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Ausgabe Nr. 30/2022 vom 26.07.2022, Foto: Andreas Zeppelzauer
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Willibald Sommeregger ist ein Tierarzt aus Leidenschaft.
Bald kein Doktor mehr für das liebe Vieh
Zu viele Nutztiere, zu wenige Tierärzte – wenn sich am Land ein Veterinär zur Ruhe setzt, kann schnell eine Versorgungslücke entstehen. Ein Problem, mit dem auch die südoststeirische Marktgemeinde Jagerberg konfrontiert ist. Dort wird dringend ein Nutztierpraktiker gesucht.
Einem Tiermediziner das Landleben schmackhaft zu machen, scheint gar nicht so einfach. „Ich suche schon seit knapp vier Jahren einen Nachfolger“, bestätigt Mag. Willibald Sommeregger. Der geborene Kärntner betreibt seit 30 Jahren eine gut gehende Landtierarztpraxis in der idyllischen Marktgemeinde Jagerberg (Stmk.). Dabei könnte er mit seinen 67 Jahren eigentlich schon längst die wohlverdiente Pension genießen. „Ich arbeite jetzt nur noch dreieinhalb Tage pro Woche“, sagt Sommeregger.

Seine Praxis im Ort hat er mittlerweile aufgegeben, aber für „seine Leute“ ist er immer noch da. Ein Segen für die Rinder- und Schweinebauern der Umgebung, denn in ein paar Jahren wird es nur noch einen einzigen Nutztierarzt in der Region geben. „Mein Nachbarkollege geht in vier Jahren in Pension, die anderen Kollegen rundum sind auch nur noch ein paar Jahre von der Pension entfernt“, bestätigt der Veterinär.

Enorme Arbeitszeiten, keine Zeit für die Familie
Die tierärztliche Unterversorgung im ländlichen Bereich wird bei der Österreichischen Tierärztekammer (ÖTK) mit Besorgnis gesehen. Eine von der Kammer in Auftrag gegebene Studie zeigt, dass zukünftig ein Tierärztemangel im Nutztierbereich droht. „Bereits jetzt gibt es regionale Probleme bei der flächendeckenden tierärztlichen Versorgung“, erklärt Tierärztekammer-Präsident Mag. Kurt Frühwirth. In manchen Regionen ist kein Veterinär mehr für Wochenenden, Nachtdienste oder Notfälle verfügbar. Im Burgenland gibt es etwa nur noch einen einzigen Nutztierpraktiker für das ganze Bundesland.

Im Salzburger Lungau ist die Situation ebenfalls nicht rosig. Neben der anstehenden Pensionierungswelle der sogenannten „Babyboomer“-Generation, sind es vor allem die Arbeitszeiten, die angehende Tierärzte davon abhalten, sich mit den großen Tieren zu beschäftigen. Viele Absolventen der Vetmeduni streben stattdessen ein Angestelltenverhältnis in einer Kleintierpraxis an.
Die Arbeitsbedingungen auf dem Land sind oft unattraktiv, die Arbeit eines Nutztierpraktikers eine „Knochenarbeit“. Willibald Sommeregger weiß das genau. „Als Landtierarzt für Groß- und Nutztiere solltest du immer erreichbar sein, weil die Geburten bei Rindern meistens in der Nacht stattfinden“, erzählt er aus der Praxis. Heute wolle aber keiner mehr Nacht- und Wochenenddienste machen, so der 67jährige „Ich muss ehrlich sagen, davon habe ich gut gelebt, dass sich die Bauern auf mich verlassen konnten, auch in der Nacht.“

Lange Studienzeiten bis zum Traumberuf
In seinen Anfängen hatte er oft 20 bis 30 Visiten pro Tag, das ist in den vergangenen Jahren aber weniger geworden, einfach weil die Betriebe größer geworden sind. Familienfreundlich ist die Arbeit trotzdem nicht. Seinen eigenen Kindern hat Sommeregger den Beruf „gleich einmal ausgeredet. In der Früh ist keiner mehr da und am Abend, wenn die Kinder von der Schule zu Hause waren, musste ich oft wieder losfahren.“ Dass er die beiden – Sohn Jakob ist mittlerweile 20, Tochter Flora 26 – alleine großgezogen hat, erwähnt er so nebenbei. Es sei eine harte Bandage gewesen, trotz Hilfe in der Praxis und zu Hause.

