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Ausgabe Nr. 28/2022 vom 12.07.2022, Foto: Jeffrey Groeneweg / ANP / picturedesk.com
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Beim Öl sind wir nun von Kasachstan und Libyen abhängig.
Im Würgegriff
Software und Patente aus den USA. Batterien, Solarzellen, Mikrochips und seltene Erden aus China und Taiwan. Unsere Abhängigkeiten sind mannigfaltig. Wir können in Wahrheit nicht einmal mehr unseren Lebensmittelbedarf selbst abdecken. Das sind die Folgen des Freihandels.
Die derzeitigen Krisen verdeutlichen unsere Abhängigkeiten. Freilich lässt das auch die Preise steigen. „Unser Land täte gut daran, seine Importe bei wichtigen Rohstoffen und Vorprodukten auf den Prüfstand zu stellen. Gemeinsam mit der EU sollte ein Notfallplan aufgestellt werden“, fordert Sophie Achleitner, Ökonomin des Momentum Institutes.
„Für manches lassen sich eigene Produktionen aufbauen, für Energie etwa Windräder und Photovoltaik statt fossilem Gas und Öl. In anderen Fällen können alternative Bezugsquellen erschlossen werden. Mithelfen kann auch ein sorgsamerer Umgang mit Metallen und seltenen Erden mittels Wiederverwertung (‚Recycling‘), bei Energie auch einfach Energiesparen“, sagt Achleitner. Das beste Beispiel für Abhängigkeit ist die Gasversorgung, die seit dem Ausbruch des Ukraine-Krieges augenscheinlich wurde. „Auch Erdöl bezogen wir 2021 zu fast acht Prozent aus Russland. Derzeit fließt aber kaum mehr Öl von dort, weil begonnen wurde, sich nach anderen Handelspartnern umzusehen.“

Unser Öl kommt aus dem Russlandtreuen Kasachstan
Doch auch andere Lieferanten sind nicht unbedenklich. „Unser wichtigster Öl-Lieferant ist Kasachstan. Aus dem Russland-treuen Staat in Asien stammten im Vorjahr knapp 39 Prozent der Öleinfuhren. Öl fließt über russisches Territorium nach Europa. „Insofern könnte uns Russland bei einer Eskalation der Beziehungen den Ölhahn zudrehen.“
Zweitwichtigster Öl-Lieferant ist für uns derzeit Libyen (22 Prozent), gefolgt vom Irak (21 Prozent). „Öl können wir zwar am Markt auch anderswo bekommen, allerdings lässt jeder Krieg in einem ölproduzierenden Land die Preise entsprechend steigen.“

Ein aufstrebender Markt bildet sich in den USA, von dort kommt teures Fracking-Erdöl und -Erdgas. Billigeres Öl aus Venezuela bleibt uns dagegen verwehrt, weil die USA und in deren Sog auch die EU das Land mit Sanktionen belegt hat.
Auch bei Agrarprodukten sind wir abhängig. „Vor allem Getreide, bestimmte Fleischarten, Eier, Butter, Obst und Gemüse werden vielfach importiert, da wir unseren eigenen Bedarf nicht decken können. Fleisch kommt vor allem aus der EU. Bei Getreide gäbe es zwar Beziehungen mit der Ukraine und Russland, sie sind aber kaum relevant (0,3 % und 0,1 %). Vor allem Ungarn (34 %) und Tschechien (20 %) sind unsere Hauptimportländer für Getreide.“

