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Ausgabe Nr. 44/2022 vom 01.11.2022, Foto: Dutch Press Photo Agency / Action Press / picturedesk.com
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Seit dem Tod der britischen Königin Elisabeth II. am 8. September 2022 ist Margrethe II. das weltweit dienstälteste amtierende weibliche Staatsoberhaupt.
„Ich bleibe Königin, bis ich vom Thron falle“
Sie ist eigenwillig und unbequem, malt, entwirft Kostüme und Bühnenbilder – und ist nebenbei das Staatsoberhaupt von Dänemark. Königin Margrethe II., 82, gilt als Paradiesvogel unter den Adeligen. Das Volk liebt ihre unkonventionelle Art. Ihre Familie aber ist sauer, weil sie das Königshaus abspeckt und dabei auch ihre Enkelkinder nicht verschont.
Keine Monarchin ist wie Margrethe. Als sie am 14. Jänner 1972 Dänemarks Thron bestieg und sich auf dem Kopenhagener Schlossplatz zur Königin ausrufen ließ, tat sie dies als erste Frau in 560 Jahren.
„König Frederik IX. ist tot. Lang lebe Königin Margrethe II.“, rief der damalige Regierungschef Jens Otto Krag der aufgeregten Menge drei Mal lautstark zu. Ins Tagebuch trug er jedoch still und leise ein: „Das kann anstrengend werden.

Sie hat im Übrigen politisches Wissen, was nicht unbedingt von Vorteil ist.“ Zumindest in Bezug auf ihren Charakter sollte er Recht behalten. Margrethe II. gilt als eigenwillig und unbequem. Was andere denken, kümmert sie wenig.
Geboren wurde Margrethe am 16. April 1940 auf Schloss Amalienborg in der Nähe von Kopenhagen. Auf diesem Anwesen wuchs sie mit ihren beiden jüngeren Schwestern Benedikte, 78, und Anne-Marie, 76, sowie ihren Eltern, dem Kronprinzen Frederik und der schwedischen Prinzessin Ingrid auf. Zum Zeitpunkt ihrer Geburt regierte ihr Großvater Christian X. das dänische Volk, ihr Vater wurde im Jahr 1947 zum König gekrönt. Margrethes Jugend war vor allem durch ihren harten Bildungsweg geprägt. Doch schon als junges Mädchen besaß sie eine kreative Ader und interessierte sich eigentlich viel mehr für Kunst, Musik und Malerei. In Ermangelung männlicher Nachkommen jedoch ließ König Frederik IX. mit einer Volksabstimmung das Gesetz zur Thronfolge ändern. Als Margrethe 13 Jahre alt war, stand somit fest: Sie wird die nächste Königin.

Vielseitige Begabungen
Als Vorbereitung auf das hohe Amt wurde sie deshalb nach der Matura sogleich auf die besten Universitäten Europas geschickt, um Volkswirtschaftslehre, Geschichte und Jus zu studieren.
„Heiliger Strohsack, war das langweilig“, erinnert sich die 82jährige an ihre Zeit im britischen Cambridge und an der Pariser (F) Sorbonne.

Quasi als Ausgleich belegte sie deshalb auch noch weitere Fächer wie Kunst, Literatur, Balletttanz und Philosophie. Sie schaffte sogar einen Abschluss in altertümlicher Archäologie, außerdem lernte sie fünf Sprachen, darunter Französisch und Deutsch. In ihrer Studienzeit war sie zudem ein Teil der Vietnam-Proteste in den 60er Jahren, was nicht typisch für eine Thronfolgerin ist.

Liebe auf den ersten Blick
Ihren Mann, den französischen Diplomaten Henri de Laborde de Monpezat, lernte sie in einem Londoner Nachtklub kennen. „Sie spielten Sinatras ‚Strangers in the Night‘. Da wusste ich, dass ich mich unsterblich in ihn verliebt hatte“, verriet Margrethe einmal. Darum wurde 1967 auch gleich geheiratet. Henri wurde zu Prinz Henrik und zog für seine Auserwählte in den hohen Norden. Ihren erstgeborenen Sohn Frederik, 54, – und damit auch einen zukünftigen Thronfolger – präsentierten die Prinzessin und ihr Gatte im Jahr 1968 der Öffentlichkeit. Ihr zweiter Sohn, Prinz Joachim, 53, folgte ein Jahr später. Mit 31 Jahren trat Margrethe schließlich als zweifache junge Mutter die Thronfolge an.

