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Ausgabe Nr. 31/2022 vom 02.08.2022, Foto: Wimmer/zVg
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Stefan Wimmer ist neunfacher Europameister
im Barfußwasserschi.
Der übers Wasser schwebt
Er braucht weder Brettl noch Bindung, auf seinen bloßen Füßen sauste das Barfußwasserschi-Ass Stefan Wimmer, 31, bereits zu neun EM-Titeln. Doch Vorsicht, bei 60 km/h ohne Schuhe auf den Wellen kann das kleinste überfahrene Hölzchen im Wasser zum Knochenbrecher werden.
Wenn er ein Tier sein könnte, wäre er am liebsten ein Wasserläufer, sagt Stefan Wimmer, 31. Außerdem hat der Amstettner (NÖ) eine Vorliebe für Superhelden mit besonderen Kräften. „Als kleiner Bub liebte ich Spider-Man, heute ist Thor meine Lieblingsfigur, der Gott des Donners“, verrät Wimmer schmunzelnd.

Doch nicht einmal Thor kann so übers Wasser laufen wie Wimmer – obwohl „laufen“ eigentlich nicht ganz stimmt. Wimmer ist Barfußwasserschifahrer und gleitet ohne Schi über die Wellen, mit bloßen Füßen, gezogen von einem Motorboot. „Viele Menschen fragen sich wie das physikalisch überhaupt möglich ist, ohne unterzugehen“, erzählt er. „Der Trick ist das hohe Tempo. Einen Erwachsenen musst du mit dem Motorboot mindestens 60 km/h schnell ziehen.“ Was auch erklärt, warum nur ein paar dutzend Sportler landesweit diese ungewöhnliche Disziplin ausüben. Wie soll etwas von Anfängern erlernt werden, das erst bei einem höllischen Tempo von 60 km/h möglich ist?

Neun Titel und zwei Hüftoperationen
„So schlimm ist es gar nicht“, lacht Wimmer, der von Beruf Lehrer für Sport und Textiles Werken an der Sportmittelschule Amstetten ist. „Ich habe sogar schon etlichen Kindern das Barfuß-Fahren beigebracht.“ Ihm selbst allerdings reicht das reine Geradeausfahren schon lange nicht mehr. Stattdessen reihte sich der Niederösterreicher in den drei hochspezialisierten Teildisziplinen des Barfußwasserschi schon oft unter der absolute Top-Elite Europas ein. So muss Wimmer bei Wettkämpfen wie dem internationalen Bewerb im niederländischen Maurik nächste Woche in der Teildisziplin Slalom möglichst oft die Bugwelle des eigenen Zugbootes kreuzen. Beim Springen wird er über eine Holzschanze im See gezogen und soll bis zu 25 Meter weit „fliegen“ und im Figurenfahren Tricks wie Drehungen, Einbeinfahren oder am Po dahingleiten miteinander kombinieren.

„Das Springen auf den Wellen ist eine ganz eigenen Erfahrung, dabei fühle ich mich wie der Schlierenzauer des Wassers“, schildert der Wasserflitzer. „Das Figurenfahren wiederum ist eine fast künstlerische Herausforderung.“ Neun Europameistertitel hat er dabei schon in verschiedenen Kategorien erobert und es wären noch einige mehr geworden, hätten ihn nicht zwei Hüftoperationen mehrere Jahre seiner Karriere gekostet.

Beton bei 72 Stundenkilometer
Wer mit rund 72 km/h auf bloßen Füßen übers Wasser saust und stürzt, fühlt die Wellen so hart wie Beton auf seinen Körper aufschlagen, deswegen trägt Wimmer stets einen speziellen Neoprenanzug. „Der ist an allen empfindlichen Stellen dick gepolstert“, verrät er. Beim Warmfahren des Motorbootes sucht er auch stets penibel das Wasser nach Verschmutzungen ab. „Das kleinste Hölzchen kann bei diesem Tempo Knochen brechen oder die Haut aufreißen. Einem Weltmeister, der einmal einen toten Fisch überfuhr, mussten daraufhin im Spital die Gräten des Tieres aus dem Fuß operiert werden.“

Für Wimmer ist die Barfuß-Welt inzwischen zur Lebensphilosophie geworden. „Ohne Schuhe und Schi auf dem Wasser dahinzugleiten fühlt sich an wie durch eine Art Pulver zu pflügen. Aber auch an Land lasse ich meine Zehen am liebsten an die frische Luft. Ich liebe den direkten Kontakt mit der Erde und ohne Schuhe zu gehen trainiert die Füße und schützt sie vor Fehlstellungen“, erklärt der 31jährige, der mit 15 Jahren aufs Wasser ging und später einige Zeit in den USA verbrachte, um sein sportliches Niveau im Trainig mit den Weltbesten zu optimieren.

Heute ist der Mann von Ehefrau Karin und Vater der 14 Monate alten Tochter Enola bescheidener. „Ich gebe gerne mein Können an die Jugend oder andere Sportler weiter“, sagt er. Das „Barfuß-Gen“ in der Wimmer‘schen Familie, die auch ein Wassersportzentrum am Wallsee betreibt, ist tief verankert. Auch sein Vater Georg, ein mehrfacher Staatsmeister, und sein Bruder Georg junior sausen gerne barfuß übers Wasser. Wimmer will sein Töchterchen nicht dazu drängen, die „Superhelden-Tradition“ auf dem Wasser weiterzuführen. „Sport ist wichtig und wird von mir gefördert“, erklärt er. „Jedes Kind soll selbst aussuchen, welchen Sport es ausüben möchte.“
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