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Ausgabe Nr. 36/2022 vom 06.09.2022, Foto: malp - stock.adobe.com
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Wasserstoff.
Das grüne Gold
Wasserstoff soll mithelfen, unser Klima zu retten. Doch das farb- und geruchlose Gas macht uns auch abhängig von Ländern, die Menschenrechte mit Füßen treten. Klimaministerin Leonore Gewessler will nun die heimische Produktion ankurbeln.
Hinter der Abkürzung „H2“ verbirgt sich ein großer Klima-Hoffnungsträger. Wasserstoff könnte die fossilen Brennstoffe ablösen. Denn im Gegensatz zu Kohle, Öl und Gas verbrennt Wasserstoff fast abgasfrei. Er kann die Industrie umweltfreundlich mit Wärme versorgen und, in Strom umgewandelt, Elektromotoren antreiben.

Wasserstoff ist auf der Erde nahezu unbegrenzt vorhanden. Er kommt aber nur in gebundener Form vor, etwa in Wasser oder Erdgas. Er muss daher energieaufwendig gelöst werden. Umweltfreundlich, also „grün“, ist Wasserstoff erst dann, wenn dies durch erneuerbare Energien wie Wind- oder Sonnenkraft geschieht.
Für Klimaministerin Leonore Gewessler, 44, ist Wasserstoff wichtig für die Energiewende.

„Keine andere Alternative“
„Wir haben auch keine andere Alternative“, sagt sie in Anbetracht der Klimakrise und der Abhängigkeit von Russland. Kürzlich hat Gewessler daher die heimische Wasserstoff-Strategie vorgestellt. Bis 2030 sollen 80 Prozent des mit fossilem Strom hergestellten (grauen) Wasserstoffes durch grünen ersetzt werden. Grüner Wasserstoff soll mithelfen, in der Industrie fossiles Erdgas zu ersetzen. Eine halbe Milliarde Euro Förderungen für Wasserstoff sind vorgesehen.

Das Geld fließt sowohl in die Eigenerzeugung als auch in den Import.
Denn unseren Energiebedarf werden wir bei Wasserstoff trotz Eigenproduktion nicht ohne Importe decken können, erklärt Gewessler. Gleichzeitig mahnt sie, „nicht in die nächste Abhängigkeit zu schlittern“. Es brauche Partnerschaften mit mehreren Ländern. Gespräche gebe es etwa mit Tunesien oder den Vereinigten Arabischen Emiraten. Dass Menschenrechte dort mit Füßen getreten werden, wird in Kauf genommen.

Keine gute Figur in puncto Wasserstoff machte die ehemalige ÖVP-Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck, 52. Sie streckte ihre Fühler nach Wasserstoff aus und reiste nach Saudi Arabien. Der Staat auf der arabischen Halbinsel hat riesige Wüstenflächen, um mit Solaranlagen das „grüne Gold“ Wasserstoff herzustellen. Schramböcks Reise fand jedenfalls nur einen Tag nach der Hinrichtung von 81 Menschen statt. Das brachte ihr viel Kritik ein.

Gewesslers Wasserstoff-Strategie hält der Professor für Verfahrenstechnik der Montanuniversität Leoben (Stmk.), Markus Lehner, für „ambitioniert, aber machbar“.
Lehner erklärt, „Grüner Wasserstoff entsteht durch Elektrolyse. Das heißt, Wasser wird durch elektrischen Strom in Sauerstoff und Wasserstoff zerlegt. Der Strom muss dabei aus erneuerbaren Energien kommen. Unser Land hat zwar einen hohen Anteil daran (rund 80 Prozent), jedoch steigt auch der Strombedarf stark an.

