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Ausgabe Nr. 36/2022 vom 06.09.2022, Foto: andranik123 - stock.adobe.com
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Industrie warnt vor Folgen der hohen Energiekosten.
Wieviel mehr Lohn können wir uns leisten?
Mitten in der größten Teuerungswelle seit Jahrzehnten beginnen am 19. September die Lohnverhandlungen. Sie werden heuer besonders schwierig.
Es ist ein Ritual, das jedes Jahr gleich abläuft. An einem Tag im September übergeben die Metaller ihre Lohnforderungen an die Arbeitgeber. Zum Zeremoniell gehört auch, dass die Gewerkschafter erst am Verhandlungstisch mit konkreten Prozent-Vorstellungen herausrücken.
Die werden heuer so hoch sein wie selten zuvor. Die Arbeitnehmer-Vertreter gehen von zumindest sechs bis sieben Prozent aus.

Die Metaller gelten als Lohn-Vorreiter
Was bei den Lohnverhandlungen für die Metallindustrie und ihre 200.000 Beschäftigten ab 19. September herauskommt, gilt als wegweisend für alle anderen Branchen.
Doch eine saftige Gehaltserhöhung könnte auch ihre Tücken haben. „Die Gefahr einer Lohn-Preis-Spirale ist real“, warnte etwa der deutsche Finanzminister Christian Lindner.
„Eine Lohn-Preis-Spirale passiert sehr selten, dann, wenn sich Löhne und Preise gegenseitig nach oben treiben. Die Unternehmen wollen die Gewinne stabil halten und die Arbeitnehmer die Kaufkraft, ihre Gehälter, schützen“, erklärt Jan Kluge, Volkswirtschafts-Experte des wirtschaftsnahen Forschungsinstitutes „Agenda Austria“.
„In den 80er Jahren hat das in der Folge der Ölpreiskrise dazu geführt, dass die Preise noch jahrelang stiegen, obwohl der Ölpreis nach dem anfänglichen Schock nicht weiter gestiegen war.“

Das Argument einer möglichen Lohn-Preis-Spirale dürfe aber nicht benutzt werden, „um zu fordern, dass die Gewerkschaften geringere Lohnerhöhungen verlangen“, sagt Jan Kluge. Das sei nicht Aufgabe der Gewerkschaft.
Andere Wirtschaftsforscher gehen ohnehin davon aus, dass diese Gefahr nicht droht. Womit wir allerdings rechnen müssen, sind Reallohnverluste. Durch die hohe Teuerungsrate wird die Kaufkraft der Gehälter allein heuer um vier bis sechs Prozent sinken.
„Das hängt auch mit der Lohnsetzung in unserem Land zusammen. Es wird immer die vergangene Inflation abgegolten, die aktuelle Teuerung wird dann erst in den nächsten Jahren verzögert wieder ausgeglichen“, weiß der Ökonom Alexander Huber vom gewerkschaftsnahen „Momentum Institut“.

Er befürchtet hingegen eine Preisspirale bei den Mieten. „Sie werden bei den sogenannten Richtwertmieten viel rascher an die Inflation angepasst, ebenso wenn es eine Wertsicherungsklausel gibt. Das treibt viel eher die Inflation an als die Löhne. Die jetzige Mieterhöhung bestimmt sozusagen die nächste schon wieder mit.“
Die Regierung müsste stärker als mit der angekündigten Strompreisbremse in den Markt eingreifen, etwa durch das Aussetzen der Mieterhöhungen, einer Mehrwertsteuersenkung bei Lebensmitteln oder einem Deckel für Gaspreise.

Industrie warnt vor Folgen der hohen Energiekosten
Auch die Industrie verlangt angesichts der enorm gestiegenen Energiekosten eine Finanzspritze. „Die Situation ist mehr als dramatisch“, sagte vor Kurzem Georg Knill, der Präsident der Industriellenvereinigung. „Vielen Unternehmen steht das Wasser bis zum Hals.“ Würde nicht rasch entgegengesteuert, „drohen Produktionsdrosselung und Arbeitslosigkeit in Österreich“. Angesichts dieser Voraussetzungen wird der Lohnherbst heuer wohl besonders heiß.

„Die Menschen, die unter der Inflation stöhnen, brauchen einen Ausgleich“
Rainer Wimmer, 67, ist der Chef der Produktionsgewerkschaft „Pro-Ge“. Sie vertritt neben den Beschäftigten der Metallindustrie etwa jene der Papier- und der Chemischen Industrie. Der gelernte Elektriker ist auch SPÖ-Abgeordneter.

Herr Wimmer, die Formel für Lohnverhandlungen lautet
Inflation plus Produktivitätssteigerung. Da wären wir heuer bei etwa zehn Prozent …
Über Prozente werde ich jetzt nicht reden. Tatsache ist, dass wir gute Voraussetzungen haben. Die Wirtschaftsdaten der vergangenen zwölf Monate waren gut. Wir gehen von einer Inflation zwischen sechs und sieben Prozent für diese Zeit aus. Ich kann versprechen, wir werden ganz sicher nicht unter dieser Inflationsrate abschließen.

Manche warnen vor einer Lohn-Preis-Spirale …
Das wird immer argumentiert, wenn wir in Lohnverhandlungen eintreten. Aber so lange ein Produktivitätszuwachs stattfindet und das ist auch heuer wieder geschehen, brauchen wir von der Lohn-Preis-Spirale gar nicht zu sprechen. Es war zuletzt immer wieder von den besten Ergebnissen aller Zeiten die Rede, ob das bei der Voest, Andritz oder anderen Unternehmen ist. Also, da geht was, die waren sehr erfolgreich. Die Menschen, die unter der Inflation stöhnen, brauchen einen Ausgleich, der heuer besonders sein muss.

Welche Rolle wird der Arbeitskräftemangel spielen?
Zurzeit haben wir fast Vollbeschäftigung. Das ist gut für die Arbeitnehmer, die Unternehmen werden sich bemühen müssen, dass sie Arbeitskräfte kriegen. Und die bekommen sie, wenn sie ihnen mehr zahlen. Das ist halt das freie Spiel der Kräfte zum jetzigen Zeitpunkt. Vor allem müssen die Unternehmen auch wieder Lehrlinge ausbilden. Schauen, dass mehr Menschen wieder motiviert sind, einen Lehrberuf zu ergreifen.

Gibt es eine zu hohe Akademisierung hierzulande?
Nein, Bildung ist enorm wichtig und ein Grundbestandteil der österreichischen Gesellschaftspolitik. Aber Fakt ist, wenn man sich am Markt umschaut und einen Soziologen sucht, dann hat man sofort fünf Bewerber. Wenn man aber einen Hausarbeiter sucht, der beispielsweise eine Ausbildung als Installateur hat, tut man sich schwer.

Brauchen wir einen Mindestlohn von 1.700 Euro brutto?
Der Mindestlohn in der Metallindustrie liegt bei rund 2.100 Euro. Aber gesellschaftspolitisch müssten in allen Branchen mindestens 1.700 Euro Lohn im Monat die unterste Latte sein.

Es gibt Forderungen die Sanktionen zu beenden, auch um die Teuerung zu senken …
Die Diskussion läuft natürlich und da gibt es unterschiedliche Zugänge. Aber es gibt keine Alternative zu den Sanktionen, wenn wir wissen, dass wir es mit einem unberechenbaren Autokraten zu tun haben. Und bevor der nicht wirtschaftlich in die Knie gezwungen wird, wird er weiterhin verrückt spielen und es werden weiterhin Menschen sterben.
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