Fehlender Dünger aus Russland als Preistreiber
Achleitner ist überzeugt, „Mit etwas Vorlauf könnten wir unsere Landwirtschaft im Notfall auf Grundnahrungsmittel wie Weizen umstellen.“ Vor einer unmittelbaren Hungerkrise müsse sich daher niemand fürchten. „Dennoch verteuern sich derzeit fast alle Nahrungsmittel, weil Dünger aus Russland fehlt. Das Land ist einer der größten Produzenten weltweit.“
Auch die Abhängigkeit von Amerika ist immens. „Mit einem Importvolumen von 5,7 Milliarden Euro (2021) sind die USA nach China der zweitwichtigste Importmarkt außerhalb Europas.“
Der Großteil aller US-Importe (80 Prozent) entfällt auf den Hochtechnologie-Sektor. So freuen sich bei uns die vergleichsweise teuren Mobiltelefone und Computer von „Apple“ großer Beliebtheit. Sowohl die Betriebssysteme als auch die Lizenzen und Gewinne aus den Soft- und Hardwareverkäufen kommen fast gänzlich aus und von Firmen mit Sitz in den USA.

Vor allem, weil im asiatischen Raum die Arbeitskräfte günstiger sind, wird dort die Elektronik im Auftrag der Konzerne zusammengebaut. „Hier kommen China und Vietnam als wichtige Importländer ins Spiel.“
Die Pandemie hat hier bereits für erhebliche Störungen im Welthandel und gerade in der Autoindustrie, die auf Mikrochips und Halbleiter angewiesen ist, gesorgt. Und die Situation könnte sich noch verschlimmern. „Das Verhältnis zwischen Taiwan und China ist belastet, weil China Taiwan als sein Territorium ansieht.“ Ein Krieg ist nicht ausgeschlossen und könnte für einen weltweiten Mangel an Mikrochips sorgen. Betroffen wären Autos, Computer, Tablets, Grafikkarten und noch mehr.

EU-Förderungen sollen Abhängigkeiten verringern
Zumindest diese Gefahr hat die EU erkannt. „Sie vergibt hohe Förderungen für den Aufbau von Werken für Mikrochips innerhalb der europäischen Grenzen, damit die Produktion heimisch wird und wir weniger von Importen abhängig sind. Dieser Prozess dauert jedoch länger, denn alleine der Bau einer solchen Fabrik benötigt mindestens zwei Jahre.“
Aus China importiert die EU vorwiegend Halbfertig- und Fertigprodukte. Die Abhängigkeit ist immens.
„Kritisch wird es bei den seltenen Erden, bei denen die EU fast vollständig (98 %) von China abhängig ist. Deren Förderungen stehen als Rohstoffe am Anfang der Wertschöpfungskette. Fehlen sie, können E-Autos, Roboter, Elektromotoren und so weiter gar nicht oder nicht effizient gebaut werden.“ Seltene Erden sind auch in unseren Breiten vorhanden. Allerdings ist der Abbau in China viel günstiger, weil dort die Arbeitskräfte deutlich weniger kosten und die Umweltauflagen niedriger sind als bei uns.

Der Krieg, die Sanktionen und Handelsstreitigkeiten, der Wertverfall des Euro und die damit einhergehenden höheren Rohstoffpreise sind zwar für den Einzelnen eine große Belastung, aber sie werden uns auch zu einem sparsameren Umgang mit den Rohstoffen zwingen. Wir könnten in unserem Land durch konsequenteres Recycling unseren Bedarf deutlich verringern. Aus alten Handys lassen sich Metalle und seltene Erden zurückgewinnen. Das würde auch die Ausbeutung der Natur verlangsamen.

Pro Person importieren wir 11.000 Kilo jedes Jahr
  • Rund 98.000 Millionen Kilo an Gütern importieren wir jährlich.
  • Das Meiste, 33 Prozent davon, sind Rohstoffe wie Kohle, Erdöl und Gas.
  • 30 Prozent sind Biomasse. Das sind Lebensmittel, Futtermittel und Holz.
  • Um € 177.900 Millionen hat unser Land 2021 im Ausland eingekauft und um € 165.500 Millionen Leistungen verkauft.
  • Unser größter Handelspartner ist Deutschland. 2021 haben wir von unseren Nachbarn Waren im Wert von € 87.000 Millionen importiert.
  • Aus China waren es Waren im Wert von € 13.000 Millionen, aus Italien um € 11.500 Mill.
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