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Ausgabe Nr. 19/2022 vom 10.05.2022, Foto: Katharina Schiffl
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Angela Szerafin, pensionierte Lehrerin.
Ein Reim aufs bessere Leben
Bei ihrer Arbeit als chirurgische Assistentin entdeckte Alexandra Grünwald ihr Interesse an der Psychosomatik und der Heilkraft von Reimen. Über die positive Wirkung von Reimen hat sie ein Buch geschrieben, in dem sie von Menschen erzählt, für die ein einfacher Satz lebensverändernd war. Und dass ihnen Reime neuen Mut verliehen haben, um besser durch das Leben zu kommen.
Immer wieder stellte Alexandra Grünwald, 53, fest, dass sich ihr Patienten anvertrauten. Während Magen- und Darmspiegelungen erzählten sie nicht nur von ihren Beschwerden, sondern auch aus ihrem Leben. Grünwald, die damals als chirurgische Assistentin eines Arztes arbeitete, fielen dabei im Laufe der Jahre Zusammenhänge zwischen körperlichen Beschwerden und psychischen Problemen auf.

„Nicht umsonst heißt es, dass uns etwas auf den Magen schlägt“, erzählt Grünwald, die sich bald mit der Psychosomatik zu befassen begann. „Körperliche Vorgänge sind eng verflochten mit sozialen Lebensbedingungen. Ich habe damals erkannt, dass Menschen mehr brauchen als Medizin.“

Denkweisen verändern sich
Doch dafür blieb in der Hektik des Praxislebens keine Zeit. Grünwald sattelte auf Therapeutin um und kam mit „Affirmationen“ in Berührung. Dabei handelt es sich um lebensbejahende Sätze, die sich jemand immer wieder vorsagt, um seine Denkweise zu verändern, was nicht von heute auf morgen funktioniert. Je öfter er sich „seine“ Sätze vorsagt, desto stärker dringen sie ins Unterbewusstsein ein und entfalten früher oder später ihre Wirkung.

Damit es nicht zu kompliziert wird, setzt Grünwald auf Reime, die leicht zu merken sind. Auch der Innsbrucker Arzt und Psychologe Christian Schubert fand heraus, dass Reime durch ihren Rhythmus besser vom Unterbewusstsein aufgenommen werden. Was Grünwald auch bei ihren Kindern feststellte, als sie noch klein waren. Um sie zum Helfen im Haushalt zu animieren, reimte sie: „Lasst uns jetzt den Tisch schön decken und das Essen wird noch besser schmecken.“ Das machte den Kindern Spaß. Sie sprachen den Reim nach und halfen tatsächlich beim Tischdecken.
Heute reimt die Therapeutin für ihre Klienten, die mit den unterschiedlichsten Problemen zu ihr kommen. Für einen Manager, der ihr von seinen Existenzängsten erzählte, schrieb sie spontan auf einen Zettel: „Ich fasse neuen Lebensmut und alles, was ich tu, ist gut.“ Nach Hause schickte sie ihn mit der Idee, den Reim vorzusagen, wenn die negativen Gedanken kamen, und zwar so lange, bis er von selbst darauf vergaß. „Dann ist der Bann der negativen Gedanken gebrochen und sie können keinen Schaden mehr anrichten“, erklärt Grünwald.

Reime als jahrelange Begleiter
Der Manager war der Auslöser für sie, ihr Buch über die heilende Kraft der Reime zu schreiben. „Er hat mir vor nicht allzu langer Zeit erzählt, wie es ihm mit dem Reim ergangen ist. Er hat ihn tatsächlich all die Jahre begleitet. Heute reicht es ihm, den Satz nur ein oder zwei Mal zu sagen und seine Welt hellt sich wieder auf.“

