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Ausgabe Nr. 23/2022 vom 07.06.2022, Foto: ÖAV/A. Fuchs
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Der Experte fürs ewige Eis – der Gletschervermesser Günther Groß.
Die Eisriesen sterben
Unser größter heimischer Gletscher, die Pasterze, droht zu zerbrechen. Auch die anderen Eisriesen werden bald für immer verschwinden. Zwei Experten sprechen über Lösungsansätze und Zukunftsaussichten.
Seit dem Jahr 1891 werden die heimischen Eisriesen vom Gletschermessdienst des Alpenvereins (ÖAV) vermessen. 925 Gletscher gibt es in unserem Land, ein Mann kennt sie alle.
Der Gletschervermesser Günther Groß, 72, beobachtet seit 50 Jahren die Veränderungen der heimischen Eisriesen. Während seiner Tätigkeit an der Uni Innsbruck wurde der Vorarlberger beauftragt, das erste Gletscherinventar zu erstellen. „Ich bin hineingewachsen in diese Aufgabe, mich mit Gletschern zu befassen.“ Zuerst als „Gletscherknecht“, so heißen die Helfer der Gletschervermesser, später dann selbst als Vermesser.

Wo einst mächtige Gletscher waren, sind heute oft nur noch von Schuttablagerungen bedeckte Reste zu sehen. Die Ergebnisse der Messperiode 2020/21 im ÖAV-Gletscherbericht zeigen einen durchschnittlichen Rückgang von elf Metern. Die niedrigeren Sommertemperaturen führten zwar zu einer Verzögerung des Prozesses, aber aufhalten lässt er sich nicht, wie Gerhard Lieb, Geograph am Institut für Geographie und Raumforschung an der Universität Graz bestätigt.

Gemeinsam mit seinem Kollegen Andreas Kellerer-Pirklbauer leitet er den Gletschermessdienst des ÖAV. „Es ist davon auszugehen, dass sich der Gletscherrückgang auch in Zukunft in ähnlicher Intensität wie in den beiden vergangenen Jahrzehnten fortsetzen wird“, sagt Gerhard Lieb.

Ohne Nachschub schmilzt die Gletscherzunge und stirbt
„Als ich in den 1970er Jahren mit meiner Arbeit begonnen habe, sind die Gletscher noch vorgestoßen, also gewachsen. Ab Mitte der 80er begann der Rückgang und jetzt im 21. Jahrhundert ist er wirklich besorgniserregend. Es gibt große ehemals vergletscherte Gebiete, die dahinschmelzen, wo es keine Chance mehr gibt, dass dieses Eis erhalten bleibt“, warnt auch Günther Groß.
Betroffen sind alle Gletscher in unserem Land, auch der bekannteste, die Pasterze am Fuße des Großglockners (K). Das Pasterzeneis zog sich in der aktuellen Messperiode knapp 43 Meter zurück. Der mit acht Kilometern Länge größte heimische Gletscher droht noch in diesem Sommer in zwei Teile zu zerbrechen.

Der untere Teil ist dann Toteis, also Gletschereis, das mit dem aktiven Gletscher nicht mehr verbunden ist. „Ohne Nachschub schmilzt die Gletscherzunge langsam vor sich hin und wird in den nächsten Jahrzehnten verschwinden“, erklärt der Gletschervermesser.
Es sei einfach zu warm, so Groß. „Ich kann mich zurückerinnen an die Sommer der 1960er und 70er Jahre. Da fiel Schnee und die Gletscher waren weiß und vor der Eisabschmelzung geschützt. Derzeit haben wir aber keine nennenswerten sommerlichen Schneefälle mehr, die das verhindern könnten.“

Verschmutzung der Gletscher beschleunigt Abschmelzung
Der ehemalige Geographieprofessor sieht mehrere Faktoren, die den Gletschern schaden. „Das Problem ist nicht alleine beim Treibhausgas CO2 zu suchen. Es spielt eine große Rolle, aber der Bevölkerung wird vermittelt, wenn ein bisschen an dem Rädchen CO2 gedreht wird, dann ist alles in Ordnung. Rein auf Öl und Gas zu verzichten, wird zu wenig sein für den Schutz der Gletscher.“ Auch der Müll in den Gletscherschigebieten wird zunehmend zum Problem. Laut einer aktuellen Untersuchung finden sich allein 30.000 Zigarettenstummel auf einem Hektar Gletscherfläche.
„Alles, was sich da oben ablagert, ist ein Problem. Sobald wir dunklere Flächen auf dem Gletscher schaffen, bedeutet das stärkere Abschmelzung“, sagt der Experte. Große Hoffnung, den Prozess noch zu stoppen, hat er aber ohnehin nicht. „Für die Gletscher dürfte es wahrscheinlich zu spät sein.“

Für Gerhard Lieb steht fest, dass es sich beim Rückgang der Gletscher „um einen Vorgang handelt, der durch die menschlich bedingte Erwärmung der Atmosphäre massiv beschleunigt wird. Eine ambitionierte Umwelt- und Klimapolitik könnte längerfristig den Rückgang der Gletscher verlangsamen“, meint Lieb. Bemühungen, die Gletscher mit Planen zu schützen, wie es etwa in der Schweiz gemacht wird, sind hingegen wenig zielführend. „Das Abdecken mit Planen wird auch in unserem Land reichlich praktiziert, ist aber nur auf kleinen Teilflächen der jeweiligen Gletscher anwendbar“, erklärt Lieb. Das bestätigt auch Günther Groß. „Das macht keinen Sinn. Meist handelt es sich um kleine Gebiete, etwa Liftzufahrten in Gletscherschigebieten. Aber wir reden hier von größeren Eisflächen, die können nicht mit Planen geschützt werden.“

Mittlerweile ist der 72jährige nur noch in den Bergen seiner näheren Umgebung unterwegs. Die Faszination für das „ewige Eis“ hat ihn aber bis heute nicht losgelassen. „Die Gletscher gehören bei uns zum Hochgebirge. Sie beeindrucken, weil sie sich stetig verändern. Heute sind die Gletscher schmutzig. Das Eis ist so abgeschmolzen, dass der Boden darunter zu Tage tritt. Aber wenn die Gletscher verschwinden, geht ein prägendes Landschaftselement für immer verloren“, bedauert Groß.
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