Dass der Beruf schwierig mit der Familie zu vereinbaren ist, hält junge Menschen nicht vom Studium ab. Jedes Jahr gibt es etwa 1.300 Bewerber für einen der verfügbaren 223 Studienplätze auf der Vetmeduni in Wien. Berufseinsteiger bekommen monatlich zwischen 2.600–2.800 Euro. Insgesamt zwölf Semester, also sechs Jahre, beträgt die Regelstudienzeit beim Diplomstudium Veterinärmedizin. „Ich habe 16 Semester gebraucht“, sagt Sommeregger und lacht.
„So üppig hatten es meine Eltern nicht, da musste ich neben dem Studium arbeiten.“ Aus einer Arbeiterfamilie stammend, hat er ursprünglich eine Schlosserlehre gemacht.

Von Kaiserschnitten und zartbesaiteten Bauern
„Mein Ausbildner meinte aber damals, ich sollte lieber weiter eine Schule besuchen. Da habe ich dann die HTL-Matura gemacht“, so Sommeregger. Mit der Aussicht auf eine „langweilige Arbeit im Büro“ stand sein Entschluss, Tierarzt zu werden, schnell fest. Dass es ihn letztendlich nach Jagerberg verschlagen hat, hätte sich einfach ergeben, sagt der Tiermediziner. „Ich bekam zuerst eine Stelle als Assistenztierarzt in St. Stephan (Stmk.) und konnte knapp vier Jahre später die Praxis in Jagerberg übernehmen. An meine Anfänge als Assistent kann ich mich noch gut erinnern“, sagt Sommeregger. Auch an seinen ersten Kaiserschnitt.

„Das ist nicht jedermanns Sache. Die Kuh wird sediert und dann brauchst du einen Haufen Menschen, um das Tier auf die richtige Seite zu schmeißen. Da spritzt dann auch schon einmal Blut.“ Dass so eine Prozedur den stärksten Bauern umhauen kann, hat er dabei öfter erlebt. Zu seinen Aufgaben als Landtierarzt gehört auch die Fleischbeschau in den Schlachthöfen. Eine Arbeit, die für die Rinder- und Schweinebauern enorm wichtig ist.
Auf dem Weg dorthin erzählt er, dass ihm die Arbeit am Schlachthof früher weniger ausgemacht hätte. „Heute kommt mir das schon hart an“, sagt er in seinem Kärntner Dialekt. Den mögen anscheinend auch die Schweinderln, die ihn bei einem kurzen Abstecher zu einem Direktvermarkter freudig begrüßen.

Tierarzt werden – Ausbildung und Beruf
  • Die Veterinärmedizinische Universität in Wien (Vetmeduni) wurde 1765 von Kaiserin Maria Theresia gegründet. Sie ist die einzige veterinärmedizinische Bildungs- und Forschungsstätte in unserem Land.
  • Aktuell gibt es 2.444 Studierende, rund vier Fünftel davon sind Frauen.
  • Derzeit sind 3.069 versorgungsrelevante Tierärzte in unserem Land tätig. Der Beruf ist frauendominiert. In den nächsten
  • 15 Jahren wird der Frauenanteil von derzeit 60 sogar auf 78 Prozent steigen.
  • Etwa ein Drittel der Veterinärmediziner arbeitet in Nutztier- und Gemischtpraxen. Nutztierärzte kümmern sich hauptsächlich um Rinder und Schweine.
  • Viele Landtierärzte gehen in den nächsten fünf Jahren in Pension. Bei den derzeit 700 reinen Nutztierpraktikern bedeutet das eine Lücke von rund 95 bis 120 Stellen bis 2027. Bis zum Jahr 2037 würden laut einer Studie der Tierärztekammer 255 bis 300 Nutztierärzte fehlen.
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