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Ausgabe Nr. 44/2022 vom 01.11.2022, Foto: Wirestock Creators - stock.adobe.com
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Engel beflügeln die Seele
Am Allerseelentag rückt nicht nur der Tod, sondern auch die unsterbliche Seele in unser Bewusstsein. Die Frage nach dem Sitz der Seele beschäftigt den Menschen seit Anbeginn seiner Existenz. Religion und Philosophie ringen um Erklärungen, die Forschung sucht nach Beweisen im Gehirn. Bislang vergeblich. Tröstlich bleibt lediglich der Gedanke, dass uns Engel mit dem Raum der Seele in Berührung bringen können. Zumal die geflügelten Himmelsboten seit Jahrtausenden Liebe, Schutz, Unterstützung und guten Willen verkörpern.
Die Seele ist die Lebenskraft und das eigentliche Selbst des Menschen. Die Seele macht uns einzigartig. Und es sind die Engel, die uns mit dem besonderen Raum der Seele in Berührung bringen“, sagt der deutsche Pater Anselm Grün. Der 77jährige hat viele Bücher über die Himmelsboten geschrieben. „Engel beflügeln die Seele. Sie schützen, heilen und beleben uns. Und sie sind Mittler zwischen dem Diesseits und dem Jenseits“, erklärt der Benediktinermönch.
Obwohl der Mensch seit Jahrhunderten versucht, sich ein Bild von den geflügelten Himmelsboten zu machen, sind die fantastischen Gestalten kaum greif- und fassbar.

„Wesen mit Vernunft und freiem Willen“
Papst Johannes Paul II. beschrieb Engel als „Wesen mit Vernunft und freiem Willen begabt, aber in höherem Grad als der Mensch“. Die Seele des Menschen und Engel sind aus dem gleichen Grund hervorgegangen.
Beide tragen das „göttliche Licht“ in sich. Der Mensch jedoch hat den freien Willen zu entscheiden, ob er diesen oder jenen Weg geht, und ob er die lichte Kraft der Engel in sein Leben ruft oder nicht.

Jedenfalls verbindet Engel und Menschen eine tausende Jahre lange gemeinsame Geschichte.
Die Ursprünge der „Engelsanrufungen“ gehören zu den ältesten Ritualen und liegen in Babylonien. Die Babylonier gaben ihren persönlichen Schutzwesen mächtige Flügel. Auch die alten Ägypter vertrauten ihren Schutzgottheiten.
Die Griechen nannten sie „Angelos“ (griech. Bote oder Botschafter), die Kontakte zur Welt der Toten hatten.

Auch im Neuen Testament erscheinen Engel, manchmal sogar in Heerscharen. Namentlich erwähnt werden in der Bibel Gabriel, Michael und Raphael. Als Erzengel verfügen sie über die größte Macht von allen Himmelsboten. Die aus der sumerischen Sprache stammende Nachsilbe „el“ bedeutet „Helligkeit“. Michael wurde zum Erzengel ernannt, weil er Satan aus dem Himmel warf, Gabriel, weil er Maria die Botschaft von der Geburt Jesu überbrachte, und Raphael aufgrund seines gütigen und lustigen Wesens. Er ist der Engel der Sonne, der die Menschen heilt und ihnen hilft.

Was den überirdischen Zauber der Engel ausmacht, ist das Geheimnisvolle und die Unmöglichkeit, sie fassen zu können. Pater Anselm Grün findet deshalb die nüchterne Erklärung hilfreich. Für ihn sind Engel „geschaffene geistige Wesen und Mächte. Ein Engel kann ein Impuls oder auch ein Mensch sein, der im richtigen Augenblick da ist. Aber es gibt auch Erfahrungen, dass Engel tatsächlich gesehen werden“, sagt der Ordensmann. Als Beispiel nennt er Berichte von Menschen, die einen Flugzeugabsturz überleben und erzählen, sie hätten plötzlich neben sich auf dem Sitzplatz ein engelhaftes Wesen gesehen.

