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Ausgabe Nr. 24/2022 vom 13.06.2022, Fotos: All Mauritius, AdobeStock(2), Freepik(11)
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Vom Wolf zum Wuffi: Die mehr als 800 Hunderassen haben mit ihrem Urahn nicht mehr allzu viel gemein.
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Die Zeittafel der Domestikation
Vom Wildtier zum Stubenhocker
Vor ungefähr 30.000 Jahren führten alle Tiere ein wildes und freies Leben. Heute hingegen dominieren Haus- und Nutztiere, die bereits fünfzehn Mal mehr Gewicht auf die Waage bringen als sämtliche wild lebenden Säugetiere auf diesem Planeten.
Wer einen Chihuahua, eine Bulldogge, einen Dackel oder einen Windhund anschaut, erkennt kaum noch die Wolfsherkunft darin.
„Der Mensch veränderte die Tiere eben gemäß seinen Vorstellungen und Vorlieben, wodurch die Nachkommen des Wolfes immer zahmer und häuslicher wurden“, erklärt der Schweizer Entwicklungsbiologe Marcelo Sánchez-Villagra. Domestikation (lateinisch „domus“ = Haus) nennen Experten diese Umwandlung vom Wildtier zum Haustier.
Einig sind sich mittlerweile die Wissenschaftler, dass der Hund das erste Haustier des Menschen war. Schon seit ungefähr 30.000 Jahren dient er uns als treuer Begleiter und Beschützer, als Wächter und Jagdhelfer. Allerdings war es nicht der Mensch, der in dieser Partnerschaft den ersten Schritt tat.

Durch Abfall wurden Menschen und Hund zu besten Freunden
Es war vielmehr der Wolf, der sich in die Nähe menschlicher Siedlungen wagte – wo er sich vermutlich an den Abfällen gütlich tat.
„Dieser vom Tier ausgehende Kontakt ist einer von drei Domestizierungswegen, der auch bei Arten wie dem Meerschweinchen, dem Haushuhn oder der Haustaube zutreffen könnte“, vermutet der Experte.
Beim zweiten Domestizierungsweg diente das Tier ursprünglich als Beute. Beispiele sind die Vorgänger des Hausrindes, der Ziege und des Schafes. Denn vor etwa 10.000 Jahren versuchten die Menschen nach und nach, sich die Jagd auf diese Tiere zu erleichtern. Es war die Zeit, als der Mensch sesshaft wurde und vom Jagen und Sammeln zum Ackerbau überging.

„Die Wildtiere wurden einfach in riesige Gehege getrieben, wo sie als lebende Nahrungsvorräte dienten. Später begannen die Menschen, diese Herden über mehrere Generationen zu halten und ihre Fortpflanzung zu kontrollieren“, so Sánchez-Villagra.
Der dritte Weg wird als direkte Domestizierung bezeichnet. Trag- und Zugtiere wie Pferd, Esel oder Kamel fing der Mensch vor rund 6.000 Jahren wohl ganz bewusst mit der Absicht ein, sie längerfristig zu nutzen und zu Haustieren zu machen. Auch spätere Domestizierungen folgten dem direkten Weg, zum Beispiel beim Kaninchen oder dem Hamster.

Zahm zu sein, reicht nicht
„Zahmheit“ ist generell ein wesentliches Merkmal domestizierter Tiere, weil sie den Umgang mit Menschen tolerieren müssen. „Aber zahm zu sein, reicht nicht“, sagt Sánchez-Villagra. Schließlich werden in Ostasien schon seit mehreren Jahrtausenden Elefanten gezähmt. Trotzdem gilt der Asiatische Elefant nicht als domestiziert. Jäger fangen die jungen Tiere meist im Dschungel ein.

An den Menschen gewöhnt
Jeder einzelne Dickhäuter muss wieder an den Menschen gewöhnt und trainiert werden. „Oder brutal unterworfen“, wie Kritiker dieser Praxis sagen. Wichtig für eine Domestikation ist, dass sich ein Tier gut füttern lässt und früh geschlechtsreif wird. Es muss einfach zu halten sein, keine große Aggressivität zeigen und bestenfalls eine Hierarchie akzeptieren.

„Geparde wären eigentlich gute Jagdhelfer. Doch die Einzelgänger reagieren in Gegenwart anderer gestresst und pflanzen sich in Gruppenhaltung auch nicht fort“, erklärt der Entwicklungsbiologe. Nutz- und Haustiere hingegen wurden bereits über Generationen vom Menschen gezüchtet und unterscheiden sich somit auch in vielerlei Hinsicht von ihren wildlebenden Stammformen – und zwar nicht nur in Körperbau, sondern auch in Leistung und Verhalten.
Bei vielen domestizierten Tieren lässt sich zudem auch noch ein Rückgang des Gehirngewichtes feststellen. Bei Hausschweinen schrumpfte die Hirnmasse – abhängig von der Körpergröße – um ein Drittel. Beim Hund beträgt der Rückgang ebenfalls mehr als 30 Prozent, bei der Katze und beim Schaf ein Viertel.

Angst und Aggression weggezüchtet
Was aber nicht bedeutet, dass diese Tiere dümmer sind. „Das Schrumpfen betrifft vor allem jene Hirnareale, die für die Verarbeitung von Aggression und Angst verantwortlich sind. Also Wesenszüge, die der Mensch gezielt oder unbewusst wegzüchtete“, beruhigt Marcelo Sánchez-Villagra alle Hundefreunde.

Für uns Menschen ist die Domestizierung eine reine Erfolgsgeschichte. Für die Tiere sieht die Bilanz freilich nicht so rosig aus. Einerseits konnten sich manche Arten unter menschlicher „Obhut“ auf der ganzen Welt ausbreiten. Andererseits aber leiden viele Tiere unter dem, was ihnen der Mensch mit der gezielten Rassezucht antut. „Kälbchen landen auf der Schlachtbank, bevor sie ein halbes Lebensjahr hinter sich gebracht haben und manche Hunderassen haben derart kurze Nasen, dass sie kaum noch atmen können“, kritisieren Tierschützer.
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