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Ausgabe Nr. 37/2022 vom 13.09.2022, Foto: Anna - stock.adobe.com
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Träne ist nicht gleich Träne
Gemäß den Forschern der Universität Ulm (D) werden drei Arten von Tränen unterschieden.
Es handelt sich um die emotionalen Tränen, mit denen sich die Studien beschäftigt haben.
Nicht berücksichtigt in der Studie wurden die basalen Tränen. Sie halten das Auge feucht und schützen es. Als dritte Art nennt die Wissenschaft Reflex-Tränen, die beim Zwiebelschneiden oder auch bei Wind und Kälte auftreten können.
Wenn Tränen fließen
Menschen sind die einzigen Lebewesen, die aus emotionalen Gründen weinen. Das ist mit ein Grund, warum das wissenschaftliche Interesse am Tränenvergießen stärker wird. Auf Basis neuer Forschungen aus dem „Tal der Tränen“ teilen Psychologen die Tränen-Flüsse in die Kategorien „Einsamkeit“, „Machtlosigkeit“, „Überforderung“ und „Harmonie“ ein.
Ich kann nichts dagegen tun, ich bin halt nah am Wasser gebaut“, sagt Angelika. Bei jeder rührseligen Liebesromanze bricht sie vor dem Fernseher in Tränen aus. Was ihre Schwester Anna überhaupt nicht verstehen kann. „Filme bringen mich nicht aus der Fassung. Aber manche Menschen machten mich aufgrund ihres Verhaltens so wütend, dass ich die Tränen nicht mehr unterdrücken konnte.“

Und Hans, der muskelgestählte Mittdreißiger, der so wirkt, als könnten ihn nichts und niemand umhauen, beginnt zu plärren wie ein kleines Kind, wenn „seine“ Fußballmannschaft verliert.
Gründe zu weinen, gibt es viele. Wir Menschen sind die einzigen Lebewesen, die aus emotionalen Gründen weinen.
Aber welche sind das genau? Was uns dazu bringt, auf die Tränendrüse zu drücken, erörtern Forscher. Psychologen der Universitäten Ulm in Deutschland und Sussex in Großbritannien teilen menschliche Tränenflüsse in die Kategorien „Einsamkeit“, „Machtlosigkeit“, „Überforderung“ und „Harmonie“ ein.

„Diese Aufschlüsselung liegt der Überlegung zugrunde, dass emotionale Tränen immer dann auftreten, wenn psychologische Grundbedürfnisse entweder nicht erfüllt oder intensiv befriedigt werden“, erklären die Wissenschaftler. Die Psychologen weisen darauf hin, dass Einsamkeit durch ein nicht erfülltes Bedürfnis nach Nähe zustande komme und folglich Tränen auslöse. In diesen Bereich fallen auch Tränen, die aufgrund von Liebeskummer oder Heimweh geweint werden.
Freudentränen dagegen treten nach der intensiven Befriedigung des Bedürfnisses nach Harmonie auf, etwa auf einer Hochzeit.

Als Beispiel für Tränen aufgrund von Machtlosigkeit wird die Reaktion auf eine Todesnachricht genannt.
Um dem menschlichen Weinen auf den Grund zu gehen, haben die Forscher auf Basis von Interviews Menschen zu den Gründen für emotionale Tränen befragt. In einem weiteren Teil führten die Versuchspersonen täglich Tagebuch darüber, wann und aus welchen Gründen die Tränen zu fließen begannen. Aus den Ergebnissen lässt sich schließen, dass junge Menschen häufiger als ältere weinen, weil sie sich überfordert fühlen.

Die Psychologen sehen die neuen Erkenntnisse als Grundlage für weitere Forschungen zum Phänomen „emotionale Tränen“.
„Bislang fehlen uns Aussagen darüber, welchen Einfluss Tränen beispielsweise darauf haben, ob ein Mensch einen anderen unterstützt. Die Identifikation der häufigsten Gründe des Weinens könnte dabei helfen, solche Fragen in Zukunft zu beantworten“, sagt Johannes Keller, Leiter der Abteilung Sozialpsychologie der Universität Ulm, der an der Studie mitarbeitete.

