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Ausgabe Nr. 45/2022 vom 08.11.2022, Foto: GEPA pictures/ Philipp Brem
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Hubert Neuper wurde am 29. September 1960 in Bad Aussee in der Steiermark geboren. Er war einer der besten Schispringer der Welt und gewann im Jahr 1980 den Gesamtweltcup sowie zwei Mal die Vier-Schanzen-Tournee. Nach seinem Ausstieg aus dem Spitzensport arbeitete er als Linienpilot und leitete eine Schischule in Bad Mitterndorf (Stmk.).

Hubert Neuper lebt in Tirol, ist seit 40 Jahren verheiratet und hat zwei Töchter. Sein Werk „Ich darf alles“ ist im Buchhandel erhältlich. ISBN: 97839505246.
„Ich war getrieben von meinem Ego“
Hubert Neuper, 62, hat als Schispringer und Organisator von Veranstaltungen beachtliche Erfolge gefeiert. Doch er war lange auf der Suche nach seinem persönlichen Glück. In seinem neuen Buch „Ich darf alles“ erzählt er von der zweiten großen Krise seines Lebens und wie er sie überwunden hat. Im Gespräch mit der WOCHE-Reporterin Barbara Reiter gibt er dazu einen Einblick.
Herr Neuper, Sie sind gebürtiger Steirer, leben aber in Tirol. Wie kam es dazu?
Ich bin im Jahr 1976 nach Stams in die Schi-Schule gekommen und habe dort meine Frau Claudia kennengelernt. Seit 1982 lebe ich fix in Telfs, weil mein Lebensmittelpunkt über viele Jahre in Tirol war. Ich bin acht Monate für Tyrolean Airways geflogen, danach für die Flug Ambulanz. 1991 bin ich Kapitän geworden. Zur Arbeit am Flughafen Innsbruck habe ich 20 Minuten gebraucht. Das war äußerst praktisch.

Sie waren lange als Veranstalter von Sportgroßereignissen tätig und haben jetzt Ihr zweites Buch veröffentlicht. Es ist Ihrer Frau Claudia gewidmet, die Sie „in den Jahren der Suche mit Güte und Liebe ertragen hat“, wie Sie schreiben. 40 Jahre verheiratet zu sein, macht Ihnen nicht so schnell jemand nach …
Es ist für niemanden leicht, wenn jemand so in seinem Ego gefangen ist. Die Königin, die wirklich Gute, ist die Claudia. Sie ist viel reifer und geerdeter als ich und ich wünsche mir oft, dass ich so sein könnte wie sie. Aber jeder Mensch ist anders und trägt eine Vergangenheit in sich, die weit zurückgeht in eine genetische Vergangenheit. Claudia ist eine reife Seele und eine gute Frau.

Ihr Buch heißt „Ich darf alles“. Was dürfen Sie denn?
Das Buch bezieht sich darauf, dass wir verlernt haben, unserer Eingebung zu folgen. Im Laufe des Lebens agiert unser Verstand immer selbstständiger und erklärt uns, warum etwas nicht möglich ist. Ich darf aber stets meiner Eingebung folgen.

Sie haben in Ihrem ersten Buch „Flatline“ über Ihr Burn-out und den Weg zurück ins Leben geschrieben. Gab es für Sie noch etwas aufzuarbeiten?
Nach „Flatline“ habe ich geglaubt, dass ich diese unangenehmen Verhaltensweisen, die ich unter Druck an den Tag gelegt habe, im Griff hätte. Immer, wenn mir das Gefühl gegeben wurde, dass ich etwas nicht kann oder ich nicht wertgeschätzt wurde, habe ich unangemessen reagiert. So unangemessen, dass es zu einem Burn-out gekommen ist. Es ist nicht durch Überlastung in der Arbeit entstanden, sondern allein durch mein Denken. Durch das ständige Aneinanderreihen negativer Gedanken bin ich ausgebrannt, und die einzige Chance für mich war, damals die Flucht nach Amerika anzutreten. Ich habe geglaubt, dort wird alles besser. Fakt war, dass ich die Zeit nicht zur Heilung genutzt, sondern alles verdrängt habe, um mit dem Leben zurechtzukommen. Das ging gut, bis etwas passiert ist, was mich emotional aufgewühlt hat. Ich dachte eigentlich, ich hätte alles im Griff.

