondere Gefahr besteht für Gewässer. Durch die enthaltenen Giftstoffe kann ein „Tschickstummel“ in einem Liter Wasser innerhalb von vier Tagen die Hälfte aller darin schwimmenden Fische töten.

4.500 Tonnen Müll landen bei uns jedes Jahr in der Natur
  • In Europa fallen jährlich etwa 29 Millionen Tonnen Plastikmüll an.
  • Das sind 2,2 Millionen voll beladene Mistautos.
  • Hierzulande sind es jährlich 900.000 Tonnen Plastikmüll.
  • Rund 70 Prozent des gesamten anfallenden Mülls werden einfach verbrannt.
  • Nur ein Viertel der gesamten Kunststoffabfälle kommt ins Recycling.
  • 4.500 Tonnen Abfall werden hierzulande jedes Jahr achtlos in der Natur weggeworfen.

So lange braucht der Abfall, bis er verrottet

Papiertaschentuch: 1 bis 5 Jahre
Bananen- oder Orangenschale: 1 bis 3 Jahre
Zigarettenstummel: 2–7 Jahre
Blechdose: 50–500 Jahre
Plastikflasche: 100–5.000 Jahre
Tetrapack: 50–100 Jahre
Kaugummi: 3–5 Jahre
Glasflasche (ganz): 4.000 Jahre, nicht messbar
Plastiksack: 100–200 Jahre
Aludose: 400–600 Jahre
Babywindel, Damenbinde: 500 bis 800 Jahre
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