Frauen weinen öfter als Männer
Fest steht, dass Frauen öfter weinen als Männer. Etwa 64 Mal pro Jahr lassen Frauen Tränen fließen, Männer hingegen weinen nur 17 Mal. Dieser Durchschnittswert wurde von Augenärzten der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft ermittelt. In der Studie wurde überdies festgestellt, das Frauen auch aus anderen Gründen weinen als Männer.
Männer nennen vor allem den Verlust eines geliebten Menschen sowie Wut oder Enttäuschung als Grund für Tränen.

Frauen sagen, dass sie in Konflikt-Situationen, bei rührseligen Filmen, oder wenn sie sich unzulänglich fühlen, zu weinen beginnen.
„Frauen tragen ihre Gefühle durch Worte, Gesten und eben auch durch Tränen eher nach außen, während Männer ihre Gefühle vorwiegend bei sich behalten und handeln“, sagt die Augenärztin Elisabeth Messmer von der Augenklinik der Ludwig-Maximilians-Universität München, die an der „Wissenschaft vom Weinen“ forscht.

Dass zwischen 18 und 23 Uhr am häufigsten geweint wird, scheint nachvollziehbar. Die Last des Alltags fällt von uns ab, wir sind erschöpft und fühlen uns müde. Wenn die Spannung nachlässt, fließen die Tränen.

Wann sind bei Ihnen zuletzt die Tränen geflossen?

„Als ich Sandra einen Heiratsantrag machte“
Michael, 35, Techniker, und Sandra Bergmüller, 29, Kindergärtnerin
„Im vorigen Jahr, als ich Sandra einen Heiratsantrag machte, erkannte ich mich nicht wieder. Rührselig bin ich eigentlich gar nicht. Nach einem romantischen Abendessen, das ich für sie gekocht habe, ging ich, wie es sich gehört, vor ihr auf die Knie und fragte sie, ob sie meine Frau werden möchte.
Sie strahlte mich mit einem ,ja, sicher‘ an, fiel mir um den Hals und begann vor lauter Freude zu weinen. Ich weiß nicht warum, aber plötzlich schossen mir auch die Tränen in die Augen, wahrscheinlich vor lauter Glücksgefühl.“

„Beim Lied ,Rote Lippen soll man küssen‘ musste ich bitterlich weinen“
Franz Blunder, 84, Pensionist
„Als meine geliebte Frau vor drei Jahren gestorben ist, war das tragisch für mich. Wir waren mehr als fünfzig Jahre verheiratet, sie war die Liebe meines Lebens. Ich vermisse sie und versuche immer wieder, mich abzulenken, was mir nicht gut gelingt.
Als ich vor ein paar Wochen das Lied ,Rote Lippen soll man küssen‘ im Radio gehört habe, musste ich bitterlich weinen. Mir wurde bewusst, wie sehr sie mir fehlt. Bei diesem Lied haben wir uns nämlich in einer Tanzbar kennengerlernt und uns auf den ersten Blick ineinander verliebt.“

„Als ich meine geliebte Katze einschläfern musste“
Eveline Gassner-Eder, 52, Verkäuferin
„Meine Tiere sind mein Ein und Alles, weil sie bedingungslose Liebe schenken. Nie vergesse ich den 11. Jänner 2021, als ich meine geliebte Katze einschläfern musste. 16 Jahre lang teilte ich mein Leben mit ihr. Ich konnte nicht aufhören zu weinen, da ich in jeder Ecke des Hauses meine ,Lilli‘ sah.
Ihre Lieblingsdecke, auf der sie ein paar Haare hinterlassen hat, bewahre ich als Andenken an ,Lilli‘ im Keller auf. Wenn ich die Kuscheldecke in die Hand nehme, kommen mir heute noch die Tränen. Die einzige, die mir Trost spendet, ist meine Bulldogge. ,Elvis‘ spürt meinen Verlustschmerz.“

„Erst in der vorigen Woche, als mir wieder alles zu viel wurde“
Yvonne Golautschnig, 47, Angestellte
„Mir fällt es schwer, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Ich habe zwei Kinder, gehe halbtags arbeiten und wenn ich nach Hause komme, bereite ich das Essen zu, putze, mache die Wäsche und helfe den Kindern bei den Hausübungen. Ich bin oft überfordert. Dann weiß ich nicht mehr, wie es weitergehen soll. Erst in der vergangenen Woche, als mir wieder alles zu viel wurde, sperrte ich mich ins Badezimmer ein und ließ meinen Tränen freien Lauf. Auf mich wirkt das Weinen befreiend, danach geht es mir tatsächlich etwas besser.“
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