Der Auslöser war, dass Sie Ihre Tätigkeit am Kulm in der Steiermark 2019 aufgrund von Problemen mit dem Schisprung-Verband beendet haben. Was ist nach dem Aus passiert?
Ich habe genauso reagiert, wie 1999 bei den „World Sports Awards“, als ein Journalist behauptet hat, ich hätte Steuergeld in die eigene Tasche gesteckt. Ich wusste, der Vorwurf hat keinen Wahrheitsgehalt, auch, weil das Gericht so entschieden hat und ich richtig viel Geld bekommen habe. Aber ich habe in dem Moment die Welt nicht verstanden und die Schuld auf andere geschoben. Damals bin ich in die USA geflüchtet, bei der zweiten Krise nach Dubai zum Golfspielen. Dort hatte ich am Platz ein Erweckungserlebnis. Mir wurde klar, dass es meinem Verstand durch ein einziges Telefonat gelungen ist, Lebensumstände zu erschaffen, die sich dramatisch angefühlt haben. Da waren viel Trauer und Hass. Am Golfplatz wurde mir klar, dass ich herausfinden muss, warum ich so bin, wie ich bin. Dann hat die Recherche angefangen.

Sie haben das Schifliegen am Kulm 25 Jahre lang organisiert und wurden nach dem Aus nicht einmal mehr zur Veranstaltung eingeladen. Ist es nicht menschlich, über so ein Verhalten traurig zu sein?
Das kommt bei mir dazu: Der Kulm ist eng mit meiner Familie verbunden. Der Großvater hat die Schanze gebaut, der Vater war der Erste, der hinuntergesprungen ist. Dann habe ich 25 Jahre diese Veranstaltung gemacht, mit vier Weltmeisterschaften und einer Million Zuschauern, die ich dorthin gebracht habe. Was da passiert ist, war für mein Ego unglaublich. Heute sehe ich es differenzierter, aber ich sage nach wie vor: Wenn Anstand und Würde bei den Menschen, die so gehandelt haben, eine Rolle gespielt hätten, wäre es anders gelaufen. Da muss ich auch meine Heimatgemeinde miteinbeziehen, nur will ich keinen Groll mehr hegen und mir meine guten Lebensumstände nicht versauen.

Warum hatten Sie trotz eines so erfolgreichen Lebens immer wieder extreme Tiefs?
Ich war getrieben von meinem Ego und den Prägungen, die über viele Jahre mein Leben bestimmt haben. Als ich diese Erkenntnis annehmen konnte, war die Möglichkeit da, mit der Veränderung meines Verhaltens zu beginnen. Ich habe versucht, das Leben so zu nehmen, wie es ist: in jedem Moment herrlich. Und wenn es nicht herrlich ist, wird die Intuition dir sagen, was du tun sollst, dass es wieder herrlich wird.

Ihre Schwester Eva ist mit nur 18 Jahren bei einem Autounfall gestorben. Wie sind Sie damit zurechtgekommen?
Um die Wahrheit zu sagen, bin ich nicht damit zurechtgekommen. Ich habe das Verdrängen perfektioniert, sodass ich mit dem Schmerz zu leben gelernt habe. Er hat sich aber in vielen Situationen bemerkbar gemacht und ich musste alle Energie aufbringen, ihn wieder zu verdrängen. Irgendwann muss man sich dem Schmerz stellen. Ich musste erkennen, dass ich zu meiner Familie, die gut und gütig zu mir war, Distanz gehalten habe, weil ich immer wieder das Gefühl hatte, verlassen worden zu sein. Ich habe mir das als Zehnjähriger, als ich ins Internat nach Tirol kam, eingebildet und daraus ist ein Glaubenssatz entstanden. Es war hart, diesen Irrtum zu erkennen und anzunehmen. Ich hätte mir auch sagen können, die vergangenen 40 Jahre kannst du vergessen. Aber es ist nie zu spät für einen Neuanfang. Was soll man schon machen?
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