Die Begegnung mit einem Engel schildert eine Burgenländerin, Mitte vierzig und zweifache Mutter: „Es ist zwar schon lange her, aber das Erlebte hat sich so eingeprägt, dass ich es nie vergesse. Ich war ein Kind, etwa zehn Jahre alt, und es war mitten in der Nacht. Pötzlich wachte ich auf und sah meine Mutter neben meinem Bett auf dem Teppich liegen und schlafen. Leise stand ich auf, nahm eine Decke aus dem Kasten und legte sie behutsam über ihren Körper, damit ihr nicht kalt wird. Als ich in der Früh aufwachte, lag die Decke noch am Boden. Ich fragte Mama, warum sie neben mir am Boden geschlafen hat und erzählte ihr, dass ich sie zugedeckt hätte. Sie schaute mich verwundert an, schüttelte lachend den Kopf und meinte, sie sei das nicht gewesen. In dem Moment wurde mir schlagartig bewusst, dass es mein Schutzengel war, der mich in dieser Nacht besucht hat“, ist sie bis heute fest überzeugt.

Engel beruhigen tief sitzende Ängste
Der Tiefenpsychologe Carl Gustav Jung (1875–1961) beschrieb die Wirksamkeit von Engeln als „personifizierte Übermittlung unbewusster Inhalte, die sich zu Wort melden“. Sie geben tiefe Geborgenheit, vermitteln Schutz und beruhigen auch tief sitzende Ängste.

Die Grenze, betont Pater Anselm Grün, sei stets dort, wo der Mensch über die Engel verfügen will. „Oder auch dann, wenn der Mensch seinen Kontakten mit Engeln mehr Zeit und Bedeutung einräumt als seinen Mitmenschen. Das kann gefährlich werden, da in diesem Fall die Engel für eine Flucht aus der Realität missbraucht werden. Dann sind sie eben nicht mehr das, was sie eigentlich sind, und zwar eine Hilfe, um die Wirklichkeit – den Alltag – zu bewältigen.“

Engelhaftes Wissen

Seit wann gibt es Engel?
Ein Blick auf die Herkunft des Wortes „Engel“ liefert einen Hinweis darauf, woher die Vorstellung der himmlischen Wesen kommt. „Engel“ leitet sich aus dem griechischen „angelos“ ab, das so viel wie „Bote“ oder „Gesandter“ bedeutet. Engel sind also Vermittler zwischen Menschen und höheren Mächten. Erste Spuren der dienenden Wesen finden sich im Alten Ägypten, in Mesopotamien, in Indien sowie im alten China.

Wo leben Engel?
Heimat der Engel ist der Himmel, außerhalb der Astralebene unserer Erde. Das Engelreich ist von ewiger Liebe und tiefem Frieden erfüllt. Manche meinen, dass die Engel mitten unter uns, in den Herzen der Menschen und in der lebendigen Schöpfung leben.

Woraus sind Engel geschaffen?
Engel sind aus Lichtsubstanz und Flammenglanz entfaltete Wesen und zugleich lebendige Seelenkräfte, die im Menschen wohnen. Sie sind unbegreiflich für den, der die innere Welt der Stille noch nicht entdeckt hat.

Warum haben Engel Flügel?
Die Flügel signalisieren überirdische Herkunft, Unabhängigkeit von Zeit und Raum. Sie stehen für Schutz und Geborgenheit für alle jene, die sie unter ihre Fittiche nehmen. In den Bildern und Darstellungen sind Flügel so etwas wie ein Rangabzeichen. Je größer und majestätischer die Flügelpracht, umso höher der Stellenwert in der himmlischen Hierarchie.

Wovon ernähren sich Engel?
Nach den Erklärungen der mittelalterlichen Gelehrten und Äbtissin Hildegard von Bingen (1098–1179), deren Pflanzenheilkunde bis heute beliebt ist, ernähren sich Engel von einer Substanz, die dem Morgentau ähnlich ist und sich wieder auflöst. Andere Quellen beschreiben, dass Engel mit „göttlichem Licht“ oder auch mit dem „Atem des Göttlichen“ gespeist werden.

Was unterscheidet Engel von Geistern?
Es gibt klare Unterscheidungsmerkmale.Geister sind Seelen der Toten. Engel – also gute Geister und Schutzgeister – sind die Boten Gottes.

Aus „Das große Buch der Engel“ von Jeanne Ruland, Schirner-Verlag.
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