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Ausgabe Nr. 18/2022 vom 03.05.2022, Foto: ddp/Picture Press/Akos Stiller/Stern
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Seit seinem fünften Lebensjahr spielt er Turniere.
Wunderkinder – Teil 3: Abhimanyu Mishra, ein indisch-stämmiger Amerikaner und ein Genie am Schachbrett
Der jüngste Großmeister aller Zeiten. Mit zwei Jahren und acht Monaten begann der in Amerika lebende Inder Abhimanyu Mishra Schach zu spielen. Jetzt ist er der jüngste Großmeister aller Zeiten und möchte Weltmeister werden. Er will den seit 2013 am Thron sitzenden Norweger Magnus Carlsen, 31, besiegen. Doch dafür muss der junge Spieler erst einmal Geld sammeln.
Zeit, ein Kind zu sein, hatte Abhimanyu Mishra nicht. Kaum war er geboren, wurde er zum Wunderkind erklärt. Videos aus seinen frühesten Jahren zeigen den kleinen Buben, wie er mit noch zarten Fingern die Figuren auf einem Schachbrett aufstellte. Da war er gerade einmal zwei Jahre und acht Monate alt und sein Vater Hermant fest entschlossen, seinem Sohn das Spiel der Könige beizubringen.
„Ich habe bemerkt, dass Kinder in seinem Alter ständig mit dem Mobiltelefon und mit dem Computer beschäftigt waren“, erklärt er. „Vor dieser Sucht und dem Abgleiten in die virtuelle Welt wollte ich ihn bewahren.“

Freilich spielte sein eigener Ehrgeiz, sein Kind zu Höchstleistungen zu treiben, ebenso eine Rolle, als er erkannt hat, dass sein Sohn tatsächlich ziemlich klug ist. Warum die Wahl auf Schach fiel, kommt nicht von ungefähr.
In Indien, wo Mishras Familie ihre Wurzeln hat, gilt Schach neben Cricket als Nationalsport und wird sogar vom Staat gefördert. Als sich der Inder Vishy Anand, 52, im Jahr 2007 dann noch zum 15. Schachweltmeister der Geschichte krönte, erreichte der Boom auch den amerikanischen Bundesstaat New Jersey, wo Abhimanyu Mishra am 5. Februar 2009 nach der Emigration seiner Familie im Jahr 2006 geboren wurde und bis heute lebt – wenn er nicht gerade in Begleitung seines Vaters irgendwo an einem Schachturnier teilnimmt.

Zwölf Stunden Training pro Tag
Das ist deshalb möglich, weil Mishra ein Ausnahmetalent ist. Eigenen Angaben zufolge trainiert er zwölf Stunden pro Tag und hat auch keine anderen Hobbys. „Für mich gibt es nur Schach“, sagt der 13jährige. Einer Reporterin, die ihn um Tipps gebeten hatte, ihr Schachspiel zu verbessern, riet der Bub: „Je mehr du übst, desto besser wirst du. Ein anderes Geheimnis gibt es nicht.“

Tatsächlich fand der Psychologe Anders Ericsson 1993 in einer Studie heraus, dass es 7.400 Stunden braucht, um in einer Disziplin Weltklasse zu werden. Übung macht also den Meister. Dazu kommt späteren Erkenntnissen zufolge aber auch eine Kombination aus Umwelt- und genetischen Faktoren. Im Fall von Mishra ist das neben Fleiß mit Sicherheit auch Intelligenz. Zuletzt benötigte er nur ein Jahr, um zwei Schuljahre hinter sich zu bringen. „Jetzt habe ich noch mehr Zeit, um Schach zu spielen.“ Das hat sich gelohnt, denn seit 30. Juni 2021 darf sich der 13jährige jüngster Großmeister aller Zeiten nennen.
Um die Bedeutung dieses Titels zu verstehen, muss erklärt werden, dass er neben dem Weltmeistertitel der höchste ist, den die internationale Schachvereinigung FIDE vergibt. Mishras Vorgänger war der für Russland spielende Sergei Karjakin, 32, der mit zwölf Jahren und exakt sieben Monaten jüngster Großmeister der Welt wurde und den Titel nun fast 20 Jahre lang hielt. Bis Abhimanyu kam und den Rekord im Alter von zwölf Jahren, vier Monaten und 25 Tagen unterbot.

Wie außergewöhnlich diese Leistung ist, zeigt auch, dass während der Corona-Pandemie viele Turniere weltweit gestrichen wurden, aber notwendig waren, um wertvolle Punkte zu sammeln, die die Stärke eines Spielers messen. 2.500 davon und drei Normen braucht es, um Großmeister zu werden. So begann ein Wettlauf gegen die Zeit, den der junge Amerikaner mit indischen Wurzeln nur gewinnen konnte, weil er mit seinem Vater für mehrere Monate nach Budapest (Ungarn) übersiedelte. Dort waren die Corona-Regeln weniger streng und Turniere fanden statt. Sie ermöglichten es dem Buben im Juni 2021, mit 2.524 Punkten Großmeister zu werden. „Ich hatte dieses Ziel, seit mein Sohn seinen ersten Rekord gebrochen hat“, meinte Vater Hermant stolz.

Dazu zählt, dass sein Sohn im Alter von sieben Jahren, sechs Monaten und 22 Tagen der jüngste Schachspieler der „United States Chess Federation“ mit dem Status eines „Experten“ war, mit neun Jahren, zwei Monaten und ein paar Tagen jüngster nationaler US-Meister wurde und seit November 2019 den Weltrekord als jüngster Internationaler Meister innehat – und zwar seit er zehn Jahre, neun Monate und 20 Tage alt ist.

Die Mama versucht, Geld aufzutreiben
Turniere zu spielen, begann Abhimanyu Mishra als Fünfjähriger und wurde seither von professionellen Betreuern unterstützt. „Sie haben uns gesagt, was zu tun ist, und wir haben es ausgeführt“, erzählt Hermant Mishra. Mit „uns“ ist auch Mama Swati gemeint, die mit Abhimanyus jüngerer Schwester Rhidina von New Jersey aus ihren Anteil am Erfolg hat.

Da die Familie bisher rund 250.000 Euro in die Karriere des Sohnes investiert hat, ist sie auf finanzielle Hilfe angewiesen. Swati, die abergläubisch ist und ihrem Sohn deshalb nie bei einem Spiel zusieht, sammelte im Internet bei einer Spendenaktion fast 16.000 Euro, um den Aufenthalt in Ungarn zu finanzieren.

Dennoch muss ihr Sohn weiter um Sponsoren bitten, um sein nächstes Ziel in Angriff nehmen zu können – den Weltmeistertitel, den sein großes Idol Magnus Carlsen, 31, aus Norwegen seit 2013 innehat, zu erobern.
Carlsen stand im April bei 2.864 Punkten. Zum Vergleich dazu belegt unser bester heimischer Spieler Markus Ragger, 34, mit 2.643 Punkten den 117. Platz.
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