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Ausgabe Nr. 19/2022 vom 10.05.2022, Foto: Stefan Wiebel
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Gerlinde Kaltenbrunner, am 13. Dezember 1970 in Kirchdorf an der Krems (OÖ) geboren, gelang es als erster Frau, ohne zusätzlich mitgeführten Sauerstoff alle 14 Achttausender zu besteigen. Die ausgebildete Krankenschwester, die von 2007 bis 2015 mit dem Extrembergsteiger Ralf Dujmovits verheiratet war, wohnt und arbeitet mit ihrem Lebensgefährten Manfred Jericha am Attersee im Salzkammergut.

Ihre Erkenntnisse und Erfahrungen gibt die 51jährige in Vorträgen, Seminaren und in Form von Yoga- sowie Bergwander-Tagen weiter (www.gerlindekaltenbrunner.at).
„Ich bitte den Berg, aufsteigen zu dürfen“
Ihr Weg führte über alle 14 Achttausender. Die Bergsteigerin Gerlinde Kaltenbrunner (51, „Bergwelten“, Mo., 16.5., 20.15 Uhr, ServusTV) erklärt, was sie motiviert, extreme Gipfel zu erklimmen, wie sie mit den Bergen spricht und wo ihr die eigene Vergänglichkeit bewusst wurde.
Frau Kaltenbrunner, es heißt so schön „Der Berg ruft“. Rufen Sie zurück, reden Sie mit den Bergen?
Ja, vor allem bei Expeditionen gehe ich in Verbindung mit dem Berg und der jeweiligen Route und bitte um Erlaubnis, aufsteigen zu dürfen. Ich bitte auch darum, dass ich gut wieder nach unten komme. Im inneren Dialog spüre ich hin, wie der Berg auf mich wirkt, ob mein Gefühl zum Aufstieg passt oder der Berg eher abweisend wirkt.

„Nicht der Berg ist es, den man bezwingt, sondern das eigene Ich“, sagte Edmund Hillary († 2008), Erstbesteiger des Mount Everest. Stimmen Sie ihm zu?
Das sehe ich etwas anders. Es geht mir nie darum, etwas zu bezwingen, weder den Berg, noch das eigene Ich. Vielmehr geht es mir um die Wahrnehmung des eigenen Ichs, meine eigenen Grenzen zu verschieben, sie jedoch nicht zu überschreiten. Stellen sich Hürden, versuche ich sie nicht zu bezwingen, sondern sie durch Bewusstwerden der Situation im Inneren aufzulösen.

Was treibt Sie auf die Gipfel, was spornt Sie an?
Einerseits ist es das Aufbrechen, sich dem Berg zu nähern, und weit weg von jeder Zivilisation und jeglichem Luxus in die Bergwelt einzutauchen, die durch die Höhe und Abgeschiedenheit eine ganz neue Dimension darstellt. Andererseits ist es der Berg an sich, der mich antreibt, die richtige Route zu finden und mit den eigenen Kräften zu haushalten. Beim Höhenbergsteigen bin ich ganz im Jetzt. Ich habe mich weiterentwickelt, mehr Geduld, Gelassenheit und Ruhe bekommen. Dazu kommen die wunderschönen Anblicke, die ersten Sonnenstrahlen im Gesicht – das sind magische Momente.

Ist das Bergsteigen noch immer eher etwas für die Männer? Mussten Sie um Gleichberechtigung in luftiger Höhe kämpfen?
„Gekämpft“ habe ich darum nicht. Klar, Bergsteigen ist eine Männer-Domäne, obwohl immer mehr Frauen an den hohen Bergen unterwegs sind. Am Nanga Parbat im Jahr 2003 wurde ich zunächst von den Bergsteigern einer Kasachischen Expedition nicht wahrgenommen beziehungsweise nicht miteinbezogen. Das änderte sich bald am Berg, als sie erlebten, dass auch ich mich an Gruppenarbeiten wie der Spurarbeit und am Transport sowie Verlegen der Fixseile beteiligte. Im Team mit einem Ziel gibt es Aufgaben, die man gemeinsam meistert – jeder im Rahmen seiner Möglichkeiten. Durch Engagement und Tun erfolgt Akzeptanz beziehungsweise Resonanz. Die Akzeptanz kam in meinem Fall mit den Erfolgen an den hohen Bergen, was mich freute. Stets wichtig war für mich, ganz bei mir zu bleiben.

Sie leben seit mehr als einem Jahrzehnt vegan. Fühlen Sie sich besser, seit Sie fleischlos essen?
Mit biologisch hochwertiger, rein pflanzlicher Ernährung hat sich nicht nur meine Regeneration nach dem Training verbessert, sondern auch mein Hautbild und die geistige Konzentration. Meine Schlafphasen verkürzten sich von neun auf sechs Stunden. Wichtig ist mir zu erwähnen, dass vegan nicht gleichzeitig gesund bedeutet. Zum Beispiel sind raffinierte Zucker vegan, jedoch schädlich für unseren Körper.

Worauf gilt es beim Essen und Trinken hoch droben am Berg zu achten? Was passiert, wenn die Lebensmittel ausgehen?
In großer Höhe dickt das Blut ein, weshalb eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr absolut wichtig ist. Am Berg bedeutet dies, dass stundenlang mit dem Kocher Schnee geschmolzen werden muss, um auf eine Trinkmenge von fünf bis sechs Liter zu kommen. Dadurch bleibt die Blutzirkulation vom Kopf bis zu den Extremitäten aufrecht. Fettes Essen, das wir vom Kalorienbedarf durchaus benötigen würden, ist in der Höhe nicht zuträglich. Bei der Fettverdauung wird zusätzlich Sauerstoff verbraucht, worauf der Körper mit Kopfschmerzen und Unwohlsein reagiert. Darum ist in großer Höhe leichtverdauliche Kost wichtig wie vitamin- und mineralstoffreiche Trockenfrüchte, Erdäpfelpüree, Gemüsesuppen. Wenn das Essen knapp wird oder ganz ausgeht, was uns beim Aufstieg zum Gipfel am K2 passiert ist, bleibt einem nichts anderes übrig, als von den Reserven zu zehren und weiterhin viel zu trinken. Ohne ausreichende Flüssigkeit wird es lebensgefährlich.

In großer Höhe ist es nicht ungewöhnlich, dass erfrorene Bergsteiger den Weg säumen. Da wird einem schonungslos die Gefahr vor Augen geführt. Wie oft fühlten Sie schon Ihr Leben bedroht?
Mit der eigenen Vergänglichkeit wurde ich vor allem am Dhaulagiri, dem höchsten Gipfel im Himalaya, konfrontiert. Das war im Jahr 2007, als ich samt Zelt von einer Lawine erfasst wurde. Seither setze ich mich immer wieder intensiv mit Leben und Tod auseinander. Angst vor dem Tod habe ich mittlerweile keine mehr. Schon in meiner Zeit als Krankenschwester las ich viel von der Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross, was mir geholfen hat, den Tod zu akzeptieren und solange wir ein irdisches Leben führen dürfen, damit bewusst und achtsam umzugehen. Die Angst, egal wovor, vor allem jedoch die Angst vor dem Tod, lässt einen Dinge tun, die einerseits nicht hilfreich für die eigene Weiterentwicklung sind und uns andererseits daran hindern, richtig am Leben zu sein.
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