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Ausgabe Nr. 37/2022 vom 13.09.2022, Foto: zVg
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Den Müll unter Wasser eingesammelt und abtransportiert.
Müll in den Tiroler Seen
Dietmar Renn gründete in Tirol den Verein der Österreichischen Abfalltaucher mit dem Hintergrund, die Seen von Müll zu befreien. Doch das wollten selbst die Grünen nicht. Wie ein beispielhaftes Projekt der Untätigkeit zum Opfer fiel.
Stell dir vor, du tust Gutes und kaum jemand interessiert sich dafür. So könnte der Titel jener ungeheuerlichen Geschichte lauten, in der sich der Kirchbichler (T) Unternehmer Dietmar Renn, 51, über mehrere Jahre wiederfand.

Das Thema, um das es geht, ereilte ihn per Zufall bei seinem Hobby, dem Tauchen. „Dabei habe ich festgestellt, dass auf dem Grund unserer Seen viel Müll liegt. Daraus ist die Idee entstanden, etwas dagegen zu unternehmen.“ Renn gründete da­raufhin im Jahr 2011 den Verein der „Österreichischen Umwelt- und Abfalltaucher“ und begann mit einer Gruppe von Freunden, ehrenamtlich den Achensee in Tirol von Altlasten zu befreien. „Wir haben bis zum Jahr 2019 gut 15.000 Kilo Müll herausgeholt. Von Autobatterien über Reifen und Alltagsmüll war alles dabei.“

„Uns wurden bald nur noch Steine in den Weg gelegt“
So weit, so gut, bis Renn bemerkte, dass sein Umwelt-Engagement nicht auf die erhoffte Gegenliebe stieß. „Bald wurden uns nur noch Steine in den Weg gelegt.“
Das spielte sich auf mehreren Ebenen ab. Als mit dem Berufsfischer Anton Kandler der Seeverwalter des Achensees, mit dem Renn bestens zusammengearbeitet hatte, 2020 in Pension ging, übernahm die Stadt Innsbruck als Besitzer des Sees auch die Verwaltung. Ab dann ging nichts mehr, weshalb Renn die Tauch-Tätigkeiten am Achensee noch im selben Jahr einstellte. „Wir mussten um Tauchgenehmigungen ansuchen und haben über Monate keine Antwort erhalten“, erinnert sich Renn. „Irgendwann war ich die Diskussionen leid. Alles, was wir wollten, war, Müll herauszuholen und den See sauberzuhalten. Mehr nicht.“

Doch die bürokratischen Mühlen mahlen langsam. Auch im Fall des aktuellen Seeverwalters Florian Jäger, der angibt, die angesprochenen Tauchgenehmigungen nicht ohne Rücksprache vergeben zu können. Warum die Abklärung Monate benötigte, ist fraglich. „Wir waren damals in einem Übergangsprozess und Herrn Renn ist das zu langsam gegangen. Das kann ich verstehen. Was seinem Wunsch nach Parkplätzen und einem Boots-Abstellplatz mit Stromanschluss betrifft, hatten wir es schwerer als der ehemalige Seeverwalter, der einen Bootsverleih betrieben hat.“

Der Wille zum Umweltschutz klingt anders. Das von Jäger angesprochene Boot wurde übrigens vom Land mit 30.000 Euro finanziert und zeigt, dass nicht jeder sich vor politischer Verantwortung drückt, wenn es um den Erhalt der Natur geht. Die Unterstützung geht auf den für Wasserrecht und Wasserwirtschaft zuständigen schwarzen Landesrat und Landeshauptmann-Stellvertreter Josef Geisler zurück.
Einen weiteren Höhepunkt fand die Posse Achensee, als eine andere Taucher-Gruppe, die Teile des Achensees einmal pro Jahr säubert, ein Problem mit der Medienpräsenz von Renn und seinem Team hatte. Der Seeverwalter Jäger zumindest spricht von einem Hickhack, in das er nicht hineingeraten wollte.

Ganz wollten die Umwelttaucher aber nicht aufgeben und übersiedelten an den Plansee im Außerfern. Dieses Mal hatten es die Freiwilligen mit dem Land Tirol als Seenbesitzer zu tun, was die Sache aber nicht einfacher machte. Das Land stimmte anfangs der Müllentsorgung zwar zu, als Renn im Herbst 2021 erneut den See säubern und das Land mit ins Boot holen wollte, bekam er aber monatelang keine Antwort. Erst im Juli 2022 erreichte ihn telefonisch eine Absage: „Heuer nicht, aber vielleicht im nächsten Jahr“, hieß es. Der See wäre sauber.
Sowohl Achen- als auch Plansee wird „annähernd Trinkwasserqualität“ zugesprochen. „Das mag sein“, sagt Renn. „Aber was ist in 20 Jahren, wenn sich der Müll zersetzt hat?“

Gerhard Moser von der Abteilung Wasserrecht des Landes erklärt, dass Mikroplastik in stehenden Gewässern wie Seen kein großes Problem darstelle. „Das ist vor allem im Meer der Fall, wo viel Bewegung herrscht und das Plastik zerrieben wird.“ Dem widersprechen Forscher, die im November 2019 sowohl im Ammersee als auch im Starnberger See in Deutschland Mikroplastik nachgewiesen haben. Ähnliche Probleme mit Plastikteilchen gab es bereits im Jahr 2013 im beliebten italienischen Gardasee. Und auf „Wissenschaft aktuell“ hieß es zeitgleich, dass Seevögel Plastikkleinteile fressen und immer wieder bei vollem Magen verhungern. „Der Kunststoff füllt den Magen und macht vermeintlich satt, besitzt aber keinerlei Nährwert“, so die Fach-Plattform.

Fische haben am Plastiksackerl herumgezupft
Dass auch Fische das Plastik fressen, hat Dietmar Renn selbst beobachtet. „Ich habe gesehen, wie die Fische an Plastiksäcken und -teilen herumzupften, weil sie es für Futter hielten.“ Es verwundert auch, dass ein Bundesland wie Tirol, in dem der Müll strikter getrennt werden muss als im Rest unseres Landes, bei Müll unter Wasser andere Maßstäbe anlegt. „Ich habe das Gefühl, dass bei vielen Politikern der Umweltschutz an der Wasseroberfläche aufhört. Alles, was sie nicht sehen, existiert nicht,“ meint Dietmar Renn resignierend.

Denn selbst nach dem Einzug der Grünen in den Tiroler Landtag änderte sich nichts. Seine Ansuchen um finanzielle Unterstützung wurden abgelehnt. Renn habe nicht einsehen wollen, dass sein Projekt nicht förderungswürdig sei, sagt Pressesprecher Clemens Rosner vom Büro der amtierenden grünen Landeshauptmann-Stellvertreterin Ingrid Felipe. Deren Begründung lautete an Renn gerichtet: „Ihre Arbeit ist nur am Rande für den Naturschutz relevant und daher nicht förderungswürdig.“ Und ob man eigentlich wisse, wie viele Menschen ehrenamtlich Müll entsorgen und nicht gefördert würden, meint Rosner.

Noch immer rottet genug Müll auf dem Grund der bei Ausflüglern beliebten Tiroler Seen dahin, die Arbeit der Mülltaucher wäre wichtig. Renn hat sie aufgegeben. „Ich möchte nicht mehr betteln müssen, um etwas Gutes für die Umwelt zu tun. Wenn jemand Hilfe braucht, kann er sich an uns wenden. Aktiv werden wir uns nach den Schikanen nicht mehr um das Thema bemühen.
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