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Ausgabe Nr. 35/2022 vom 30.08.2022, Foto: Judith M.Troelss
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Dietmar Janoschek bietet auf seinem Tandem
Mitfahrgelegenheit.
„Ich möchte wieder
den Wind spüren“
Radeln ist die große Leidenschaft von Dietmar Janoschek. In der Garage seines Einfamilienhauses in Traun (OÖ) steht auch das passende Sportgerät. Ein Zweisitzer-Tandem, das auf gemeinsame Ausfahrten wartet. Der 51jährige ist auf der Suche nach Menschen, die ihn begleiten, für ihn lenken und auf den Straßenverkehr achten. Denn Dietmar Janoschek ist blind.
Ich habe einen Schlag auf die rechte Schläfe bekommen und bin umgefallen“, erinnert sich Dietmar Janoschek an die Folgen seines Einschreitens, als er beobachtete, wie ein 18jähriger auf einen kleinen Buben einschlug. Aus eigener Kraft schaffte es der damals 13 Jahre alte Schüler noch nach Hause. „Kurz darauf bemerkte ich erste Sehstörungen. Auf der Hälfte vom rechten Auge zeichnete sich ein Schatten ab. Die Netzhaut hat sich abgelöst. Durch einen operativen Eingriff wurde sie wieder verschweißt“, berichtet der nunmehr 51jährige.

Doch es sollte noch schlimmer kommen. In weiterer Folge bildete sich ein Glaukom, besser bekannt als „Grüner Star“, der auch auf das linke Auge übergriff. Zahlreiche Laser- und Medikamentenbehandlungen folgten und scheiterten. Sein Sehvermögen verschlechterte sich stetig. „Im Sommer des Jahres 1991 konnte ich noch mit meinem Moped fahren, ein Jahr später bin ich mit dem Blindenstock gegangen“, erzählt Janoschek vom rapiden Verfall. Konnte er anfangs zumindest noch Konturen erkennen, später noch hell und dunkel unterscheiden, so musste er schließlich damit fertig werden, dass es für ihn immer schwärzer wurde und er überhaupt nichts mehr sah – dann war es vorbei. In seinem 22. Lebensjahr ist er vollkommen erblindet.

Auf Reha in Linz (OÖ) die große Liebe kennengelernt

„Bis zum letzten Tag wollte ich es nicht wahrhaben. Blindenschleifen und -stock habe ich verweigert. Ich wollte nicht gekennzeichnet sein als behinderter Mensch. Ich bin oft gegen Verkehrszeichen geknallt und habe mir Hautläsionen zugezogen“, gesteht Janoschek. Er befürchtete, dass der Verlust des Augenlichtes sein Leben dunkler machen würde. Und so war es auch. Neben seinen Hobbys, dem Billard, Minigolf, Tischtennis, der Fotografie und dem Radfahren, verlor er auch seine damalige Beziehung und seine Freunde. „Es war für mich schlimm, meine Behinderung zu akzeptieren und seelisch zu verkraften.“

Das Schicksal hatte den gebürtigen Wiener zwar gebeugt, brechen konnte es ihn aber nicht. In der darauffolgenden Rehabilitation in einem Reha-Zentrum in Linz lernte er, nebst Blindenschrift und allen Hilfsmitteln für das tägliche Leben, seine ebenfalls erblindete Lebensgefährtin Elfi kennen und lieben. Gemeinsam übersiedelten die beiden nach Oberösterreich und bauten ein Haus.

Mit dem privaten Glück kam auch das berufliche. Im Jahr 1998 begann er bei der Landwirtschaftskammer OÖ, war dort mehr als zehn Jahre Projektleiter für barrierefreies Bauen und engagierte sich als Behindertenvertrauensperson. Im Jahr 2012 legte Dietmar Janoschek als erster und bis jetzt einziger blinder Mensch am Landesgericht Linz seine Prüfung als „Allgemein beeideter und gerichtlich zertifizierter Sachverständiger für Hochbau und Architektur, Fachgebiet barrierefrei Bauen und Gestalten“ mit Auszeichnung ab.

Alles schien einen guten Weg zu nehmen. Bis zu dem Tag, als Janoscheks große Liebe nach 26 gemeinsamen Jahren plötzlich aus dem Leben gerissen wurde. Elfi verstarb an einem Herzinfarkt. „Mir hat es den Boden unter den Füßen weggezogen und ich fiel in ein tiefes Loch. Eineinhalb Jahre lang habe ich mich zurück ins Leben gekämpft“, berichtet der sympathische Trauner von seinem weiteren Schicksalsschlag. Aber er hat es geschafft. Der 51jährige arbeitet wieder als Gerichtsgutachter und unterrichtet in der Kinder- und Erwachsenenbildung.

„Ich führe mein Leben selbstständig, nur Rad fahren kann ich nicht allein“

Mit positivem Blick in die Zukunft möchte Dietmar Janoschek auch seine Freizeit ein wenig auffrischen. Er würde liebend gerne öfter Radtouren unternehmen und sucht dafür Begleitpersonen. „Leider gibt es Berührungsängste im Umgang mit blinden Menschen. Viele denken, ein Blinder müsse ständig betreut werden.“

Vor drei Jahren hat er sich ein Tandemrad um 12.000 Euro zugelegt, das genau auf seine Bedürfnisse abgestimmt ist. Noch keine zehn Mal ist er damit gefahren. Auf seiner längsten Strecke hat Janoschek beachtliche 50 Kilometer zurückgelegt. „Auf diesem Rad sind die Sitze nebeneinander. Mein Lenker lässt sich nicht bewegen und hat auch keine Bremsen. Dies ist dem Sehenden vorbehalten. Beide Seiten können unabhängig voneinander eine Gangschaltung verwenden und das Rad verfügt auch über Elektrounterstützung“, erklärt er die Besonderheiten. „Ich bin ein Mensch wie jeder andere auch. Ich habe meinen Beruf und kann selbstständig mein Leben führen. Ich kann nur nicht alleine Rad fahren“, erklärt der begeisterte Pedalritter den Grund seines Aufrufes.

Derzeit gibt es rund ums Zuhause von Janoschek mehr Radwege wie Begleitpersonen. „Ich möchte wieder den Wind spüren, die Natur riechen und die Welt hören. Ich würde mich freuen, wenn sich viele Menschen melden und
mit mir die eine oder andere Tandemrunde drehen möchten.“ Kontakt-Tel.: 0699/14132345, www.janoschek.co.at.
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