Jetzt anmelden
Ausgabe Nr. 31/2022 vom 02.08.2022, Foto: Chris Pizzello / AP / picturedesk.com
Artikel-Bild
Dustin Hoffman wurde am 8. August 1937 in Los Angeles (USA) geboren. Er wollte ursprünglich Pianist werden, brach jedoch die Ausbildung ab und ging auf die Schauspielschule in Pasadena, nahe Los Angeles.

Berühmt wurde Hoffman durch das Drama „Die Reifeprüfung“ im Jahr 1967. Weitere Höhepunkte folgten unter anderem mit „Asphalt-Cowboy“, „Kramer gegen Kramer“ und „Rain Man“. Seit 1980 ist er in zweiter Ehe mit der Anwältin Lisa Gottsegen verheiratet und hat mit ihr vier Kinder. Aus erster Ehe hat er zwei Kinder.
„Ich war immer ein Außenseiter“
Als einen „Unfall“ bezeichnet der amerikanische Schauspieler Dustin Hoffman seine außergewöhnliche Karriere. Sie begann mit „Die Reifeprüfung“ im Jahr 1967 und dauert seitdem an. Am Montag, dem 8. August, feiert der Darsteller seinen 85. Geburtstag. Dass er, der Außenseiter, es so weit gebracht hat, hätte er selbst nicht geglaubt.
Herr Hoffman, Sie sind berühmt dafür, Außenseiter darzustellen. Wie zum Beispiel in „Rain Man“, wo Sie einen Mann verkörpern, der Autist ist. Dafür wurden Sie mit einem „Oscar“ ausgezeichnet. Warum spielen Sie so gerne Außenseiter?
Weil ich selber einer bin. Ich habe mich immer als ein Außenseiter gefühlt. Als jemand an der Peripherie, der von außen nach innen schaut. Seit meiner Jugend.

Dustin Hoffman, der berühmte Schauspieler, am Rande Hollywoods und nicht mittendrin?
In der Schule habe ich nie zur beliebten Gruppe gehört. Das schleppte ich lange mit mir herum. Mein Erfolg war mir aufgedrängt. Ich habe ihn nie anders als einen außergewöhnlichen Unfall betrachtet, weil er nach Jahren der Arbeitslosigkeit gleich mit dem ersten Film („Die Reifeprüfung“, 1967) kam, ich aber in die Schauspielerei ohne den Gedanken an Ruhm und Reichtum gegangen bin. Mir fällt es noch immer schwer, zu den „Oscar“-Verleihungen und anderen Festveranstaltungen zu gehen und dort Teil der illustren Gesellschaft zu sein. Meine Frau kann ein Lied davon singen, wieviel Überwindung mich das jedes Mal kostet.

Und wie überwinden Sie sich?
Mit Tequila. Ein paar Schlucke davon beruhigen meine Nerven und machen aus mir einen freundlichen Mann, besonders Reportern gegenüber.

Und bei den berühmten Partys nach den Preisverleihungen?
Dort gehe ich nie hin. Ich begebe mich stattdessen voll in Schale geschmissen zu einem Imbiss und esse mit Genuss meinen Hamburger in der Limousine während der Heimfahrt.

Mit diesem Verhalten könnten Sie wohl manchem Psychotherapeuten Freude bereiten …
Meiner hatte sie.

Sie waren in Therapie?
Mit Unterbrechungen mein gesamtes Berufsleben lang. Das erste Mal saß ich auf dem Sofa, als ich jahrelang ein arbeitsloser Schauspieler war.

Haben die Sitzungen geholfen?
Ich glaube, ohne sie wäre ich mit meinen Fehlschlägen nicht fertig geworden.

So schlimm können die ja wohl nicht gewesen sein?
Auf jeden Fall. Der Erfolg mit dem Film „Die Reifeprüfung“ kam nach zwölf Jahren ohne Arbeit. Diese Jahre waren ein einziger Fehlschlag. Ich versuchte das stets zu leugnen und war wieder ein weiteres Jahr ohne Arbeit. Danach nahm ich eine Nebenrolle an. Ich glaube, nicht viele Menschen nehmen eine Nebenrolle als nächste Arbeit an, nachdem sie zum „Star“ gemacht wurden. Nein, ich fühlte mich als Versager und miserabel.

