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Ausgabe Nr. 17/2022 vom 26.04.2022, Foto: Jens Koch / Picture Press / picturedesk.com
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Schauspieler Benedict Cumberbatch, 45, führt ein wildes Leben.
„Banditen sperrten mich in den Kofferraum“
Er überzeugt als Detektiv „Sherlock Holmes“, Cowboy, Magier und als Superheld „Dr. Strange“. In dieser Rolle ist er ab viertem Mai wieder in unseren Kinos zu sehen. Ein Charakter, den der britische „Gentleman“ eigentlich gar nicht spielen wollte. Privat ist der Abenteurer bereits mehrmals dem Tod von der Schaufel gesprungen.
Der bösartige Cowboy mit dem speckigen Hut schimpft seinen Bruder „Fettsack“. Seinen Neffen Peter, der lieber Papierblumen bastelt, als männlich aufzutreten, nennt er höhnisch „Nancy“ und rät ihm, sich von seiner Mutter Rose nicht zum Weichei machen zu lassen. Dann kastriert der Rinderzüchter mit nackten Händen einen Stier und macht ihn zum Ochsen. Zwischen seinen Zähnen steckt ein Messer.

Von Banditen ausgeraubt und gefesselt
So brutal wie in „The Power of the Dog“ (2021) haben wir den englischen Darsteller Benedict Cumberbatch, 45, noch nie gesehen. Den meisten ist der am 19. Juli 1976 geborene Schauspieler besser bekannt als nachdenklicher Detektiv Sherlock Holmes in der gleichnamigen Fernsehserie (2010–2017) oder als Superheld aus dem Marvel-Filmuniversum „Dr. Strange“.

Ab 4. Mai ist nun der zweite Teil „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“ in unseren Kinos zu sehen. Eigentlich wollte Cumberbatch schon im ersten Teil nicht mitspielen. „Ich hatte wegen der Comics meine Zweifel. Ich dachte, das sei ein veralteter, sexistischer Charakter“, gesteht der britische Mime. Das Filmstudio konnte ihn aber dazu überreden, „Dr. Strange“ einen moderneren Hauch zu geben.

Während der Dreharbeiten zu dem Film „Hawking – Die Suche nach dem Anfang der Zeit“, in dem er den jungen britischen Wissenschaftler Stephen Hawking († 2018) spielte, fanden Ahnenforscher heraus, dass Cumberbatch ein Cousin 18. Grades von Arthur Conan Doyle (1859–1930) ist, dem Schöpfer von Sherlock Holmes. Das passt gut zu seinem aristokratischen Auftreten.

Die Wurzeln dafür setzten seine Eltern in London (England). Die beiden Schauspieler steckten ihren Sprössling in ein konservatives Internat. „Sie versuchten, mich von ihrer eigenen beruflichen Laufbahn abzuhalten“, sagt Cumerbatch. Doch das war vergeblich. „Ich war zu neugierig, suchte ein interessanteres Leben. Ich war wohl auch ein bisschen absonderlich – ein Abenteurer.“
Die Aufregung suchte er immer. Er fuhr Autorennen und sprang mit dem Fallschirm aus Flugzeugen. Dem Tod sprang er oft nur knapp von der Schaufel. Mit 19 Jahren lehrte er im Himalaya-Gebiet tibetanische Mönche Englisch. An freien Tagen paddelte er den wilden Kali-Gandaki-Fluss hinunter oder streifte über die Berge.

Bitterernste Familiengeschichte
Eines Tages verirrten er und ein Freund sich im Nebel. „Wir hatten nichts mehr zu essen, saugten Regenwasser aus dem Moos. Nachts verkrochen wir uns in Höhlen. Nach drei Tagen schafften wir es in ein Dorf, wo die Bewohner uns mit dem Wenigen fütterten, was sie hatten.“
Rund zehn Jahre später, als er in Südafrika die Mini-Serie „To the Ends of the Earth“ drehte, machten er und zwei Kollegen Bekanntschaft mit bewaffneten Banditen. „Ausgeraubt und gefesselt landeten wir im Kofferraum unseres Mietwagens.“ Nach einer halben Stunde stoppte das Auto und der Kofferraumdeckel sprang auf. „Wir dachten, jetzt würden sie uns erschießen. Aber die Kerle waren verschwunden.“

Wieder in England, begann Cumberbatch, gegen den Willen seiner Eltern Theater zu studieren. „So fand ich meine Zukunft.“ Im Jahr 2013 drehte er „12 Years a Slave“. Der Film handelt von einem Farbigen in den Vereinigten Staaten, der 1853 entführt und als Sklave verkauft wurde. Cumberbatch spielte einen Plantagenbesitzer und Prediger in Louisiana – und wurde mit einer bitteren Erkenntnis konfrontiert. Denn seine eigenen Vorfahren waren bis 1830 Sklavenhalter auf der Karibikinsel Barbados. Über den Film erzählt er: „Wir wollten das millionenfache Unrecht zeigen, das Afrikanern zugefügt wurde. Es nahm mich mit zu sehen, wie es der Mann endlich schaffte heimzukehren und wie er sich bei seiner Familie für sein langes Wegbleiben entschuldigte.“ Zwei Jahre danach gründete Cumberbatch selbst eine Familie. Im Februar 2015 heiratete er auf der Ärmelkanal-Insel „Isle of Wight“ die Theaterdirektorin Sophie Hunter, 44, mit der er 17 Jahre lang befreundet war. Ihre drei Kinder halten sie vom Rampenlicht fern. Bis 2015 lebte Cumberbatch in der Shirlock Road im Norden Londons. Dort war er morgendlichen Joggern bekannt. Meistens ließen sie ihn in Ruhe. Sprach ihn doch jemand an, tat er so, als sei er nicht der bekannte Schauspieler. „Hier laufen viele Menschen herum, die im Jogging-Gewand aussehen wie Cumberbatch.“

„Ich habe die Welt gesehen“
Nach seiner Hochzeit kaufte er für seine Familie eine neue, ständige Residenz in den Hidden Hills nordwestlich von Los Angeles (USA). Es ist ein ausgedehnter Landsitz im toskanischen Stil mit zwei Tennisplätzen und Schwimmbecken. In seinem Büro, im hinteren Teil der Villa, studiert er Drehbücher. In seine Rollen taucht er tief ein. Während der Dreharbeiten zum Cowboy-Streifen „The Power of the Dog“ wollte er aus der Haut des bissigen Rinderhüters gar nicht aussteigen. „Ich wusch mich tagelang nicht, weil ich wollte, dass alle meinen Gestank rochen. Und wenn mich jemand mit meinem Namen ansprach, reagierte ich nicht. Ich war nicht mehr Benedict, sondern Burbank.“

Gefragt, wie er sich heute fühle, antwortet Cumberbatch: „Ich habe die Welt gesehen, bin geschwommen, habe Gipfel bezwungen und Filme gedreht. Sollte morgen alles enden, so könnte ich sagen, ich bereue nichts. Ich habe schon 5.000 Mal gelebt.“
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