Stromzwischenspeicherung durch Wasserstoff
Unser Strom soll bis 2030 zu hundert Prozent aus erneuerbarer Energie kommen, doch es würde sich ein weiterer großer Bedarf ergeben, um im großen Rahmen grünen Wasserstoff herzustellen.“ Deswegen sieht Gewesslers Plan auch mehr Ökostrom vor.
Wasserstoff wird hierzulande derzeit fast nur im Chemie- und Raffineriebereich gebraucht. Die Herstellung erfolgt wenig umweltfreundlich aus Erdgas durch „Dampfreformierung“. So entsteht „grauer“ Wasserstoff. „Eine solche Anlage gibt es in der Raffinerie Schwechat (NÖ), weil Wasserstoff auch bei der Benzin-Herstellung gebraucht wird.“

Künftig soll Wasserstoff auch durch Methan gewonnen werden. Diese Methode verbraucht ein Fünftel weniger Strom, steckt aber noch in den Kinderschuhen. „In vielleicht zehn Jahren sind wir so weit.“
Auch bei der Stromzwischenspeicherung wird Wasserstoff eine Rolle spielen. „Windräder und Solaranlagen produzieren nicht immer Strom, und große Energiemengen kann ich nicht in Batterien speichern. Wird zu viel Strom produziert, erzeuge ich daher Wasserstoff. Ist zu wenig Strom da, erzeuge ich daraus wieder Strom.“

Eine wesentliche Rolle kommt Wasserstoff in der Industrie zu. „In der Stahlerzeugung wird derzeit Kohle gebraucht. Darum wird auch so viel CO2 ausgestoßen.“ Künftig soll stattdessen Wasserstoff zum Einsatz kommen. Genau wie im Verkehrssektor, vordergründig im Schwerverkehr, in der Schifffahrt und im Flugverkehr.
Angst zu haben braucht aber niemand. „Wasserstoff ist nicht gefährlicher als andere brennbare Stoffe.“ Die 5,1 Millionen heimischen PKW mit Wasserstoff zu betreiben, würde allerdings keinen Sinn machen. Denn das wäre deutlich energieintensiver, als den Ökostrom direkt in die Batterien von Elektro-Autos zu speichern, betont der Verein Mobilität mit Zukunft (VCÖ).

Derzeit ist es jedenfalls noch recht teuer, grünen Wasserstoff herzustellen. Fossil hergestellter Wasserstoff kostet 4,5 Cent je Kilowattstunde in der Erzeugung, grüner Wasserstoff fast das Vierfache (16,5 Cent). „Wird aber in großen Mengen produziert, sinken auch die Kosten. Auch weil die Technologien effizienter werden.“

Wir bleiben Energieimportland
Ein Land, das künftig eine große Rolle beim Wasserstoff spielen soll, ist die Ukraine, sofern sie künftig noch als eigener Staat existiert. „Das Land ist wenig dicht besiedelt und hat daher gute Bedingungen für Wind- und Solarenergie, um so grünen Wasserstoff herzustellen.“ Über Gaspipelines soll er zu uns kommen. Er kann aber auch in Methanol oder Ammoniak umgewandelt und transportiert werden. Danach wird er wieder zu Strom gemacht oder in der Stahlerzeugung verwendet.

Lehner verweist auch darauf, „dass unser Land immer ein Energieimportland bleiben wird. Wir können nur rund die Hälfte unserer Energie selbst erzeugen, selbst wenn wir alle Potenziale ausnutzen.“ Denn die Voraussetzungen für erneuerbare Energien sind wegen der dichten Besiedelung und unserer Gebirge nicht ideal. Außerdem haben wir viel Industrie und Gewerbe. Sie verschlingen 45 Prozent unseres Stroms.

Wasserstoff kommt im Universum am häufigsten vor
  • Wasserstoff stellt rund 70 Prozent der Masse des Universums.
  • Hingegen bestehen „nur“ rund 0,88 Prozent der Erdkruste aus Wasserstoff. Jedoch ist der Wasservorrat unseres Planeten, aus dem Wasserstoff gewonnen werden kann, mit 1.386 Milliarden Kubikkilometern gigantisch.
  • In der EU wird der Wasserstoffverbrauch bis 2050 aufs Siebenfache, auf 2.250 Terrawattstunden, ansteigen. (Eine Terrawattstunde sind eine Milliarde Kilowattstunden).
  • Gleichzeitig kann Wasserstoff den Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) in der EU um 15 Prozent verringern.
  • Bis 2030 sollen hierzulande Wasserstoff-Anlagen mit einer Leistung von einem Gigawatt entstehen und damit vier Terrawattstunden Erdgas ersetzen.
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