Hat Sie der Erfolg schließlich glücklicher gemacht?
Nein. Wenn du berühmt wirst, lernst du eines schnell: Es entmystifiziert einen Mythos, weil es nichts ändert. Mein Therapeut hat mich zu Beginn meiner Analysen gefragt, was ich eigentlich wolle. Ich habe ihm gesagt: „Ich würde gern für den Rest meines Lebens Arbeit haben. Ich möchte eine wunderbare Ehe führen und genug Geld besitzen, um mir ein angenehmes Zuhause in New York kaufen zu können.“ Aber als ich all das dann später hatte, hat sich trotzdem nichts geändert.

Ihre erste Ehe ging zwar nach elf Jahren in die Brüche, aber Ihr Wunsch nach Arbeit wurde erfüllt …
Von einer ziemlichen Krise abgesehen. Ich habe mehr als drei Jahre lang nicht gearbeitet, und das wegen meiner Arbeit. Ich fühlte mich plötzlich wie gelähmt. Dieses Gefühl begann just in dem Augenblick, als ich von der amerikanischen Filmindustrie für mein Lebenswerk ausgezeichnet wurde. Ich betrat im Smoking den Saal voller Menschen, aber ich sah plötzlich nichts anderes als Wände voller Fotos von jeder Rolle, die ich je gespielt hatte. Und das machte mich kaputt. Ich habe mich oft gefragt, was das eigentlich ist, wenn Menschen von einer Panikattacke sprechen. An diesem Abend fuhr ich nach Hause, zog meinen Smoking aus und hatte eine Panikattacke. Es war schrecklich.

Gehört Mut dazu, sich nach so einem Erlebnis wieder aufzurappeln und weiterzumachen?
Nerven und Willensstärke – ja. Aber Mut? Ich will erklären, was Mut ist: Unser Sohn Jake kam einen Monat zu früh zur Welt. Die Plazenta meiner Frau Lisa hatte sich vom Uterus gelöst. Sie drohte zu verbluten. Wie uns später gesagt wurde, ging es damals um zwölf Minuten. Dann wäre Lisa gestorben und mit ihr auch Jake. Auf der Trage auf dem Weg zum Operationssaal sagte Lisa zum Arzt: „Wenn Sie eine Wahl treffen müssen, retten Sie das Baby.“ Ich kenne nichts Mutigeres. Ein Mann in dieser Situation würde sagen: „Es muss einen Weg geben, uns beide zu retten.“ Männer würden verhandeln.

Stimmt es, dass Sie in jungen Jahren hinter den Frauen her waren?
Da war ich Anfang dreißig und hatte plötzlich durch einige aufeinanderfolgende Filmerfolge einen großen Namen. Es war wie ein Befreiungsschlag. Davor war ich schüchtern, verstand es nicht, mit Frauen zu flirten. Ich trug eine Brille und habe eine Nase, die ich damals am liebsten versteckt hätte. Mir gelang nichts. In der Familie war ich der Versager, mein Bruder mit seinen guten Noten und als Kapitän der Football-Mannschaft der Held. Ich war voller Minderwertigkeitsprobleme. Und plötzlich standen die Frauen auf meiner Matte. Wir haben uns eingeraucht, tranken, was das Zeug hielt, und hatten Gelegenheitssex.

Was hat sich seither geändert?
Ich führe eine glücklich zweite Ehe und bin sechsfacher Vater. Ohne meine Kinder wäre ich heute sicher ein brummiger Kerl.

Ihre sechs Kinder aus zwei Ehen sind längst alle ausgeflogen …
Das Nest ist leer und still geworden, abgesehen von den Familientreffen, wenn alle zusammenkommen, Enkel inklusive. Dann bricht das Chaos aus.

Macht Ihnen das Alter zu schaffen?
Meine Frau würde sagen, dass ich seit dem Tag, an dem sie mich kennenlernte, darüber klage, alt zu werden. Ich danke heute Gott dafür, dass ich noch im-mer Akne habe, weil sie Hand in Hand mit hohem Testosteronspiegel geht. Ich habe meine Akne immer gehasst. Jetzt begrüße ich die Pickel.
Weitere Inhalte dieser Ausgabe:
Ihre Meinung
Ihre Meinung ist uns wichtig.

Schreiben Sie Ihren Kommentar zu diesem Artikel, den wir dann prüfen und veröffentlichen werden.
Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu verfassen.
Werbung