Ähnliches hat die ehemalige Lehrerin Angela Szerafin, 72, erfahren. Die Pensionistin verlor vor vielen Jahren ihren Mann bei einem Autounfall, einer ihrer Zwillingssöhne verstarb im Jahr 2013. Was sie in eine Depression stürzte. Lange Zeit konnte sie nicht darüber sprechen.
Geholfen haben ihr Alexandra Grünwald und deren Reime. „Der Schmerz ist da und geht über Jahre.“ Szerafin stellte fest, dass die Zeit in solchen Fällen nicht alle Wunden heilt. „Das Reimen hat mir einen Aufschwung gegeben. Die Sprüche sind wie Melodien. Sie waren wichtige Begleitmomente in meiner Trauer, weil sie mir eine Art Rückenstärkung gegeben haben.“
Einer ihrer Reime lautet: „Voll Vertrauen kann ich gehen und deutlich meine Ziele sehen.“ Ihn wendet sie bis heute an und sagt sich den Spruch nach dem Aufwachen und vor dem Einschlafen vor.

Als zu den Todesfällen auch noch Ungereimtheiten mit ihrer Schwiegertochter kamen, kreisten Angela Szerafins Gedanken ständig um das Thema und hielten sie erneut vom Leben ab, bis sie wieder zu Reimen begann.
„Das Problem ist nach wie vor gegeben, aber ich betrachte es nicht mehr aus demselben Blickwinkel“, sagt sie. „Das ist für mich das Entscheidende, was beim Reimen passiert. Das Schicksal erleichtert sich und damit verändert sich das Problem. Ich konnte meinen Frieden schließen. Der Satz, der das vollbracht hat, lautet: ‚Voll Vertrauen lass ich mich führen, was zu tun ist, kann ich spüren.‘“
Voraussetzung für die Wirkung ist allerdings, dass man Reime mag. So wie Angela Szerafin, die schon immer gerne Geburtstagsgedichte geschrieben hat – oder die Autorin Grünwald, die familiär vorbelastet ist. „Ich reime schon mein ganzes Leben, weil mein Vater Gedichte geschrieben hat. Reimen ist lustig. Es heißt sicher nicht umsonst, sich einen Reim aufs Leben machen. So hat alles seinen Sinn.“

Buchempfehlung:
Ich fasse neuen Lebensmut ...
Wie du mit kleinen Reimen dein Leben veränderst.

Alexandra Grünwald
ISBN 978-3-99001-573-5
Verlag edition a
€ 20,–

Testen Sie die heilende Wirkung

Für Singles, die sich verlieben möchten:
„In meinem Herzen hab‘ ich Platz
für einen wunderbaren Schatz.“


Für Menschen, die sich gestresst fühlen:
„Alles, was ich will und tu,
schaffe ich in aller Ruh‘.“


Für jene, die ihren Alltag als freudlos empfinden:
„Liebe fließt durch meine Zellen,
Freude darf mein Herz erhellen.“


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„Die Natur gibt mir die Kraft,
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Um Ziele zu erreichen:
„Ich setze mir ab jetzt zum Ziel,
ich schaffe alles, was ich will.“


Um sich selbst zu motivieren:
„Die Sonne scheint und ich bin froh,
das Leben mach‘ ich so und so.“


Um schwierige Phasen zu überwinden:
„Ich betrachte still und leise
mein Leben jetzt als schöne Reise.“


Gegen Angst und Furcht:
„Ich vertraue mir voll und ganz,
mein Leben strahlt in neuem Glanz.“


Für Menschen, die abnehmen möchten:
„Es ist einfach wunderbar,
meine Traumfigur ist endlich nah.“


Zum Tagesbeginn:
„Guten Morgen, liebes Ich.
Ich spüre es, ich liebe mich.“


„Fragen Sie sich, was Sie belastet und was Sie erreichen möchten. Der erste Teil des Reims beinhaltet das Problem und der zweite die Lösung. Am besten wirken die Reime, wenn Sie sich wohlfühlen, zum Beispiel beim Spazierengehen oder in der Badewanne.“
Alexandra Grünwald, Therapeutin und Autorin
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