Die Dänen – zunächst etwas skeptisch – gewöhnten sich schnell an ihre 182 Zentimeter große Königin. Denn auch als Staatsoberhaupt bleibt sich Margrethe in ihrer mittlerweile mehr als 50jährigen Regentschaft treu und nimmt sich kein Blatt vor den Mund. Zwar fehlt es ihr ein wenig an Grazie und königlichem Zauber. Aber daraus macht sich die Monarchin ohnehin wenig. Stattdessen trägt sie bunte, selbstgeschneiderte Gewänder, malt Landschaften, illustriert und übersetzt Bücher, gestaltet Briefmarken oder entwirft Bühnenbilder. Und obwohl sie streng darauf achtet, sich nicht in parteipolitische Auseinandersetzungen einzumischen, scheut sie sich nicht, ihren Landsleuten auch ins Gewissen zu reden. Schon vor 40 Jahren legte sie den Dänen nahe, Ausländern gegenüber „bitte auf dumme Kommentare zu verzichten“. Jahre später appellierte sie an die Zuwanderer, sich doch besser in die dänische Gesellschaft einzufügen.

Viel Dampf im Palast
Ein Wesenszug von Margrethe II., der ebenfalls mit dem typischen Bild einer Königin bricht, sind ihre persönlichen Laster. Sie trinkt gerne Rotwein, raucht bis zu 60 starke griechische Zigaretten am Tag, selbst wenn die Enkerl dabei sind, und flucht. Ihre Sucht nach Glimmstängeln brachte ihr sogar den Spitznamen „Vulkankönigin“ ein.

Seit den 70er Jahren ist auch ihre Vorliebe für Dackel bekannt. 1993 rief sie sogar das Volk auf, ihr bei der Suche nach „Zenobie“ zu helfen. Die geliebte Dackeldame war Prinz Henrik bei einem Spaziergang im Wald bei Schloss Fredensborg abhanden gekommen. Die Königin suchte wochenlang selbst in dem riesigen Gebiet und legte „Schnüffeldepots“ zum Anlocken für die schmerzlich Vermisste an. Ohne Erfolg, worauf sich Margrethe mit einem Hilferuf an die Öffentlichkeit wandte. Kurz darauf zeigte das Fernsehen, wie eine beeindruckend große Menschenschar Würstchen schwenkend und „Zenobie“ rufend durch den Wald streifte. Der Dackel aber blieb verschwunden, wurde wohl Opfer eines Fuchses.

Das Familienleben leidet
Ihren Kindern gegenüber zeigten sich Margrethe und Henrik allerdings weniger aufopferungsbereit. Vor allem Kronprinz Frederik übte häufiger Kritik an der Erziehung seiner Eltern, die er als lieblos beschrieb. „Meine Mutter hat fast alles den Kindermädchen überlassen. Ich hatte mit meinen Eltern nicht viel zu tun, bis ich 21 war“, sagt der 54jährige. Sein Vater Henrik – der als stolzer Franzose stets darunter litt, nur Prinz zu sein und im Schatten seiner Frau zu stehen – sorgte mit seinem Spruch „Kinder sind wie Hunde und Pferde. Man muss sie dressieren“, ebenfalls für Aufsehen.

Seine letzten Jahre zog sich der Möchtegern-König nach Südfrankreich zurück, Affärengerüchte machten die Runde. Er starb am 13. Februar 2018 im Alter von 83 Jahren an einer Lungenentzündung. Doch selbst nach diesem schweren Verlust arbeitete die Dänenkönigin munter weiter. Daran, ihrem ältesten Sohn das Zepter zu überlassen, denkt sie nicht. Schon mehrmals erklärte sie in ihrer typisch direkten Art, sie bleibe Königin, „bis ich vom Thron falle“.

Als Verfechterin einer verschlankten Monarchie, „die mit der Zeit geht“, gab sie vor wenigen Wochen sogar bekannt, mit Anfang 2023 ihren Enkerln Nikolai, 23, Felix, 20, Henrik, 13 und Athena, 10, deren Titel als Prinz und Prinzessin zu entziehen. Künftig sollen die Kinder von Prinz Joachim „nur“ noch als Grafen und Gräfin von Monpezat auftreten, was derzeit für große Unruhe im dänischen Königshaus sorgt.
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