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Ausgabe Nr. 44/2022 vom 01.11.2022, Foto: IMAGO/Eibner
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Ein selbstbestimmtes Leben, auch im Rollstuhl.
„Wir haben überlebt“ – Teil 4
Sie gewann zwei Goldmedaillen bei den Olympischen Spielen und zahlreiche Weltmeisterschaften. Kristina Vogel hatte es zur erfolgreichsten Radsportlerin der Welt geschafft. Doch vor vier Jahren änderte sich ihr Leben nach einem Trainingssturz von der einen auf die andere Sekunde.
Ich fahre jeden Tag Vollgas.“ Nach diesem Motto betrieb die heute 32 Jahre alte Kristina Vogel ihren Sport. Diese bedingunglose Einstellung machte sie erfolgreich. Als Bahnradfahrerin gewann sie zwei Mal Olympiagold und elf Weltmeistertitel. Die Deutsche schien der Konkurrenz mindestens eine Radlänge voraus, bis vor vier Jahren das Undenkbare passierte. Sie kollidierte im Training mit einem anderen Fahrer und ist seither vom siebenten Brustwirbel abwärts querschnittsgelähmt.

Kollision mit einem Nachwuchsfahrer
„Die Erinnerung an den Sturz selbst ist weg“, sagt die Erfurterin. „Ich habe die Augen geöffnet und wusste sofort: Okay, das hier ist wirklich ernst. Meine Unfallhelfer haben mir die immer sehr ­engen Schuhe ausgezogen. Als sie von mir weg­getragen wurden, ich das Ausziehen aber nicht gemerkt hatte, habe ich schon befürchtet, dass das mit dem Gehen nichts mehr wird. Danach fiel ich in ein Koma. Als ich zwei Tage später meinen Lebensgefährten Michael fragte, ob ich wieder gehen können würde, wusste ich die Antwort eigentlich schon, bevor er den Kopf schüttelte.“

Da­bei hatte sie die ersten beiden Wochen im Spital andere Sorgen als das Nicht-gehen-Können. Auf der Intensivstation kämpften die Ärzte um ihr Leben. Bei der Schwere der Verletzungen, die Vogel erlitten hatte, stand es 50:50, ob sie überleben würde. In dieser schweren Zeit war Michael, selbst ehemaliger Radsportler, die ganze Zeit an ihrer Seite. „Wenn er nicht gewesen wäre, hätte ich die Zeit im Spital nicht geschafft. Er hat drei Wochen lang neben mir auf dem Sessel geschlafen.“

Neun Jahre zuvor ein schwerer Unfall
Es war schon der zweite schwere Unfall, den die Ausnahmeathletin erlitt. Auch im Jahr 2009 lag sie tagelang im Koma, nachdem ein Auto ihr die Vorfahrt nahm und sie beim Straßen-Training durch die Heckscheibe krachte. Sie verlor fünf Zähne und ihr Gesicht wurde durch die Glasscherben zerschnitten.

Viele, die ihr damals das Karriereende prophezeit hatten, wurden eines Besseren belehrt. „Ich war mit dem Sport noch nicht fertig. Ich hatte noch so viele Ziele und wollte beweisen, dass niemand außer mir über meine Träume entscheidet – und ganz bestimmt kein Autofahrer, der sich überschätzt und denkt, er schafft es vielleicht noch über die Kreuzung“, beschreibt die Sportlerin die Motivation, die ihr die Kraft gab, nach nicht einmal zehn Monaten ihr Comeback zu feiern.

Doch vor dem auf der Bahn stehenden niederländischen Nachwuchsrennfahrer, in den sie neun Jahre später krachte, musste ihr Körper kapitulieren.
Ihr Brustbein war gebrochen, ebenso ihr Schlüsselbein. Am schlimmsten hat es ihre Wirbelsäule erwischt, ihr Rückenmark wurde bei der Kollision zwischen dem sechsten und siebenten Brustwirbel durchtrennt. Röntgenbilder dokumentieren die Verletzung. Ihr Rückgrat sieht aus, als wäre ein großer, kräftiger Ast abgeknickt.

Ein halbes Jahr verbrachte Vogel im Spital. Schon nach kurzer Zeit trainierte sie heimlich im Bett mit einem Theraband. Sie hat sich ins Leben zurückgekämpft und bewiesen, dass es für sie keine Grenzen gibt. Aufzugeben war für Vogel auch diesmal keine Option. Es ist dieselbe Einstellung, die sie einst zur Spitzensportlerin machte. Als Russlanddeutsche, deren Eltern aus Kirgisien einwanderten, schnell Arbeit fanden und sich in eine neue Umgebung integrieren konnten, wusste sie, dass sie sich anstrengen und hart arbeiten muss. Trotz ihrer leistungsorientierten Mentalität gab es aber auch Momente, die auch die Spitzensportlerin verzweifeln ließen. „Als ich zum Beispiel das erste Mal essen gehen wollte, kam ich nicht ins Restaurant, weil es davor Stiegen gab. Da wird dir schmerzlich bewusst, dass du da nie wieder hingehen können wirst, ohne dass dich zwei Menschen hinauftragen“, erinnert sich Vogel.

„Natürlich hasse ich manchmal, was mir passiert ist“
„Natürlich hasse ich manchmal, was mir passiert ist. Und ich bin auch auf jene eifersüchtig, die einfach so die Straße enlanggehen können.“
Aber das sind nur kurze Momente. Sie sitzt zwar im Rollstuhl, führt aber ein selbstbestimmtes und vor allem selbstständiges Leben. „Bei Dingen, die ich kann, lasse ich mir auch helfen. Aber solange ich etwas noch nicht kann, möchte ich das nicht“, erklärt sie ihr Prinzip. „Das sind meine Heraus­forderungen. Das Ein- und Aussteigen aus dem Auto hat mich viel Zeit und Kraft gekostet, aber seit es geht, bin ich entspannter und nehme auch einmal Unterstützung an.“

Mit ihrem Schicksal hat sich Kristina Vogel abgefunden. Das Leben im Rollstuhl brachte ihr nicht nur Einschränkungen, sondern auch neue Möglichkeiten. Mittlerweile arbeitet sie als Trainerin in der Spitzensportfördergruppe der Bundespolizei. Außerdem kommentiert und moderiert sie im Fernsehen und setzt sich seit 2019 auch politisch in ihrer Heimat Erfurt ein. Und wenn sie träumt, dann nicht von ihren sportlichen Erfolgen. „Ich träume oft, dass ich Fußgängerin bin. Andere träumen vom Fliegen, ich vom Gehen.“
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