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Ausgabe Nr. 45/2022 vom 08.11.2022, Foto: triocean - stock.adobe.com
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Sozialmärkte sind für immer mehr Familien eine notwendige Hilfe.
Entweder Essen kaufen oder Wohnung heizen
Eineinhalb Millionen Menschen in unserem Land sind armutsgefährdet. Jeder Vierte davon ist jünger als 18 Jahre.
Kinderarmut beginnt schon bei der Geburt“, sagt Gerhard Steiner, Präsident von Soma Österreich & Partner. Der 1999 gegründete Verein bietet in mittlerweile 40 Soma-Märkten im ganzen Land Menschen mit niedrigem Einkommen eine günstige Einkaufsmöglichkeit.

Mehr Familien in den Sozialmärkten
„Seit Jahresbeginn haben wir eine Kundensteigerung von rund 35 Prozent festgestellt, das sind 30.000 zusätzliche Kunden. Und wir merken deutlich, dass vermehrt Familien mit Kindern in die Soma-Märkte kommen“, berichtet Steiner. „Die massiv gestiegenen Energiekosten und die hohen Lebensmittelpreise treffen armutsgefährdete Menschen und darunter Familien mit Kindern in höherem Maße“, erklärt der Soma-Chef.

„Als armutsgefährdet gilt, wer mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung auskommen muss, derzeit sind das 1.371 Euro monatlich“, erklärt Erich Fenninger, Direktor der Wohlfahrtsorganisation Volkshilfe. Ein Viertel aller Armutsgefährdeten in unserem Land sind Kinder und Jugendliche. Alleinerziehende sind noch deutlich stärker von Armut betroffen als der Bevölkerungsschnitt.

Die aktuellen Teuerungen spürt auch die alleinerziehende Mutter Jasmin Berger (Name von der Red. geändert) enorm. „Die Energiekosten machen mir große Angst. Ich bin hier völlig auf Hilfe angewiesen, denn allein die Heizungskosten betragen mehr als 300 Euro alle zwei Monate. Da muss ich immer überlegen, ob wir überhaupt heizen können“, erklärt die Mutter von drei Kindern im Alter von 16, 14 und zehn Jahren.

Ihre Erdgeschoß-Wohnung in einem Wiener Zinshaus ist extrem kalt, weil rundherum keiner heizt. Ihre Kinder würden oft frieren. „Wir sitzen dann mit mehreren Decken da. Wenn die Preise weiter steigen, weiß ich nicht mehr, wie ich das alles bewerkstelligen soll. Jede hereinkommende Rechnung macht mir Angst und ich fürchte mich davor, dass wir irgendwann keinen Strom und kein Warmwasser mehr haben.“ Durch die Teuerungen bleibt der Alleinerzieherin, die Arbeit und Kinder unter einen Hut bringen muss, merklich weniger Geld im Monat übrig. „Lebensmittel kann ich derzeit nur noch einkaufen, wenn sie in Aktion sind. Luxus gibt es nicht. Ich muss auf vieles verzichten lernen, auch auf viel Schönes“, sagt Jasmin Berger.

Sie müssen jeden Euro vier Mal umdrehen
Auch für Julia Schneider (Name von der Red. geändert) aus St. Pölten (NÖ) geht es sich immer schwerer aus. „Wir sparen schon, wo wir können. Fleisch und Wurst gibt es nur noch selten.“ Als Alleinerzieherin eines Klein- und eines Volksschulkindes muss sie mittlerweile jeden Euro vier Mal umdrehen.

Eine große Hilfe für Schneider sind die soogut-Sozialmärkte. „Mit dem Einkaufspass können unsere Kunden um zwei Drittel günstiger, aber auch nachhaltig einkaufen“, bestätigt soogut-Sprecherin Ursula Oswald. Um den Pass zu bekommen, darf das monatliche Nettoeinkommen eines Einpersonen-Haushaltes höchstens 1.328 Euro betragen, pro Kind unter 14 Jahren kommen 398 Euro dazu. „Die meisten unserer Kunden haben aber bei Weitem viel weniger Geld zur Verfügung“, sagt Oswald.

Die Folgen von Kinderarmut sind erschreckend. Familien „müssen entscheiden, Abendessen zu kaufen oder die Wohnung zu heizen. Abstriche werden dann häufig bei der Menge und Qualität an Lebensmitteln gemacht, beim Kauf neuer Kleidung oder auch bei der sozialen und kulturellen Teilhabe“, warnt Caritas-Generalsekretärin Mag. Anna Parr. Geburtstagsfeiern oder kostenpflichtige Freizeitbeschäftigungen, etwa Musikunterricht, seien für armutsgefährdete Kinder nicht möglich, so Parr.

„Für Kinder kann Armutsgefährdung vieles heißen. In einer kalten oder schimmligen Wohnung leben zu müssen, nicht ausreichend zu essen zu haben am Ende des Monats, keine Möglichkeit für notwendige medizinische Therapien“, sagt Fenninger. Dabei seien armutsgefährdete Kinder öfter krank. „Neben dem körperlichen Leid kommt das seelische dazu. Durch Ausgrenzung, Abwertung und den existentiellen Stress, der für sie jede Minute ihres Lebens präsent ist und schwer auf ihnen lastet“, weiß Fenninger.

Höhere Bildung schützt vor Armut
Auch in der Bildung haben armutsgefährdete Kinder schlechtere Chancen. „Unser System zementiert Armut über mehrere Generationen ein. Nur sieben von 100 Kindern aus bildungsfernen Haushalten erreichen einen Hochschulabschluss“, sagt Fenninger. Wer in der Schule nicht dazugehöre, laufe Gefahr, sie vorzeitig abzubrechen. „Armut und Bildung stehen in einer intensiven Wechselwirkung“, meint auch die Caritas-Generalsekretärin, „je niedriger der Bildungsabschluss, desto größer ist die Gefahr, in Armut zu leben.“

Einig sind sich Caritas, Volkshilfe und Soma, dass dringend Handlungsbedarf besteht. „Wir fordern seit Jahren eine Kindergrundsicherung“, sagt etwa Erich Fenninger.

Wer als arm gilt
  • Die Armutsgrenze bezeichnet ein Einkommen, unterhalb dessen der Erwerb aller lebensnotwendigen Ressourcen nicht mehr möglich ist. 1,5 Millionen Menschen (17 Prozent der heimischen Bevölkerung) sind armuts- oder ausgrenzungsgefährdet.
  • Die aktuelle Armutsgefährdungsschwelle beträgt für einen Einpersonen-Haushalt 1.371 Euro monatlich, 12 Mal im Jahr. Für einen Erwachsenen plus ein Kind sind es 1.783 Euro. Bei zwei Erwachsenen und zwei Kindern liegt die Armutsgefährdungsschwelle bei 2.880 Euro monatlich.
  • Rund 370.000 Kinder und Jugendliche sind von Armut betroffen. Von den in Ein-Eltern-Haushalten lebenden Kindern sind sogar fast die Hälfte (47 %) armuts- oder ausgrenzungsgefährdet.
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